Stefan Andres: Der Knabe im Brunnen

Als mir das Buch im öffentlichen Bücherschrank begegnet ist, klingelte irgendwas. Woher kam mir der Titel bekannt vor? Wahrscheinlich, glaube ich inzwischen, hat es bei meiner Mutter im Bücherschrank gestanden. Das würde gut passen, denn Stefan Andres war in den 50ern ein Bestsellerautor und „Der Knabe im Brunnen“ einer seiner größten Erfolge.

Nach den ersten 20 Seiten habe ich das Buch dann wieder weggelegt. Oh Mann, jemand, der beschreibt, was er als Baby empfunden hat, als er sich die Welt aus der Baby-Wiege aus angesehen hat. So ein Schmarrn. Gut, es handelt sich ja um einen autobiografischen Roman und nicht um eine Autobiografie, da darf man so was als Autor.

Wochen später habe ich dann mittendrin angefangen und fand es ganz amüsant, wie er beschreibt, was so um 1910 in seinem kleinen Dorf für ein Aufstand gemacht worden ist, weil der Kaiser höchstpersönlich durch das Dorf gefahren ist. Ewig lange Vorbereitungen, und dann: Schwupps, schon war die Autokolonne vorbei. Die Beschreibung der Atmosphäre in diesem Dorf um das Jahr 1914 ist dem Autor schon recht eindringlich gelungen. Ich musste da öfters an meinen Vater denken, der nur wenig älter war als Stefan Andres und der diese Zeit auch auf dem Dorf erlebt hat, die Kaiserbegeisterung, die Kriegsbegeisterung, eine Art Massenhysterie, die ganz einfach jeden ergriffen hatte, auch die  Intellektuellen, die später auf Pazifismus umgeschwenkt sind und so getan haben, als ob sie schon immer dagegen gewesen wären, wie mein Vater öfters bitter bemerkte.

Das ganze hat einen eher heiteren Ton, aber dieser heitere Ton vermag nicht darüber hinweg zu täuschen, dass in diesem Dorf eine bedrückende geistige Enge geherrscht hat, bedrückender vielleicht noch als die allgegenwärtige materielle Armut.

Es fällt mir schwer, richtig zu formulieren, was mich gestört hat. Ich glaube, es ist die Erzählperspektive. Der der Autor lässt einen, wie es fachmännisch heißt, situationsunterlegenen Erzähler sprechen; das heißt, er lässt den Knaben, dessen Leben er beschreibt, zu Wort kommen, nicht im Rückblick, sondern jeweils aus der Situation heraus, eine Situation, die der Knabe mit seinem beschränkten Horizont gar nicht im Griff hat. Andererseits aber lugt überall der Autor heraus, der die Sachen halt so auswählt und dem Knaben und den anderen Figuren genau das in den Mund legt, was er aus seiner überlegenen Perspektive für richtig hält. Oder anders gesagt: Ich hatte manchmal das Gefühl, dass Stefan Anders zwar angeblich ein Kind sprechen lässt, dass aber das, an was sich dieses Kind angeblich erinnert, nur das ist, was der erwachsene Stefan Andres gerne hätte. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass Stefan Andres sich über die Nöte des kleinen Stefan lustig macht. Gefällt mir nicht.

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5 Gedanken zu „Stefan Andres: Der Knabe im Brunnen

  1. puzzleblume

    Solche Reibungen am Erzählstil stören mich beim Lesen manchmal so sehr, dass ich das Buch weglegen muss, so persönlich unwohl fühle ich mich.
    Das finde ich seltsam, weil es mich anders berührt, als Zeitungsartikel zu lesen, die nicht meinen inhaltlichen oder stilistischen Wünschen entsprechen.
    Das Dorf, seine Enge und die Kaiserbegeisterung haben meinen Grossvater aus dem Stall, in den er quasi als unehelicher Sohn einer Stallmagd hineingeboren war, als Freiwilligen in den 1- Weltkrieg Krieg getrieben – als Ausweg, aber auch aus dieser kaiserlichen bzw. hindenburgischen Verehrung.

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  2. emhaeu Autor

    Soooo lange ist das alles nicht her, denke ich mir manchmal. Das erschreckende daran ist für mich, wie sehr ein ganzes Volk vom Kaiser über die oberen Kasten, die Intellektuellen, Kirchen, Proletarier und Honoratioren wie EIN Mann in die falsche Richtung laufen kann. Ich kann nur hoffen, dass dergleichen heute nicht mehr passieren kann, aber sicher bin ich mir da keineswegs.

    Antwort
    1. puzzleblume

      Es scheint den Menschen eine Sehnsucht nach messianischen Gestalten innezuwohnen, um dem Leben Sinn zu geben.
      Ganz gleich ob die klassischen Religionen sie anbieten, oder Nischengurus aus Esoterik, Medien oder Gesundheit; manchen genügt auch das Verehren unerreichbarer Geliebter. In Österreich gibt es noch dazu schon seit Jahren die Spezialität, politisch auf Jungmännerschönheit abzufahren: Grasser, Haider, Kurz … und schon ist der unselige Bogen geschlagen.

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      1. emhaeu Autor

        Den schönen Grasser kannte ich gar nicht, die Liste seiner Skandale ist freilich beeindruckend. –
        Mit der Verehrung einer unerreichbaren Geliebten beschäftige ich mich gerade, nein, nicht persönlich, sondern durch das Lesen eines Romans, über den ich bald berichten werde, fehlen allerdings noch 200 Seiten Lektüre ….

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