Zeitungsenten (5): Der Lehrer schwitzt und die Schüler wundern sich

„Zeitungen“ stand im Lehrplan der Klasse 9. Medienerziehung im Deutschunterricht. Kein Problem dachte ich, schließlich war ich in den 90er Jahren schon eine Weile im Dienst.

Zeitungsleser war ich damals allerdings nicht. Das Abo der „Süddeutschen“ war 1981 einem Sparprogramm zum Opfer gefallen, hatte es sich doch gezeigt, dass das eigene Haus nicht nur teurer als gedacht war, sondern auch renovierungsbedürftiger. Ab und zu bekam ich von meiner Mutter einen Stapel alter „Frankfurter Allgemeiner“, die sie ihrerseits von ihrem Nachbarn hatte. Da blätterte ich was im Feuilleton herum, warf einen Blick in den Wirtschaftsteil und war im Grunde froh, wenn ich den Stapel mal wieder abgearbeitet hatte. Und weil ich seit 1974 kein Fernsehen mehr hatte, waren meine Kenntnisse, was Zeitungen und Tagespolitik anging, durchaus lückenhaft. Noch heute fällt mir manchmal auf, dass die ganze Kohl-Zeit irgendwie an mir vorbei gegangen ist.

Aber es ging ja nicht um Politik, sondern um Deutschunterricht. Ich ließ die Schüler Zeitungen von zu Hause mitbringen. Das heißt, das war mein Plan, es stellte sich aber heraus, dass die einen gar keine Zeitungen daheim hatten. Bei anderen nahm der Vater die Zeitung immer mit zur Arbeit oder sie mussten erst nachfragen, ob zu Hause vielleicht doch irgendwo eine Zeitung rumlag. Zur nächsten Stunde hatten dann doch einige eine Zeitung mitgebracht, ein Exemplar für jeden Gruppentisch, was wollte man mehr. Welche Teile hat so eine Tageszeitung? Das hatten wir schnell heraus, ich entwarf ein schönes Tafelbild. Einige Schüler versuchten, irgendetwas Interessantes zu finden, wurden beim „Sport“ oder beim „Vermischten“ fündig. Zeitunglesen im Unterricht, so geht das nicht! Ich sammelte die Zeitungen wieder ein und ließ das Tafelbild ins Heft übertragen. Das war gut gelaufen.

In der nächsten Stunde sollte es gemäß Lehrplan um Textsorten in der Zeitung gehen. Reportage, Nachricht, Kommentar. Das müsste einfach sein, dachte ich, Zeitungen hatten ich, dann nehmen wir einfach die Texte, die da drin stehen. Kommentare sind Meinungsäußerungen, Nachrichten neutral, bei Reportagen berichtet der Reporter vor Ort. Ganz einfach, das Tafelbild sah mal wieder schön aus. Jetzt die Zeitungen aufschlagen und ….. da fing der Ärger an. Hätte ich die Texte doch nur vorher gelesen, dann wäre mir schnell aufgefallen, dass die Nachrichten voller Wertungen steckten und bei den Kommentaren keineswegs jemand sagte: Also ich bin der Meinung. Zudem verstanden die Schüler überhaupt nicht, worum es ging, weil ihnen die politischen Sachverhalte, um die es in den Kommentaren ging, völlig schleierhaft waren. Selten so geschwitzt. Ich sammelte die Zeitungen wieder ein, wechselte zurück in die Theorie und schrieb noch was an die Tafel.

Das sollte mir nicht noch einmal passieren. Ich fischte also einen Stapel „Frankfurter Allgemeine“ aus dem Altpapier und suchte geeignete Texte für die nächste Stunde. Praktisch unmöglich. Die Nachrichten waren voller Wertungen, die Kommentare kaum zu unterscheiden. Schließlich entschied ich mich für eine Kurzmeldung, ein Hochhausbrand. Das gehörte zwar zum „Vermischten“, war aber schön neutral. Außerdem gab das Stoff für ein weiteres schönes Tafelbild: Vom Ereignis zur Meldung. Das brennende Haus malten die Schüler mehr oder weniger begeistert in ihr Heft. Bei der Suche nach einem geeigneten Kommentar bin ich gescheitert. Zwar hatte ich nach langem suchen einen gefunden, der voller einfach zu findender Wertungen war, aber die Schüler verstanden bei dem typischen FAZ-Stil nichts.

