Zeitungsenten (4): Man kennt sich, man hilft sich

Um 1990 habe ich sozusagen die Seite gewechselt: Vom Leser zum Schreiber. Über Kontakte aus der esoterischen Buchhandlung kam ich an einen „Job“ als Redakteur bei einer Eso-Zeitschrift. Job in Anführungszeichen, weil von Gehalt keine Rede sein konnte. Nur eine Pauschale für Porto und Telefon bekam ich im Monat, außerdem kostenlos ein Fax-Gerät, es gab ja noch keine Emails. Aber mir ging es nicht ums Geld, sondern ich wollte mal in die Branche reinriechen und, wer weiß, vielleicht hätte ich ja mittelfristig meinen Job an der Schule an den Nagel hängen können. Und außerdem: Wer liest nicht gerne seinen Namen gedruckt in einer Zeitschrift, auch wenn es nur um 15.000 Exemplare ging?

Ich schrieb ab und zu einen Artikel oder eine Reportage, vor allem war mein Bereich aber die Rezensions-Abteilung. Da lernte ich zum einen rasch, dass es eine Menge Leute gab und gibt, die nur allzu gerne ihren Namen gedruckt sehen wollen und die mir deswegen Massen an Rezensionen zuschickten, ohne Honorarforderungen versteht sich. Auch die Verlage geizten nicht mir kostenlosen Exemplaren frisch aus der Druckerpresse, unaufgefordert und natürlich kostenlos bekam ich alles, was irgendwie in die Richtung passte, paketweise zugesandt, vor allem Taschenbücher. Fand ich anfangs prima, aber irgendwann konnte ich die Bücher nicht mehr sehen und fing an, sie zuerst im eigenen Buchladen, später übers Internet zu verkaufen.

Die meisten denken wahrscheinlich, die Verlage hätten irgendwie Druck ausgeübt nach dem Motto: „Wir sind doch gute Anzeigenkunden …“ Das habe ich nie erlebt, ich hatte tatsächlich freie Hand, so plump lief die Sache nicht. Aber natürlich musste eine Besprechung, die der Chef geschrieben hatte, gedruckt werden. Auch dann, wenn klar war, dass er das Buch nur gelobt hatte, weil es von einem befreundeten Autor stammte oder von einem Kleinverlag, der etwas Unterstützung brauchte. Allmählich merkte ich, wie die Sache oft genug lief: Autor x schreibt eine Rezension für Autor y, der sich dafür bedankt, indem er Autor z anruft und ihn darauf hinweist, er habe doch bei ihm noch einen gut, ob er nicht was über das neue Buch von Autor x schreiben wolle. Auch Groupies gab es, die jedes Buch ihres Angehimmelten sofort in den Himmel lobten. Falls der Angehimmelte die Rezension nicht direkt selbst verfasst und sein Groupie um einen Gefallen gebeten hatte. Klüngel nennt man dergleichen, oder, wie man hier in Köln sagt, um das böse Wort Klüngel zu vermeiden: „Man kennt sich, man hilft sich.“

Etwas anderes aber wog meiner Meinung nach schwerer: Ich lernte das kennen, was man die „Schere im Kopf“ genannt hat. Mehr und mehr erwischte ich mich dabei, wie ich mein Schreib-Fähnchen nach der vermuteten Redaktionslinie hing. Zwei längere Artikel sind ja auch abgelehnt worden, weil sie, sagen wir mal, Anstoß erregt haben. Der eine setzte sich kritisch mit Pornographie auseinander – leider war mir nicht klar, dass der Chef ein großer Fan von Porno-Videos war. Bei dem anderen handelte es sich um eine Reportage. Schwerpunkt-Thema des Heftes war „Missbrauch“. Ich trieb nicht ohne Mühe einen Lehrer auf, der mit einer 16jährigen Schülerin ins Bett gegangen und bereit war, sich, anonym natürlich, interviewen zu lassen. Na gut, um ehrlich zu sein: Ich hatte sie Sache ein wenig „frisiert“, denn es handelte sich gar nicht um seine Schülerin, sondern um seine Ex-Schülerin, das Mädchen hatte die Schule schon eine Weile verlassen und war tatsächlich 17 Jahre alt.  —- Das können wir nicht drucken, hieß es. Besonders einen Absatz fand die Chefredaktion unmöglich, ein paar Sätze, in denen der Interviewte erklärte, wieso für ihn denn 16jährige Schülerinnen attraktiv seien. Die sehen mit 16 aus wie Frauen, hatte der Mann sinngemäß gesagt, die verhalten sich wie Frauen, die bewegen sich wie Frauen, die riechen wie Frauen; ein Mann, der die nicht sexuell attraktiv findet, der macht sich einen vor. – 

Gut, ich konnte leicht auf diese Einkommensquelle, die ja keine war, verzichten. Aber ich denke mir, welcher (vor allem junge) Journalist, der mit 1000 anderen, die auch verdammt gut schreiben können, um eine Stelle kämpft, kann oder wird sein Schreibfähnchen nicht nach dem Wind hängen, der in der Redaktion weht?

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