Zeitungsenten (6): Die „Süddeutsche“ hat uns gelobt!

Das „Tagesheimgymnasium“ – Bild A. Sarin, Wikimedia Commons

Kaum war er erschienen, hing der Artikel schon an der Tür zum Lehrerzimmer. Tatsächlich: Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte nicht nur freundlich-wohlwollend über das Gymnasium, an dem ich um 2000 unterrichtet habe, berichtet, sondern ausgesprochen positiv. Ganzseitig! Auf Seite 3!

Natürlich war der Besuch der Reporterin generalstabsmäßig geplant gewesen. Die stellvertretende Schulleiterin hatte die Sache in die Hand genommen, anhand des Stundenplans ausgetüftelt, welche Lehrer in welchen Klassen der Reporterin vorgeführt werden sollten. Zur Not wurden einfach Stunden getauscht, die besten Lehrer hielten ihre besten Vorführstunden. Ich gehörte nicht zu dem erlauchten Kreis, worüber ich nicht gerade böse war.

Aber die Dame von der „Süddeutschen Zeitung“ interessierte sich weniger für kreative Didaktik mit braven Kindern, sondern für den Ganztagsbetrieb. Sie war eigens aus dem tiefen Süden in die Nähe von Köln gereist, weil es sich um eine damals noch ganz seltene Schulform handelte, ein Gymnasium mit Ganztagsbetreuung, das programmatisch „Tagesheimgymnasium“ hieß. Deshalb wollte sie sich auch die Nachmittagsangebote ansehen, und zwar möglichst viele. So kam sie völlig unerwartet auch zu mir.

Ich war damals zuständig für den Computerraum der Schule, den ich mehr oder weniger in Eigeninitiative mit geschenkten Geräten aufgebaut hatte. Das Internet war langsam, aber es funktionierte. Meistens. Oft aber auch nicht, und weil es keine Planstelle für dergleichen gab, erhielt ich für die Betreuung des Raums Freistunden, die offiziell als Arbeitsgemeinschaft geführt wurde. Zuerst eine Arbeitsgemeinschaft mit 2 ausgewählten Schülern, die viel mehr als ich von Netzwerktechnik verstanden. Als der Chef das nicht mehr auf seine Kappe nehmen wollte, bot ich ihm an, eine richtige Arbeitsgemeinschaft zu übernehmen, und zwar „Erste Schritte am Computer für Mädchen.“ Vor allem für solche, die zu Hause keinen Computer hatten. Mädchenförderung mit sozialer Komponente, da konnte er nicht nein sagen. Tatsächlich saßen dann in dem Kurs 12 Mädchen aus der Klasse 7, die sich alle gut auskannten und nur eins im Kopf hatten: Chatten. Na gut, dachte ich, ihr chattet und ich repariere während der Zeit die Computer, die mal wieder Probleme machen. Die Sache erwies sich als schwierig, weil die Mädchen anfingen, in der Anonymität dieser Chatrooms über die Stränge zu schlagen. Als ich bemerkte, dass ein Mädchen sich den Nickname „Monstertitte“ gegeben hatte, wurde mir klar, dass ich die Gruppe doch ständig beaufsichtigen musste. Das gefiel den Mädchen nicht so gut und deswegen suchten sie nach allen möglichen Ausreden, um mal gerade den Computerraum verlassen zu können. Sie spazierten dann durch die Gegend und besuchten andere Arbeitsgemeinschaften.

Als die Tür aufging und Reporterin nebst Schulleiterin in den Raum kamen, waren jedenfalls einige Plätze nicht besetzt. Die Schullleiterin ging sofort wieder heraus, die Reporterin blieb, schaute sich eine Weile um und ging dann ohne ein Wort gesagt zu haben wieder heraus. Unmöglich, dass sie nicht gesehen hat, dass die Mädchen nichts anderes taten, als sich in Chatrooms herum zu treiben.

Aber in dem Artikel, wie gesagt, stand nur Positives. Fähige Lehrer, glückliche Kinder, angenehme Lernatmosphäre und so weiter. So eine Ganztagsbetreuung, lautete die Botschaft, die sie in den Süden der Republik schickte, ist eine rundherum feine Sache. Da die stellvertretende Schulleiterin gleichzeitig Vorsitzende des Verbandes der Ganztagsschulen, also einer Lobbyorganisation war, war aus ihrem Mund auch nichts anderes zu erwarten. Hat die Reporterin sonst niemand befragt? Jemand wie mich z.B., der ihr gesagt hätte, dass Ganztagsbetreuung prima für ehrgeizige Politiker und Eltern, die ihre Kinder loswerden wollen, ist, aber von Lehrern und vor allem Schülern durch die Bank gehasst wird.

