Zeitungsenten (3): Wirre Thesen im WDR

Es würde zu weit führen, hier zu erklären, wieso es dazu kam, aber in den 80er Jahren war ich Mitinhaber einer esoterischen Buchhandlung in Köln. Die erste derartige Buchhandlung in Köln, damals war so etwas noch etwas ganz Außergewöhnliches. Deshalb dauerte es nach der Eröffnung auch nicht lange und schon stand jemand vom WDR-Fernsehen vor der Tür. Sie wollten über unsere Buchhandlung berichten, ob es nächsten Donnerstag um 11 Uhr recht sei, es gehe um einen Beitrag für die Sendung „Lokalzeit“.

„Lokalzeit“, wir hatten keine Ahnung, was das war, denn wir hatten schon seit 1974 keinen Fernsehapparat mehr und die ganze Welt des Fernsehens war uns so fremd geworden wie anderen die Welt des Eishockeys. Der Mann war freundlich, das WDR ein seriöser Sender, was sollten wir dagegen haben?

Am vereinbarten Termin rückte das WDR-Team an. Sie filmten hier und dort, dann machten sie ein langes Interview mit der Chefin. Über Esoterik, Spiritualität und „New Age“ – letzteres war damals ein wichtiges Stichwort. Dann wurde alles wieder eingepackt, man verabschiedete sich freundlich.

Der Beitrag dann war allerdings alles andere als freundlich, sondern versuchte zu vermitteln, es handele sich um einen Laden von Spinnern für Spinner. Und um die These zu untermauern, hatten sie aus dem langen Interview nur ein paar Sätze in den Beitrag übernommen, und zwar die Sätze, in denen sich die Chefin ein wenig verhaspelt hatte. Sie war schließlich keine Politikerin, die es gelernt hatte, auf jede Frage eine druckreife Antwort zu geben. Fazit des Sprechers: Es handele sich offenkundig um „wirre Thesen“.

Doch: Auch Kritik ist Werbung. Der Laden lief und konnte bald in ein größeres Ladenlokal umziehen. Wieder kam ein freundlicher Herr vom WDR. Es gehe um einen Beitrag, nein, nicht über den Buchladen, sondern nur über ein bestimmtes Produkt, die sogenannten „Subliminal-Kassetten“, die damals den Markt überfluteten. Den Laden bräuchten sie nur als Drehort. Wir dachten, wir wären clever und forderten 300 DM für die Drehgenehmigung. Das erschien uns viel, aber für den WDR sind das ja nur Peanuts: Klar, geht in Ordnung.

Das Team kam und als erstes wollten sie den Laden etwas umräumen. Der Ständer mit diesen Kassetten stand ihnen zu weit im Hintergrund. Dort stand er aber nicht ohne Grund, denn wir mochten diese Kassetten nicht besonders, wir führten sie nur, weil die Kunden danach fragten. Wir weigerten uns also, umzuräumen, die Jungs vom WDR maulten etwas herum, packten aber dann ihre ganzen Gerätschaften aus und machten einen großen Wirbel, so viel Wirbel, dass wir gar nicht gemerkt haben, dass jemand die Kassetten doch direkt neben die Ladentür gestellt hatte. Zur Ablenkung machten sie wieder ein Interview, das dann nicht gesendet wurde.

Anschließend wollten sie eine Szene mit einem Käufer drehen. Dann müssen wir warten, bis einer kommt, sagte ich naiv. Ach was, wir haben einen Schauspieler dabei, der macht das schon, hieß es. Und tatsächlich stand auf der Strasse ein junger Mann und rauchte. Der kam dann herein, erkundigte sich nach diesen Kassetten, kaufte eine und ging wieder. Die Kameras liefen, einer wedelte immerzu mit einem Mikrofon herum, wie das halt so ist. Und schon waren sie wieder weg.

