Kinderarbeit (1)

Klar, das ist jetzt nicht so ernst gemeint mit der Kinderarbeit: auf dem Bild bin ich im zarten Alter zu sehen, wie ich beim Bau des Hauses „helfe“, in dem ich dann aufgewachsen bin.

Hier kann man schon eher von Arbeit reden: Wir heizten mit Kohle, Einzelöfen. Und wenn der Kohlehändler die ganzen Briketts, die man rund um Köln „Klütten“ nennt, auf den Gehweg gekippt hatte, dann mussten auch wir Kinder ran: Die Klütten wurden mit der Schubkarre in den Keller gefahren und dort fein säuberlich „opjestivvelt“, also gestapelt. Da hab ich, so scheint es, gerne mitgemacht. Die älteren Schwestern zierten sich wegen des allgegenwärtigen Kohledrecks.

Dass meine Geschwister und ich mitgeholfen haben, war selbstverständlich, da wurde nicht lange diskutiert. Jeden Samstag machten wir rund ums Haus die Gehwege und die Terrasse sauber – lag ja überall Kohledreck von der nahen Brikettfabrik. Unter der Woche gingen wir einkaufen: Zum Bäcker, zum Metzger, zum Milchladen, zur Wäscherei, zum Handarbeitsgeschäft, zum Gemischtwarenhändler. Ich glaube nicht, dass meine Mutter einkaufen gegangen ist. Der Vater sowieso nicht, wann hätte er das auch machen sollen. So sehe ich mich noch heute als Junge vor der mir riesig hoch erscheinenden Metzgertheke stehen und tapfer versuchen, den Zettel, den die Mutter geschrieben hatte, abzuarbeiten. Am schwierigsten war das Einkaufen in dem winzigen Handarbeitsgeschäft. Mutter nähte gerne und in der Regel fehlte ihr das Nähgarn in der passenden Farbe. Da wurde ich dann mit einem kleinen Stückchen Stoff losgeschickt und versuchte oft ohne den rechten Erfolg, den genau passenden Farbton auszuwählen.
In dem recht großen Obst- und Gemüsegarten mussten wir wenig arbeiten; ich glaube, weil der Vater, der studierte Landwirt, der Meinung war, dass wir sowieso alles falsch machen. Es blieb aber noch genug zu tun: Spargelstechen, alle möglichen Beeren ernten, Kirschen, Mirabellen, Äpfel – immer auf der Hut, es richtig zu machen, denn der Vater kannte da keinen Spaß, wehe man ließ die Stile der Kirschen am Baum oder stach den Spargel nicht in der richtigen Höhe.
Frühstück haben wir uns weitgehend selbst gemacht, die Mutter stand nicht gerne früh auf. Das Pausenbrötchen schmierte mir der Vater, manchmal lachten mich die Klassenkameraden aus, weil mein Vater der Meinung war, eine halbe Scheibe Fleischwurst pro Brötchen sei genug. Mittags kochte die Mutter, widerwillig, ohne irgendwelche Ambitionen („Ich bin nun mal eine schlechte Hausfrau“). Wenn wir aus der Schule kamen, hatte sie in der Regel schon mit dem Vater gegessen und machte Mittagsschlaf. Das Essen stand warm gehalten im Backofen oder die Töpfe waren mit einer Decke zugedeckt. Nach dem Essen mussten wir spülen. Und nachdem, seit ich etwa 10 Jahre alt war, nur noch eine ältere Schwester im Haus war, machten wir beide jeden Tag den Spül. Und stritten uns oft genug, ob das Abspülen oder das Abtrocknen und Einräumen des Geschirrs die größere Arbeit sei. Aber egal, wie der Streit ausging, ich musste abtrocknen.
Das Spülen ist bis heute irgendwie an mir hängen geblieben. Vielleicht 6 Jahre lang hatten wir eine Spülmaschine, dann war sie kaputt, das blöde Ding. Mein Vater hat sich auch sein Leben lang gegen eine Spülmaschine gewehrt. Und weil, nachdem die Kinder alle aus dem Haus waren, ja doch irgend jemand diesen Kinderjob übernehmen musste, spülte er seit seiner Pensionierung jeden Tag zwei Mal, immerhin 22 Jahre lang.

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4 Gedanken zu „Kinderarbeit (1)

  1. emhaeu Autor

    Heute wird die Arbeit mit den Kindern mehr und mehr im Modus des Outsourcing erledigt, die Dienstleistung der gegen Null gehenden Dienstboten wird an Kita-Dienstboten verschoben. Interessant fand ich in diesem Zusammenhang, was eine Bekannte, die in sich sehr in der Flüchtlingshilfe engagiert, berichtete: Sie fand es sehr befremdlich, dass die (syrischen) Eltern ihre 7 Kinder einfach alleine daheim lassen, wenn sie einkaufen fahren oder was auch immer. Das machen wir immer so, haben sie gesagt.

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  2. puzzleblume

    Ja, so war das normal und trotzdem noch mässig, wenn ich deine, meine oder sogar die Tätigkeiten meines Mannes, der seine Geschwister tagsüber komplett allein betreuen musste, mit Kochen und Hausaufgaben, weil beide Eltern ausser Haus arbeiteten, mit denen meiner Klassenkameraden aus der Landwirtschaft vergleiche. Die durften oft sogar ihre Hausaufgaben nur dann machen, wenn es abends wirklich nichts mehr auf dem Hof zu tun gab, und in den Ferien hatten sie denselben vollen Tag wie die Erwachsenen. Hände wie alte Leute. Selbstverständlich haben wir alle Kinderarbeit geleistet, Einkaufen für die Oma, auch da im Haushalt und im Garten helfen. Dazu braucht es nicht erst ein prekäres Anstellungsverhältnis in einer Textilmühle, sondern nur die einfache Fragestellung, wer es denn sonst ausser den Eltern hätte machen sollen oder können, und ob der nicht dafür Bezahlung bekommen hätte – häusliches oder landwirtschaftliches Dienstpersonal.

    Antwort

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