Wieso die „Süddeutsche Zeitung“ so positiv über unser Tagesheimgymnasium berichtet hatte, war leicht heraus zu bekommen. In Bayern liefen damals Bestrebungen, die Ganztagsbetreuung auf Gymnasien auszudehnen, und Stoiber, der Erzfeind der „Süddeutschen“, war dagegen.

Hier der Artikel: http://www.e-lumni.de/download/presse_20010821_sueddeutschezeitung.pdf

(Ende der kleinen Serie)

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8 Gedanken zu „Zeitungsenten (6): Die „Süddeutsche“ hat uns gelobt!

  1. puzzleblume

    Schulen mit Ganztagsbetreuung sind nichts pädagogisch oder sozial Wertvolles, sondern ein Politikum, ein Werkzeug, manchen Eltern die Kinder aus ihren unfähigen Händen (und ihrer fremden Herkunft) zu nehmen, den Arbeitgebern die billigen Frauenarbeitskräfte zuzuschanzen und die Nutzung von weiteren Jugendeinrichtungen wie Jugendzentren kostengünstig in den Schulbetrieb zu integrieren. Ungefähr gleichzeitig boomte auch die Idee der stärkeren Überwachung frühkindlicher Sprachentwicklung, insbesondere bei Migrantenkindern, damit die angehenden Grundschüler schön vorsortiert in die Obhut der Schule überwechseln sollten. Stromlininenförmige Kinder, so früh wie möglich, ganz wie früher in der DDR.
    Meinen jüngeren Sohn, Legastheniker, hat das Konzept des Pflichtnachmittags während der Klassen 5-7 wertvolle Zeit gekostet, in der er sinnvollerweise mit auf seine Problematik ausgerichteter Betreuung, selbst nur mit privat gemachten Hausaufgaben, bessere Leistungen hätte erarbeiten können, statt jeden Tag der Schulwoche in den noch leistungsfähigen Stunden des Tages absitzen zu müssen.
    Als es ab Klasse 8 nur noch 2-3x pro Woche für echte Arbeitsgemeinschaften wie Computer, Schulband, Theater oder Schach erwünscht war, nachmittags in der Schule zu bleiben, hatte er wenigstens endlich Zeit für die Lerntherapie, und das noch vor Einbruch der Dunkelheit.
    Ich verstehe, dass es für manche auch vorteilhaft sein kann, die Kids dort „aufzubewahren“ damit sie nicht sonstwo Allotria treiben aber als Lernsystem ist eine solche Ganztagsnivellierung nicht durchweg vorteilhaft.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Die Begründungen wechseln: Als das Tagesheimgymnasium um 1975 gegründet worden ist, war die Begründung, dass die Kinder aus den umliegenden ländlichen Gemeinden vielfach Dialekt sprechen und deswegen mehr Zeit in einer „hochdeutschen Umgebung“ verbringen sollten.
      Die Pflichtnachmittage sind gerade für Schüler, die eine besondere Betreuung brauchen oder die besondere Hobbys haben, nicht gut. Hausaufgabenbetreuung gibt es (zumindest in dem Ganztagsbetrieb, den ich kennengelernt habe) nur als Argument, um die Eltern von den Vorzügen zu überzeugen. Tatsächlich gab es dafür gar keine Planstellen, genauer: 2 Kollegen kümmerten sich um die Schüler, nur 10 – 50 von über 1000 Schülern haben an der Hausaufgabenbetreuung teilgenommen, wären es mehr gewesen, wären die Kollegen völlig überfordert gewesen.
      Seltsamerweise habe ich bei den vielen Kindern, die ich in Deutsch unterrichtet habe, nur zwei Fälle von Legasthenikern gehabt, einen davon nur kurz. Bei dem anderen hat sich bis zum Abitur die Sache langsam und stetig verbessert. Nun, die Mutter hat sich da auch sehr viel Mühe gegeben und nicht locker gelassen. Ich bin da wirklich kein Fachmann, aber mindestens bei leichteren Fällen ist ein Schlüssel die Sicherheit. Lehrer vermitteln den Kinder oft nur, was sie alles nicht können. Und kaum ist das eine durchgenommen, kommt schon die nächste Schwierigkeit. Und wieder droht die nächste Klassenarbeit. Ein beharrliches Üben, das den Schülern zeigt, dass sie ja gar nicht so viele Fehler machen (auch deswegen nicht, weil der Übungstext nicht gespickt mit allerlei Schwierigkeiten ist), findet meist nicht statt. —– Nun gut, ich bin im Ruhestand, vielleicht ist heute ja alles anders ….

