Kleinholz

Beim Nachbarn auf dem Feld, ich kann es vom Badezimmerfenster aus sehen, hat der Friederike der Sturm eine Birke gefällt. Und weil der Baum auf den prima sprießenden Winterweizen gefallen ist, hat er sofort den Stamm zersägt und abtransportiert. Aber eben nur den Stamm und nicht die Äste.

Die lagen eine Woche da, bei jedem Rundgang mit dem Hund habe ich sie mir angesehen. Dann gefragt. Klar, kann ich alles haben. Prima, Holz für den Kaminofen kann man ja nie genug haben. Leider war die Sache etwas aufwendiger als gedacht, denn ich musste die Äste an Ort und Stelle in schubkarrengemäße Stücke zerlegen und dann nach Hause fahren. 450 Schritte 450 kleine Schubkarrenschritte, ich habe sie gezählt.

Als ich am Feld gearbeitet habe, kamen mehrere Leute vorbei, ist ein bevorzugter Hundeausführweg. Eine Frau, die mit einem Hund in der modischen Größe XXL und in der modischen Farbe Reinweiß vorbei kam, hatte Mühe, ihrem Hund beizubringen, dass er sich kein Stöckchen mitnehmen sollte. Wahrscheinlich hätte er mit dem Stöckchen das reinweiße Fell beschmutzt. Wenn ich die Mienen der vorbeikommenden Hunde- und Müßiggänger richtig interpretiert habe, so sagten sie übereinstimmend: Ist der bekloppt. Ich nämlich.

Natürlich kann man sein Anmachholz im praktischen Tragesäckchen beim Aldi kaufen. Ich habe mal zufällig jemand kennengelernt, der solches Anmachholz hergestellt hat: Eine recht abgewrackte Halle, die billig zu mieten war, dann 4 – 5 bulgarische, ukrainische oder rumänische Hilfskräfte, die offiziell gar nicht da sind und deswegen auch weder nach einem Arbeitsvertrag noch nach einem Mindestlohn fragen, dazu Holz vom Recyclinghof und ab geht es mit der Herstellung von Anmachholz für die Supermärkte. Aber das nur am Rande.

Mir ging bei der Arbeit immer das Tagebuch meiner Tante Lene im Kopf herum, das ich gerade bearbeite und für den Druck fertig mache. „Dienstag, den 3. Februar 1947: Mit Hubertus im Wald nach Holz“ steht da beispielsweise. Nicht für den Kaminofen, sondern für den Küchenherd, mit dem gleichzeitig die Wohnung beheizt wurde. Kohlen gab es keine, weswegen Hubertus, der 9jährige Sohn, schulfrei hatte. Kohleferien nannte man das, denn die Gemeinde hatte auch keine Kohlen und konnte das Schulgebäude nicht beheizen. Also gingen Mutter und Sohn mit dem Handwagen in den Wald. Leider gab es rings um den Ort keinen Wald, mindestens 6 Kilometer musste die Tante laufen, bis das erste Waldstück kam. Und dann dort nach runtergefallenen Ästen suchen, denn sie hatte natürlich keine Kettensäge dabei oder so eine schicke Astschere von Fiskars wie ich.

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5 Gedanken zu „Kleinholz

  1. puzzleblume

    Meine Grossmutter, geboren 1903, verwirrte uns immer mit ihrem Ausspruch „Ich war nie Kind“. Solche Begebenheiten wie die aus dem Tagebuch deiner Tante Lene und ihrem Sohn können einem das ganz gut illustrieren, denn irgendwas war ja immer, vor allem auf dem Land.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Ja, da gibt es noch viel mehr, der genannte Sohn Hubertus hat im Grunde gar keine Kindheit im heutigen Sinne gehabt. Entweder musste er seiner alleinerziehenden Mutter helfen oder er war alleine, weil die Mutter arbeiten musste. Er sagt heute, er könnte sich an nichts erinnern.

      Antwort
      1. puzzleblume

        Das Phänomen der fehlenden Erinnerungen haben anscheinend die alleingelassenen Kinder der Nachkriegszeit auch. Ich kenne mehrere, die tagsüber entweder allein zuhause blieben, wo bloss mal jemand gelegentlich geschaut hat ()oder auch nicht), oder die während der Woche im Kinderheim waren – alle ohne nennenswertes Erinnerungsvermögen. Anscheinend ein Schutzmechanismus.
        Meine Grossmutter konnte sich allerdings ziemlich gut erinnern: sie musste ausserhalb der Schulzeit das Geflügel und die drei kleinen Geschwister hüten, und während der Schulzeit hat der Lehrer sie als àltere Schülerin an seiner Statt die anderen Kinder betreuen lassen, während er sich um sein kleines bisschen Feld und Garten gekümmert hat – so war das anscheinend damals ganz verbreitet und selbstverständlich. Sie war also wirklich ein Kind ohne kindliche Freizeit.

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