Noch 6 Stunden ….

(zum Totensonntag)

Bild: Die Welt

In der Jahrgangsstufe 9 standen im Deutschunterricht Kurzgeschichten auf dem Lehrplan. Da habe ich statt dieser fürchterlichen Standard-Kurzgeschichten aus den 50er Jahren mit den Schülern Science-Fiction-Geschichten gelesen. In dem Bändchen, von dem in der Bibliothek ein Klassensatz stand, befand sich eine Kurzgeschichte eines us-amerikanischen Autors (dessen Namen ich vergessen habe), in der es um das Ende der Erde ging.

Astronomen hatten nämlich berechnet, dass ein riesiger Asteroid in die Erde einschlagen würde, die Menschheit hätte keinerlei Chance, der Aufprall würde um 5 Uhr morgens stattfinden. Die Geschichte wendet sich einem älteren Ehepaar zu, das von dieser Nachricht in den Abendnachrichten hört. Die beiden beschließen, erst einmal den angekündigten Spielfilm im TV zu sehen. Dann sind sie müde, legen sich ins Bett und wünschen sich eine gute Nacht. Noch 6 Stunden …

Eine beknackte Geschichte? Aber: Diese Geschichte fiel mir ein, als ich letztens kurze Zeit im Krankenhaus war (Untersuchungen, nichts Schlimmes zum Glück). Am Nachmittag bezog ein Mann das zweite Bett. Schwierige Operation, erzählte er mir kurz. Hohes Risiko. Aber ohne die Operation hätte er nur noch 3 Monate zu leben, mit gelungener Operation länger. Nach dem Abendessen telefonierte er eine Weile mit seiner Tochter, dann schaute er sich die Nachrichten im Fernsehen an, dann „Wer wird Millionär?“ Anschließend rief er seine Frau an, sie sprachen über die Sendung. Er nahm eine Schlaftablette und schlief ein. Morgens, ich war noch gar nicht richtig wach, wurde er abgeholt.

Ich durfte nach der Visite nach Hause, habe ihn nicht mehr gesehen. „Wer wird Milionär?“ während die Uhr tickt? Tja, was hätte ich in dem Fall gemacht?

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5 Gedanken zu „Noch 6 Stunden ….

  1. juergen61

    Ich finde das völlig ok, wenn so ein Ding hier landen will kannst du es eh nicht verhindern…wozu also hysterisch werden ? Das werde ich eher bei Rot über die Ampel fahrenden Autofahrern…nächst dem Meteoriten die grösste Gefahr für harmlose Erdbewohner 🙂
    Grüsse von Jürgen

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  2. puzzleblume

    Frag mal eine Frau nach ihren Gedanken während der Schwangerschaft, wenn sie sich mit den Risiken und Entscheidungen für sich und das Kind beschäftigen muss und dabei noch nach aussen hin für alle „normal tun“ soll, damit sie keiner für „hysterisch“ hält. So ganz verschieden vom Verhalten des Ehepaars oder deines Krankenhausbekannten ist das nicht.

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    1. emhaeu Autor

      Da bin ich als Mann naturgemäß nicht drauf gekommen, aber das Szenario und die daraus folgende Gefühlswelt hat durchaus Ähnlichkeiten …
      Als Mann ist man, weil erst mal weniger betroffen, viel naiver: „Nichts mehr wird so sein wie vorher“, meinte mein Ausbilder im Referendariat, als ich einen Tag Urlaub wegen der Geburt meiner Tochter bat. Ich hab ihm den Satz damals sehr übel genommen. Blöder alter Sack. Hatte natürlich recht.

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    1. emhaeu Autor

      Wenn der Meteorit sehr bald einschlägt, dann kann sich die Dickfelligkeit ja nicht mehr auf alle Lebensbereiche auswirken so wie die Opiate, die man den Todeskandidaten gibt, nicht mehr süchtig machen können …

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