Ich habe ein Apfelbäumchen gepflanzt (zum Reformationstag)

Ich habe ein Apfelbäumchen gepflanzt, eigentlich schon einen richtigen Apflbaum, Hochstamm, Sorte „Roter Berlepsch“. Aber das war heute, am Reformationsjubiläumstag, und hat nicht Luther (angeblich) gesagt, er würde noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen?

Vielleicht gehört es sich nicht, am Reformationsjubiläumstag einen Apfelbaum zu pflanzen, aber ich bin ja Katholik und Katholiken kennen sich dabei erstens nicht so richtig aus und zweitens gibt es für unsereins ja gar nichts zu feiern.

Für die Protestanten offenbar auch nicht, denn die evangelische Kirche hier im Ort blieb den ganzen Tag verschlossen, die evangelischen Glocken, die sonst ab und an so laut bimmeln, dass ich aus dem Bett falle, blieben stumm.

Das letzte Mal, dass die örtliche Pfarrerin hat läuten lassen, ist schon 3 Wochen her. Da ging plötzlich am Samstag Vormittag ein mächtiges Gebimmel los. Nanu? Jemand gestorben im Dorf? Doch die Menschen, die sich bald vor der Kirche versammelten, trugen keineswegs Trauerkleidung, sondern Wanderkleidung. Ein Reisebus parkte vor der Kirche, außerdem zwei Feuerwehrwagen.

Neugierig, wie ich nun mal bin, nahm ich den Hund als Tarnung und ging rüber zur evangelischen Kirche. Die Feuerwehrautos waren vielleicht mal Feuerwehrautos gewesen, jetzt dienten sie, wie an einigen Plakaten unschwer zu erkennen, Attac-Aktivisten als Wohnmobil.

Ein kleiner Anschlag am Gemeindezentrum gab Auskunft: Samstag, 9. September, 10:30 „Aktionsgottesdienst mit Pilgerweg in den Hambacher Forst“. Mit Picknick, und wer nicht 6 km gehen will, für den steht der Reisebus bereit. Natürlich ging es nicht um ein Picknick im Wald. „Wir sind überzeugt“, las ich, „dass wir als Christinnen und Christen Verantwortung haben für die Bewahrung der Schöpfung.“

Die Protestanten wollten also protestieren, gegen die Braunkohleverstromung natürlich. Warum auch nicht? Tut ja fast jeder, sogar eine Handvoll von den Leuten, die hier leben, die allermeisten Protestierenden kommen mit der Bahn oder dem Auto von überall her. Aber ich hätte gerne gewusst, weshalb das Demonstieren jetzt „Pilgern“ genannt wird.

Luther, der arme, hätte sich mit Grausen abgewandt. Wissen die heutigen Protestanten das nicht oder ist es ihnen schlicht egal: Luther hat das Pilgern des öfteren als eine „Narretei“ verdammt, und zwar nicht nur irgendwelche Auswüchse, sondern prinzipiell. Und dabei ist seine Abneigung gegen religiös motivierte Wanderungen nicht etwa nur so eine Art persönlicher Tick, wie der eine oder andere Radfahren oder Grillen nicht mag. Pilgern als Frömmigkeitsübung widerspricht einer der drei Säulen des Protestantismus. „Sola Gratia“ – nur die Gnade Gottes gibt den Ausschlag, nicht auch noch so extraordinäre menschliche Bemühungen wie wochenlanges Fasten oder eine Wanderung von Wittenberg nach Jerusalem.

Und ob Luther die Sache mit der „Bewahrung der Schöpfung“ verstanden hätte? Mal abgesehen davon, dass es für ihn da nichts zu bewahren gab, weil er vom baldigen Weltende überzeugt war: Gibt es eigentlich bei denen, die von der „Bewahrung der Schöpfung“ reden, niemand, der sieht, dass das in jeder Beziehung eine Nummer zu hoch gegriffen ist?

Selbst wenn es zu Luthers Zeiten noch den einen oder anderen gab, der dachte, die Erde sei eine Scheibe und der Mittelpunkt des Universums, so wusste doch jeder, der mal nur die erste Seite der Bibel überflogen hatte, dass Gottes Schöpfung etwas mehr umfasst als nur die Erde. „Bewahrung der Erde“ wäre angemessener, freilich auch vermessen, denn selbst wenn der Mensch aus der ganzen Erde einen Braunkohletagebau macht und selbst wenn es 10 Grad wärmer werden sollte, dann wird die Erde immer noch gemütlich ihre Kreise ziehen. Vielleicht mit weniger Menschen, weniger Tierarten und weniger Pflanzen, aber wären dann die Schöpfung oder auch nur das Leben auf der Erde in Gefahr? Nein, man sollte die Sache etwa 20 Nummern tiefer hängen: „Wir wollen, dass die Durchschnittstemperatur auf der Erde so bleibt, wie sie jetzt ist“  – das wäre angemessen, aber natürlich nicht so theologisch-knallig.

Damit es nicht zu lang wird, will ich zwei Fragen nur kurz anreißen. Die erste, theologische, heißt: Woher wissen eigentlich die protestierenden Protestanten, welche Durchschnittstemperatur in Gottes Schöpfungsplan vorgesehen ist? Oder ist der Gedanke an einen solchen Schöpfungsplan, der Luther doch geläufig war, nicht mehr up to date? Und zweitens: Ist es nicht ein wenig egoistisch, wenn man in einer Region wohnt, in der ein angenehmes Klima herrscht, dass man es dann für Gottes Wille hält, dass das so bleibt. Die Schweden oder Lappländer bitten vielleicht Gott jeden Tag, dass er es endlich wärmer werden lassen möge ….

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4 Gedanken zu „Ich habe ein Apfelbäumchen gepflanzt (zum Reformationstag)

  1. theomix

    Ich, Berufsprotestant und das auch noch gerne, stimme zu. Nicht jedem Wort, aber dem großen Ganzen.
    Besonders die beiden Fragen am Schluss sind treffend. Wie es aussieht, gibt es Heilsegoismus im Engagiertengewand. 😉

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  2. emhaeu Autor

    Die Symbolik des Apfels und des Apfelbaums ist tatsächlich – ich habe gerade noch mal reingeguckt – im mittelalterlichen christlichen Raum verdammt komplex. Ob da immer die lateinische Bedeutung von malus=schlecht mitgeschwungen hat, weiß ich nicht. Im Alten Testament sicher nicht, der Autor des Hohenliedes konnte ja auch kein Latein: „Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes, so ist mein Liebster unter allen andren Männern! In seinem Schatten möchte ich ausruhen und seine Früchte genießen.“

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  3. puzzleblume

    Da seit der DDR-Wendebewegung die Selbstdefinition von Protestanten und Demonstranten miteinander verschwimmt, braucht es auch nicht zu wundern, dass selbst traditionelle Religionsgebräuche und Mode auch immer mehr miteinander ins Nebulöse wabern.
    Luthers Apfelbaum-Zitat erscheint mir im Zusammenhang mit dem Apfelbaum der Schöpfungsgeschichte immer wieder seltsam, vor allem weil zu der Zeit theologische Diskussionen in Latein üblich waren., und man den unschuldigen Apfelbaum als teuflischen „Malus“ festgeschrieben hatte, was ihm immer noch anhängt. Wenn Luther also diesen Spruch tatsächlich getan haben soll, kann er ebenso gut damit an etwas anderes als seine Gartenarbeit angespielt haben. Ein Apfelbaum ist in biblischen Zusammenhang schon ganz schön demonstrativ provokant.

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