Zeitungsenten (1): Ein alter Mann als Lokalreporter

Warum glaubst Du eigentlich nichts, was die Medien erzählen, werde ich ab und an gefragt. Dass ich nichts davon glaube, ist natürlich maßlos übertrieben, aber ich bin schon sehr, sehr skeptisch. Und das nicht erst, seitdem das schöne harmlos klingende deutsche Wort „Zeitungsente“ durch „fake news“  ersetzt worden ist. Meine Skepsis hat einen Grund, viele Gründe. Ich will da mal etwas weiter ausholen. Beginnen wir mit der „Kölnischen Rundschau“.

Bild gefunden auf koeln.de

(1)

Meine Eltern lasen in den 60er Jahren die „Kölnische Rundschau“ und die „Zeit“. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, das, was ich da als Jugendlicher gelesen habe, irgendwie anzuzweifeln. Die Eltern äußerten auch keine Zweifel, alles in Butter also.

Dass man nicht alles auf die Goldwaage legen darf, was so in der „Rundschau“ stand, merkte ich, als meine Mutter anfing, für die katholische Pfarrgemeinde die Seniorenarbeit zu organisieren. Das meiste, was sie auf die Beine zu stellen versuchte, war nicht so arg erfolgreich. Adventskaffee, klar, Karnevalsnachmittag sowieso. Bis sie auf die Idee kam, Kaffeefahrten in die nähere Umgebung anzubieten. Die waren fast immer ausgebucht. Um für die Sache noch etwas die Werbetrommel zu rühren, durfte natürlich die „Presse“ nicht fehlen. Der Lokalreporter der „Rundschau“ wurde eingeladen, kam, machte ein paar Bilder und eine Menge Notizen. Aber als die Zeitung mit dem Artikel kam,  hatte der Reporter immer einiges durcheinander gebracht, was meine Mutter jedesmal schrecklich ärgerte. Bis sie schließlich dem Herrn Lokalreporter immer einen fertigen Text in die Hand drückte, den ich schreiben musste, denn meine Mutter hatte bald raus, dass mir das viel leichter fiel als ihr.

Mein Vertrauen in die „Rundschau“ hatte dadurch freilich nicht entscheidend abgenommen. Schließlich war der Lokalreporter ein alter Mann und Alte, da war ich mir Ende der 60er Jahre ganz sicher, kriegen sowieso nichts auf die Reihe.

 

Advertisements

8 Gedanken zu „Zeitungsenten (1): Ein alter Mann als Lokalreporter

  1. Manfred Voita

    Wer mit der örtlichen Presse zu tun hat, lernt, dass er besser seine Texte fertig abgibt, das kann ich nur bestätigen. Dass wir auch dem politischen Teil gegenüber skeptisch sein müssen, haben wir gelernt. Inzwischen vertrauen immer weniger Menschen den Medien, glauben aber jeden Scheiss.

    Antwort
  2. Pit

    Hallo Martin,
    es ist klar, dass es falsche Berichterstattung bzw. verfaelschte bzw. ungenaue schon immer gegeben hat und auch weiterhin geben wird, aber „fake news“ ist nun doch etwas Anderes, finde ich. Mit diesem Begriff wird – zumindest hier in den USA – die liberale Presse insgesamt diffamiert. Und wenn dann noch von staatlicher Seite aus versucht wird, Journalisten – wenn sie denn die Wahrheit, aber eine fuer die Regierung unbequeme – verbreiten, mundtot zu machen und sie teilweise sogar koerperlich bedroht werden, und ein Praesident(schaftskandidat) dazu coram publico aufruft, dann ist die Demokratie aber wirklich in Gefahr. Dem gegenueber nehme ich die eine oder andere Zeitungsente aber gerne in Kauf.
    Dazu kommt – erschwerend – dass die Massen heutzutage ihre (Des)information ja weniger aus der Presse als ueber das Internet aus den sozialen Medien beziehen, und da gibt es nun ja absolut keine Kontrolle ueber den Wahrheitsgehalt der jeweiligen Meldung – die dann aber per „teilen-Buton“ massenhaft verbreitet wird.
    Wie oben schon gesagt: ueber den Zustnad und die Zukunft der Demokratie hierzulande mache ich mir ernsthaft Sorgen.
    Liebe Gruesse aus einem mittlerweile herbstlichen Fredericksburg,
    Pit

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Interessant, wie der Begriff „fake news“ hier und drüben aufgefasst wird. Hier nämlich wird er in der Regel nur von den eher Linken benutzt, während die Rechten immer „Lügenpresse sagen. „Fake news“ wird hier auch nicht gegen bestimmte Medien generell verwendet, sondern immer nur auf bestimmte Nachrichten bezogen, insofern tatsächlich ganz ähnlich wie Zeitungsente. Gar nicht unbedingt im Sinne von Propaganda.
      Schönen Sonntag!
      Martin

      Antwort
      1. Pit

        Hier ist es ja wohl das Lieblingsschlagwort von Trump: alle Berichterstattung, die zwar wahr, aber nicht in seinem Sinne ist, ist nun einmal „fake“. Und was ich ganz schlimm finde, so ca. 35% der republikanischen Waehlerschaft [seine Hardcore-Anhaenger] glauben ihm ja.
        Einen schoenen Restsonntag Dir,
        Pit

  3. puzzleblume

    In meiner Schulzeit kursierten makabre „BILD-Zeitungswitze“, die immer schon ein Interview mit den ersten Klopsen hatte, wenn irgendwo einer seine Schwiegermutter durch den Fleischwolf gelassen hatte, und der SPIEGEL galt in der Oberstufe bei Schülern und Lehrern (also, denen, die man gut fand, zumindest, nicht die strafversetzten Nazis, für die das Zonenrandgebiet der Gulag war) als lesenswürdig, weil Willi Brandt damals sogar für den SPIEGEL ein Held war.
    Erst später merkte ich, dass die Spiegeljournalisten sich narzistisch selbst bespiegelten und man ab und zu die BILD lesen musste und DDR-Fernsehen gucken, um zu wissen, warum anderen Leute“ so seltsame Meinungen vertraten.
    Daran hat sich nichts geändert, nur dass die Medienkanäle, durch denen den Menschen die Meinungen eingetrichtert werden, noch vielfältiger geworden sind, noch dazu, seit unter den „Jungen“ in Mode gekommen ist, hauptberuflich „Influenzer“ werden zu wollen. Früher war Influenza eine fiese Grippe, aber seine geistigen Endprodukte „going viral“ zu setzen funktioniert ja genauso, wie in der vollen U-Bahn zu niesen.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Die BILD war natürlich immer nur die negative Folie, vor der sich die anderen um so strahlender abhoben. Glaube nicht, dass ich in meiner Jugend incl. Studentenzeit mehr als 2 oder 3 Mal die BILD gelesen habe. Sowas fasste man nicht an. –
      Über die Zunahme des Meinungstrichterns werde ich in einer weiteren Folge noch was schreiben.

      Antwort

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.