Heute, denke ich manchmal, wäre diese Unterrichtsreihe überhaupt nicht mehr durchzuführen. Auf den Online-Seiten der großen Zeitungen (mag sein, dass die gedruckten Ausgaben besser sind) ist die Unterscheidung zwischen Meldung und Kommentar völlig aufgegeben. Manches klingt mehr nach Propaganda als nach Zeitung, Sportmeldungen oder Berichte über irgendwelche Fernseh-„Events“ rutschen auf die erste Seite, Meldungen der Agenturen werden abgeschrieben und minimal verändert als eigene Berichte ausgegeben ….. wahrscheinlich ist die Unterrichtseinheit „Zeitungen“ längst aus dem Lehrplan verschwunden.

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8 Gedanken zu „Zeitungsenten (5): Der Lehrer schwitzt und die Schüler wundern sich

    1. emhaeu Autor

      „unexakte Verwendung von Worten“ – hui, hui, das hat mir zu denken gegeben. So in Richtung Selbstkritik. —- Soweitsogut oder auch nichtgut. Aber Sprache ist, halte ich dagegen, nie etwas Eindeutiges. Jedes Wort, auch wenn es so eindeutig definiert ist wie „Stuhl“ oder „Schreibtisch“, hat doch im Gegensatz zu Zahlenwelt immer einen großen Assoziations- und Deutungsspielraum, der sich sprachhistorisch zudem auch noch mal langsam, mal erstaunlich schnell ändert.

      Antwort
  1. Pit

    Im „Opinion“-Teil der New York Times und Washington Post hierzulande haut es noch einigermassen hin, dass es wirklich (fast aussschliesslich) Kommentar ist, aber beim Nachrichtenteil vielfach nicht. Und was die Washington Post unter „Analysis“ bringt, ist vielfach reine Nachricht.

    Antwort
      1. Pit

        Ja, man muss schon selber sehr gut aufpassen und kritisch lesen. Und wer tut das heutzutage noch?!
        Hab‘ einen feinen (Rest)sonntag, lieber Martin,
        Pit
        P.S.: Ich muss mir unser lokales „Kaeseb;aettchen“ einmal daraufhin genau ansehen, aber ich glaube, das gelingt diese Trennung (noch) sehr gut.

  2. puzzleblume

    Ich kann dir mitteilen: es gibt sie noch. Zumindest hat mein Sohn das Thema in den gerade zurückliegenden beiden Jahren in der 10. Klasse RS im Deutschunterricht auch behandelt, mit Gruppenarbeit, Referaten und Klassenarbeit, und in der Handelsschule der BBS in der selben Weise, nur mit Schwerpunkt Wirtschaft und Handel noch einmal. Da wir das immer auch miteinander besprochen haben, ist mir deine Darstellung ganz gut begreiflich. Gerade diese „Regelverstösse“ sind aber auch erzieherisch, was den Umgang mit Medien angeht, sind das gute Gelegenheiten, weil man die Gründe dafür thematisieren muss.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Immerhin hat sich das Thema in die 10. Klasse oder in die 11. verlagert, da kann man dann schon mehr machen, weil ich dann der eine oder die andere doch schon für mehr interessiert als für Mode, Stars, Freunde und Freundinnen.

      Antwort
      1. puzzleblume

        Ja, ich glaube auch, dass trotz früherem Lerndruck die 9. Klasse noch zu sehr mit dem Auswachsen der Pubertät und dem Fokus auf sich selbst beschäftigt ist und noch nicht wieder den „Aussenblick“ gewonnen hat. Ich glaube auch, dass es einen Unterschied gibt zwischen den Schultypen, denn auf denen die Schüler den Abschluss und das Berufsleben näher heranrücken sehen, werden sie auch rigoroser schon im Unterricht auf die Notwendigkeit hingewiesen, sich mit dem Leben ausserhalb der Schulzeit zu befassen.
        Nachdem ich ein Kind auf dem Gymnasium hatte und eines auf der sogenannten Oberschule, wie sich der moderne Zusammenschluss von Haupt- und Realschule hier nennt, kann ich das gut vergleichen, wie die einen schon in Klasse 9 auf das praktische Erwachsenenleben vorbereitet werden und die anderen in der Stufe unterhalb der Sek II lediglich eine Textform bearbeiten, die mit ihnen noch weitere zehn Jahre nur wenig zu tun haben wird.

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