Glücklich Ehe – oder hat der ’nen Knall?

1929 schreibt mein Großvater seiner Frau folgenden Brief:

„Mein liebes Geburtstagskindchen!

Zu allererst wünsche ich Dir, meine herzliebe Frau, alles Gute und das Beste, was Du in dem neuen Lebensjahr nur haben kannst.

Mit all dem möchte ich Dich überschütten und Dir alles zu Füßen legen, was Du dir nur wünschst und ersehnst. Vor allem wünsche ich Dir, mein liebster Schatz, immer recht gute Gesundheit und frohen Mut auch weiterhin.

Wir sind ja nun schon ein gut Stück Weges zusammen gegangen auf der Lebensbahn, mein Schätzchen, die Lebenskurve neigt sich, wenigstens bei mir, bedenklich dem Ende zu. Aber je älter ich werde und je näher das Ende unserer gemeinsamen Wanderung heranrückt, um so mehr und um so stärker wird in mir das Bewusstsein für das unverrufen große Glück, dass der liebe Gott Dich und gerade Dich mir als Genossen auf der Lebenswanderung zugesandt hat.

Und nun noch einen recht herzlichen Geburtstagskuss, meine herzgeliebte Frau!“

Großvater, Ölbild aus den 20er Jahren

1929, da war mein Großvater 58 Jahre alt, seine Frau 44, sie hatten 5 Töchter und waren seit 30 Jahren verheiratet. Als ich den Brief, den ich im Nachlass meiner Mutter gefunden habe, zum ersten Mal gelesen habe, da habe ich gedacht: Der hat ’nen Knall, der Alte. Das kann doch nur aufgesetzt sein, gekünstelt, unecht.

Oder sollte doch alles ganz wahr und ganz echt sein? Wäre doch viel schöner.

Großmutter und Großvater im Garten ihres Hauses, um 1936

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10 Gedanken zu „Glücklich Ehe – oder hat der ’nen Knall?

  1. Utasflow

    Der Brief passt in die Zeit. Ich habe gerade einen Sonntags-Radio-Gottestdienst gehört, der das Thema „Sprachlosigkeit in Beziehungen“ hatte. Gesprochene und geschriebene Statements sind wichtig und dienen der Ortsbestimmung der Beziehung. Mich berührt der Brief sehr (abgesehen vom Kindchen, das ich in der heutigen Zeit nicht hören möchte gegenüber einer Frau).

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Sprachlosigkeit in Beziehungen jeder Art ist ein großes Thema. Ich freue mich auch immer über die Geburtstagskarten, die mir meine Frau schreibt, manche habe ich auch aufgehoben. Lieber Kitsch als Sprachlosigkeit, sicherlich.
      „Kindchen“ – hm, ist ja von GeburtstagsKIND abgeleitet, das könnte man vielleicht als mildernden Umstand werten. Und, um meinen Großvater, den ich nie kennengelernt habe, in Schutz zu nehmen: Er war, zumindest, was seine Töchter angelangt, seiner Zeit voraus. Er hat darauf bestanden, dass sie alle 5 Töchter den best möglichen Schulabschluss machten und einen Beruf erlernten, was bekanntlich doch eher selten war. So war meine Mutter das einzige Mädchen in ihrer Abiturklasse und später eine der ganz wenigen Frauen beim juristischen Examen. Ihr Mann, also mein Vater, sagte dann aber doch ab und an zu ihr: „Aber Kindel … !“…

      Antwort
    1. emhaeu Autor

      Sicherlich, späteste Spätromantik sozusagen … mir scheint, damals schon etwas aus der Zeit gefallen. Aber die Großmutter stammte ja auch aus dem 19. Jahrhundert. An eine junge Geliebte hätte er vielleicht anders geschrieben ….

      Antwort
    1. emhaeu Autor

      Prima, wenn sie jemand liest! Man sollte den Erben etwas mehr gönnen als nur Geld und Geldwertes, so richtig schöne Peinlichkeiten z. B.

      Antwort
    1. emhaeu Autor

      Großmutter mochte gerne Pralinen und Königsberger Marzipan – kandierte Veilchen wohl weniger ((oh, jetzt habe ich die kandierten Veilchen doch sicherheitshalber mal gegoogelt, die gibt es ja tatsächlich … und ich dachte an eine schönschräge Metapher …))

      Antwort
      1. puzzleblume

        Ja, und manchmal waren sie auf die Herzen vom Königsberger Marzipan gelegt, nicht immer nur das rote und grüne kandierte Gedöns. 🙂
        Mit dem Knabbern kandierter Veilchen soll sich übrigens Josephine Beauharnais die Zähne ruiniert haben, schon bevor Napoleon sich in sie verliebte.

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