      Antwort
      1. puzzleblume

        Der Schlüssel ist die Selbstsicherheit. Es ist vor allem wichtig die Gewissheit zu erlangen, durch andere Leistungen im Unterricht die permanente Rechtschreibproblematik kompensieren zu können, einerseits um die Noten zu verbessern und persönlich, um unvermeidliche Fehler mit mehr Gelassenheit und zu ertragen, denn das ist notwendig, um sich wiederum mündlich im Unterricht zu behaupten – das ist die einzige Möglichkeit, sich nicht von Lehrern und Schülern zum Mobbingopfer machen zu lassen. Ausserdem bedeutet weniger Stress eine bessere Fokussierung auf das zu Leistende, statt sich auch noch mit Angst und Abwehrhaltung zu beschäftigen.
        Zur Lerntherapie, so nenne ich das einfach mal umfassend, gehört in erster Linie, die Angst vor Texten zu nehmen und bestimmte Techniken zu lernen, die abweichen von dem, wie andere lesen oder ihre Klassenarbeiten abarbeiten. Dekonzentration statt „Schau doch mal genau hin“: das ist etwas, dessen Wirksamkeit sich kein Nichtbetroffener vorstellen kann, und ein Begleitender nur durch den Erfolg zu glauben lernt.
        Üben ist notwendig, aber auch anders, als „wir“ das kennen. Endloses Wiederholen derselben Worte und Sätze nützt nichts, dabei erhält man nur mehr ungewollte Varianten derselben Worte. Es sind die Schreibtechniken, die eingeübt werden müssen, Silbenbögen (später nur gedacht) während des Schreibens, grössere Zeilenabstände für das eigene Korrekturlesen.
        Und ich glaube, es stimmt auch, dass die Pubertät, wenn sie mal durchgestanden ist, bei den meisten eine deutliche Verbesserung bedeutet. Ob das an der neurologischen Strukturierung des Gehirns liegt oder der besseren Selbstkompetenz, vermag ich aber nicht zu erraten.

      2. emhaeu Autor

        Habe über Rechtschreibung so ein wenig aus dem eigenen Erleben geschrieben, denn ich bin, obschon Deutschlehrer, nie so ein besonderer Rechtschreibheld gewesen. Linkshänder, der mit Rechts schreiben musste, schlechte Schrift, zu viele Fehler. Deswegen weiß ich aus eigener Erfahrung, dass ein „guck noch mal genau hin“ das Gegenteil bewirken kann: Die richtige Schreibung verschwimmt völlig. Ist mir dann noch als Lehrer ab und zu so gegangen: Ich hatte was an die Tafel geschrieben und wusste nicht mehr, ob richtig geschrieben. Und je mehr ich überlegte, desto unklarer wurde mir die Sache.

      3. puzzleblume

        Ja, so ist es. Die Buchstaben krabbeln dann davon wie Ameisen auf der Flucht, alles wird noch schlimmer, und der Fokus verschwindet wie im Sand, je stärker er versucht wird, festzuhalten. Seltsamerweise gibt es diese Unsicherheiten nicht bei Dreidimensionalität, da kann das Fokussierte noch so klein sein.

  2. Pit

    Du hast wenigstens einen Ausgleich per Freistunden erhalten. Ich noch nicht einmal das. Und manchmal noch nicht einmal die noetige Unterstuetzung. Lob zwar, aber keine Hilfe seitens der Schulleitung.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Nein, da kann ich mich nicht beklagen, ich hatte viel Unterstützung von der Schulleitung (während viele Kollegen das damals noch für Quatsch hielten). Hat mir auch bei der Beförderung sehr geholfen, die anderen Kollegen ein Dorn im Auge war, weil sie meinten, sie seien schon längst „dran“ gewesen und ich sei ungerecht bevorzugt worden….

      Antwort
      1. Pit

        Nee, geholfen hat es mir nichts.Na ja, nicht in der Schule, aber privat: ohne die Internet-AG haette ich Mary nie kennengelernt! Wie das Leben so spielt!

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