Die bei uns im Laden gedrehten Szenen wurden dann in den Beitrag eingebettet. Das heißt, erst mal wurde was über die „Subliminal-Welle“ informiert, darauf ein Interview mit einem Fachmann eingespielt, mit einem dieser Fachleute, die die Medien immer zur Hand haben. Der erzählte wunschgemäß allerhand Negatives über diese Kassetten. Dann kam unser Laden, der Schauspieler kaufte die Kassette, nichts Besonderes. Doch damit war die Rolle des Schauspielers nicht zu Ende. Es wurde gezeigt, wie er die Kassette in seinen Walkman einlegt und damit spazieren geht. Dann sprach der Schauspieler: „Solch ein Blödsinn“ und warf die Kassette in den Müll. Ende des Beitrages.

 

 

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12 Gedanken zu „Zeitungsenten (3): Wirre Thesen im WDR

  1. puzzleblume

    Ach ja, die Esoterikwelle der 80er, die war schon eine abenteuerliche Erscheinung. In meiner damaligen Wohn-Kleinstadt war der Buchhandel mehr auf die Nachfrage nach unterhaltsamen Romanen eingestellt, damals habe ich meine Neugier über Order per Post befriedigen müssen. Falls euer Laden Bücher versandt hat, war ich womöglich mal Kundin. Wenn meine Erinnerung nicht komplett daneben liegt, hätte es infolge eines Inserats in Herman van Veens Magazin Pierrot sein können, mir fällt keine andere Quelle ein. Ich hatte übrigens auch seit 1978 keinen Fernseher mehr und WDR war der Radiosender der Region. Diese Ausgaben der „Lokalzeit“ habe ich leider verpasst, aber dass solche Berichte aus dem angeblich richtigen Leben eben doch „geskriptet“ produziert werden, muss man heute wohl immer voraussetzen, aber damals war das alles viel zu neu.

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    1. emhaeu Autor

      Heute kennt man das, wie das „real life“ im TV produziert wird, aber wir zumindest waren damals sehr naiv.
      Versandhandel haben wir nicht betrieben, nur Ladengeschäft in Köln. Den Laden gibt es unter gleichem Namen, aber an anderer Stelle mit neuem Besitzer immer noch. Heute machen die auch Versand.

      Antwort
  2. Susanne Haun

    Ihr hattet mit dem WDR nicht unbedingt Glück! Und ich dachte immer die ARD – Anstalten wären so seriös. Ich habe abr schon öfter gehört, dass es nicht so ist. 😉

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    1. emhaeu Autor

      Ich war damals halt völlig naiv, liebe Susanne, und hatte keinerlei Erfahrungen mit solchen Fernsehteams. Später ist man halt klüger ….

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  3. Manfred Voita

    Diese Methode, ein langes Interview auf wenige Sekunden Text zu reduzieren, ist so selbstverständlich geworden, dass man kaum darüber nachdenkt. Trotzdem ist es eine pure Unverschämtheit, weil die dem Interviewer die vollständige Hoheit über das Gesagte einräumt – und nicht dem, der etwas zu sagen hatte.

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    1. emhaeu Autor

      Wenn man ein gewiefter Politiker ist oder so was, dann besteht man darauf, dass man den Beitrag vorher ansehen kann. Aber wir waren ja völlig naive Anfänger.

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  4. GOOD WORD for BAD WORLD

    Das ist aber echt unschön!
    Ich habe bisher zum Glück nur gegenteilige Erfahrung gemacht, bei uns war prima.
    Aber gehört habe ich davon schon öfter.
    Na, Hauptsache dem Laden hat es geholfen!
    Bei ersten Mal war ja auch gut. 🙂

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    1. emhaeu Autor

      Besser ein Verriss als gar keine Werbung … bald konnte der Laden zum zweiten Mal umziehen, in die Innenstadt, größer, schöner, …. hat aber wohl nicht an der Negativ-Werbung gelegen (;-)

      Antwort

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