E.T.A. Hoffmann: Der goldene Topf

Das erste Buch, das ich auf dem iPad gelesen habe. Ungewohnt, fühlt sich irgendwie komisch an.

Früher habe ich die Romantiker gemocht: Novalis, Eichendorff, von Arnim. Von E.T.A. Hoffmann kannte ich nur das „Bergwerk von Falun“.

„Der Goldene Topf“: Keine unspannende Geschichte: Der junge Mann, der mehr und mehr von der „Anderswelt“ vereinnahmt wird. Und was da alles an fantastischen und märchenhaften Zügen vorkommt! Ein Wunder, dass aus dem Stoff noch niemand einen Fantasy-Film gemacht hat. Da könnte die Abteilung für Special Effects so richtig aus dem Vollen schöpfen.

Gefallen hat mir das Märchen nicht. Und zwar, weil die Balance zwischen realer Welt und der „Anderswelt“ nicht gehalten wird. Am Ende schneidet die „Anderswelt“ eindeutig besser ab, denn der junge Mann findet sein Glück, indem er sich mit Haut und Haaren den verführerischen Gestalten und ihren magischen Kräften hingibt. Vereint mit seiner Serpentina, einem magischen Schlangenwesen, das ihn in seinen Bann gezogen hat, wird er Besitzer eines Rittergutes in Atlantis, dem mythischen Inselreich, das bekanntlich schon Platon beschrieben hat. Ein Rittergut in Atlantis – ist das komisch oder daneben? Bewirtschaftet wird dieses Rittergut wahrscheinlich von den Erdgeistern – aber gut, ich bin zu realistisch. Für E.T.A. Hoffmann dürfte so ein mythisches Rittergut als Ausgleich zu seinem als langweilig empfundenen Dasein als Jurist im Staatsdienst attraktiv gewesen sein.

Was mag der für Drogen genommen haben, habe ich bei der Lektüre gedacht. E.T.A. Hoffmann, so meinen Biografen, schöpfte seine Bilder aus Halluzinationen, die er Zeit seines Lebens hatte, und aus dem Rotwein, der bei ihm, da er eine Alkoholintoleranz hatte, zu Delirien führte, was ihn aber nicht davon abhielt, sein Leben lang zu trinken.

Die Kräfte der Ratio, der Aufklärung, jedenfalls ziehen den kürzeren im „Goldenen Topf“, die Zauberwelt siegt auf der ganzen Linie.  Novalis und die anderen Frühromantiker (E.T.A. Hoffmann kannte sie nicht) hatten sich das nicht so vorgestellt. Ich mag dieses Werk nicht, womit ich mich Goethe, Eichendorff und H. Heine anschließe.

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4 Gedanken zu „E.T.A. Hoffmann: Der goldene Topf

  1. puzzleblume

    Ist das nicht immer wieder erstaunlich, dass ein grosser Teil der Helden unserer westlichen Kunstgeschichte bis heute einschliesslich ihre vielbewunderten Werke aus Rauschmittel-Delirien bezogen haben und wenn das nicht, dann wenigstens aus Psychosen und psychischen Deformationen, die sie anderweitig erworben haben? Und ist es nicht weiterhin erstaunlich, dass unser Bildungssystem es fertigbringt, diese Künstler mitsamt ihrer Geschichte verbindlich dem Bildungskanon zum Pflichtprogramm verordnen, und auch im Trivialbereich die Kaputten als Unsterbliche abgefeiert werden? Nur wenn die „Jugend“ sich in Computerspielen verliert, stehen die Bewunderer der berauschten Künstler verständnislos da.
    Der junge Mann im Märchen ist in der Hinsicht ganz modern.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Mein Standardwerk, was die Psychoknackse anbetrifft, ist Lange-Eichbaum: Genie, Irrsinn und Ruhm, wovon ich eine Kurzausgabe von 1956 habe – eine Fundgrube. – Mir scheint, es es sich dabei vor allem um die Helden der Kunst- und Kulturgeschichte der Moderne handelt. E.T.A. Hoffmann ist offenbar, wie auch Büchner, erst nach 1900 von den Autoren der Moderne wiederentdeckt worden. Passt halt zur Moderne, zu den Blumen des Bösen, zur Ästhetik des Hässlichen und Deformierten und zur Verehrung von Rausch&Wahn, also zu all dem, was über hundert Jahre nach dem Expressionismus fest als je im Sattel des Mainstreams sitzt. So fühlen sich komischerweise junge Künstler und Autoren, die in den ausgetretenen Pfaden der Moderne wandeln, heute immer noch als Rebellen.

      Antwort
      1. puzzleblume

        Man möchte es als junger Mensch gern für sich in Anspruch nehmen, das Wilde, das Eigenwillige, das Ausbrechen aus Konventionen, und trotzdem ist alles nur eine Wiederholung, auch abseits der Kunst, im ganz normalen Alltag.

      2. emhaeu Autor

        Sozusagen die konventionelle Rebellion der Jugend, wobei bei manchem die Jugend bis ins höhere Alter dauert.

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