Das Oma-Buch

Ich habe meine Oma, die Großmutter mütterlicherseits, kaum gekannt. Auf dem Bild – aufgenommen im Sommer 1960 anlässlich meiner Erstkommunion – erkennt man problemlos, dass die Beziehung des 9jährigen Martin zu seiner damals fast 90jährigen Großmutter nicht allzu eng war. Das hat sich auch nicht mehr ändern können, denn ein paar Monate später ist sie in meinem Elternhaus gestorben.

Dabei wohnte sie gar nicht weit weg. Von Liblar, wo wir wohnten, bis Wesseling, wo sie ihre letzten Lebensjahre in einem Altersheim verbracht hat, sind es um die 18 km. Mit seinem Auto hätte der Vater schnell mal hinfahren können. Aber so besonders gut war das Verhältnis zwischen Vater und Sohn nicht. Die Großmutter schmollte, weil sie ins Altersheim musste, obwohl ihr Sohn doch ein Haus gebaut hatte. „Hätte er im neuen Haus nicht ein Stübchen für seine alte Mutter einplanen können?“, schreibt sie in ihren Erinnerungen. An Besuche in dem Altersheim kann ich mich kaum erinnern. Ein dunkler Klinkerbau direkt am Rhein, geleitet von Nonnen. Ein kleines dunkles Zimmer im ersten Stock. Ich habe mich mehr für die Schiffe auf dem Rhein interessiert als für die uralte Oma, die keinerlei Anstalten machte, mit ihrem Enkelsohn zu spielen. Sie hatte immer kalte Hände und seit dem Tod ihres Mannes, meines Großvaters, trug sie 45 Jahre lang nur noch schwarz und machte stets einen leidenden, zerbrechlichen Eindruck.

Jetzt beschäftige ich mich viel mit meiner Großmutter väterlicherseits. In den Papieren, die ich von meiner Mutter geerbt habe, befinden sich nämlich auch einige Aufzeichnungen meiner Großmutter, die sie aus Langeweile im Altersheim, in dem überhaupt nur 4 Alte untergebracht waren, gemacht hat. Reiseberichte, eine eher skizzenhafte Beschreibung ihres Lebens, Beschreibungen einzelner Ereignisse wie eines Brandes in ihrem Heimatdorf oder der Schafschur. Dazu zwei dicke Bücher, in denen sie um 1940 eine Übersicht über ihre gesamte sehr große Verwandtschaft geben wollte; oft nur eher langweilige Ansammlungen von Daten: Geboren, geheiratet, verstorben. Manchmal aber auch interessante Einzelheiten, kleine Geschichten aus der Dorfgeschichte um 1900. Und dann ihr Tagebuch, dass sie von 1945 bis 1948 geführt hat, die letzten Kriegsmonate, als sie in die Kämpfe um Breslau geraten ist, die beginnende polnische Verwaltung, der Neuanfang in der Nähe von Hannover.

Nachdem ich einmal angefangen hatte, habe ich immer mehr abgetippt. Und weil die Texte für Heutige an vielen Stellen kaum mehr verständlich sind, forsche ich stundenlang im Internet rum, um Unklares in Anmerkungen erklären zu können. Ich wollte schon längst fertig sein, aber das Buch wird immer dicker, die noch zu lösenden Probleme werden immer schwieriger und der Frühling rückt immer näher. Da wird es wohl noch eine Weile dauern.

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7 Gedanken zu „Das Oma-Buch

  1. Susanne Haun

    Hallo Martin,
    ich freue mich auf das Buch …. du wirst es doch verlegen?
    Ich wünsche dir und Roswitha einen schönen Tag, Grüße aus dem grauen Berlin von Susanne

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Hallo Susanne! wird ja ziemlich privat, ich werde nur einen Stapel bei BOD drucken lassen, ich denke, da wird es wenig Interesse geben, nicht mal in der Familie will jeder was von den alten Geschichten lesen …
      Hier ist schon ein wenig April-Wetter …. einen schönen Gruß von uns an Euch beide!
      Martin

      Antwort
  2. Ulli

    Ich habe sie direkt wiedererkannt (Großmutterprojekt) und finde es spannend, dass du dich an diese Arbeit herangemacht hast.
    Gutes Gelingen!
    herzlichst, Ulli

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Ich kann ja niemand mehr fragen, aber ich vermute aufgrund von Andeutungen, Oma hat mit Kindern schon nicht harmoniert, als sie noch nicht ganz alt war, sondern gerade mal 25jährige junge Mutter.

      Antwort
      1. puzzleblume

        Kommt mir von meine Grossmutter sehr bekannt vor. Sie musste sich zwar viel um die jüngeren Geschwister kümmern, aber vielleicht ist gerade das der Knackpunkt gewesen, weil die grosse Schwester in Bezug auf die jüngeren Kinder eine ganz andere Persepktive hat, eine der auferlegten Pflicht, ohne die Chance, Fürsorge aus Zuneigung lernen zu können.

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