Richard Yates: Zeiten des Aufruhrs

(weil ich hier über alle Bücher berichte, die ich gelesen habe ….:)

Keine locker-flockige Ferienlektüre, bestimmt nicht, obwohl ich den Roman fast vollständig im Garten gelesen habe. Eine sehr, sehr gut erzählte und aufgebaute Tragödie, die langsam ihren Lauf nimmt und spannend bleibt, weil zwischendurch der Leser und die Protagonisten immer wieder Hoffnung schöpfen.

Warum April und Frank, ein Paar, das mit zwei Kindern in der Nähe von New York lebt, scheitern, ist gar nicht so einfach zu sagen. Die Sache ist durchaus vertrackt und der Autor selbst schließt allzu kurzschlüssige (und damit harmlose) Erklärungen aus. Das Leben in einer typischen spießigen Vorstadt-Siedlung: Nein, das ist es nicht. Und natürlich wären sie nicht glücklicher geworden, wenn sie in New York wohnen geblieben wären oder gar – was sie eine Zeit lang planen  – nach Europa gegangen wären.

Es ist auch nicht so, dass sie halt so typisches junges Ehepaar sind, das sich in einem bewusstlosen Konformismus in eine Rolle drängen lässt, in Beschränkungen, die sie sozusagen zu Tode fesseln. Nein, die Geschichte ist deswegen eine wahre Tragödie, weil beide eben alles andere sein wollen als ein gewöhnliches Ehepaar mit Haus und Kindern. Sie sind, das steht für sie fest, etwas Besonderes, Leute, die meilenweit über ihren Vorstadt-Nachbarn stehen.

Reden sie immerfort aneinander vorbei, stecken sie zwischen alltäglichem Small-Talk und Lebenslügen fest? Auch nicht, denn immer wieder versuchen sie in langen, offenen Gesprächen den Dingen auf den Grund zu gehen. Dass man mit schonungsloser Offenheit auch nicht weiter kommt, zeigt Yates zudem in der Figur des in die Psychatrie eingewiesenen John, der die beiden ein paar Mal besucht und der ohne jede Höflichkeit sofort ausspricht, was er denkt und fühlt.

Es handelt sich, da sollte man sich nicht mit einfachen Erklärungen drüber hinweg mogeln, um einen tief pessimistischen Roman. Glücklich ist keine der Gestalten, die in „Zeiten des Aufruhrs“ auftreten, am ehesten noch die, die eine gewisse Zufriedenheit aus der Einsicht ziehen, dass eine bescheidene Ruhe schon viel ist.

 

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7 Gedanken zu „Richard Yates: Zeiten des Aufruhrs

  1. Susanne Haun

    Ein spannendes Thema, Martin, ich habe gesehen, dass das Buch ungekürzt als Hörbuch zur Verfügung steht. Vielleicht ist es die richtige Hörkulisse für meine nächsten Zeichnungen.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Lohnt sich bestimmt, liebe Susanne, auch als Hörbuch. Als Film weniger – der Roman ist ja verfilmt worden mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio in den Hauptrollen. Aber dabei bleiben die verschiedenen inneren Monologe und die geschickten Perspektivwechsel sicherlich auf der Strecke.
      Liebe Grüße, Martin

      Antwort
      1. Susanne Haun

        Ja, Martin, ich habe gesehen, dass das Buch verfilmt wurde und könnte es sogar kostenfrei über mein Amazon Prime Studentenabo sehen. Aber ich glaube, ich nehme lieber das Hörbuch. Es erscheint mir sinnvoller.
        Liebe Grüße sendet Susanne

      1. puzzleblume

        Man wundert sich manchmal, ob es für Autoren eine Realitätsbeschreibung ist, oder ein auf einfache Weise Erklärungen liefernder Kunstgriff.

      2. emhaeu Autor

        Dürfte ineinander über gehen, denn jeder Autor beschreibt ja nur den Teil der Realität, der seiner Geschichte zupass kommt. Kann allerdings auch sein, dass der Autor bei der Beschreibung dessen, was so um ihn herum geschieht oder in seinem Kopf vorgeht, gar nicht merkt, wie der bestimmte Tendenzen reproduziert, den Zeitgeist in sich und sein Werk aufgenommen hat.

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