Christopher Isherwood – Praterveilchen

(… weil ich hier aller Bücher, die ich gelesen habe, erwähne und weil ich keine Lust habe, als Anwohner, der auch nicht viel mehr sieht als jemand, der in Sidney wohnt, über den Hambacher Forst zu schreiben …. )

Aus dem Regal gezogen, in dem die verstaubende Sammlung alter rororo-Taschenbücher steht, ohne den Autor oder die Erzählung zu kennen, und mit in den Urlaub genommen.
Der Autor, ein Engländer, der eine Weile in Berlin gelebt hat, dann aber bis an sein Lebensende in Kalifornien, ist in Deutschland sicher weniger bekannt als in den USA, wo man ihn als Drehbuchautor von „Cabaret“ und als engagierten Vertreter der Schwulenbewegung kennt. Diese Erzählung geht auf eine Episode zurück, die er 1933/34 erlebt hat, als er meist in Berlin gewohnt hat. Ein Schriftsteller – Autor und Hauptfigur sind identisch – erhält den lukrativen Auftrag, an einer Filmproduktion mitzuwirken. Anfangs sträubt er sich, aber das Geld lockt und er (und mit ihm der Leser) erhält einen Einblick in die Geschehnisse hinter den Kulissen.

Das ist soweit ganz vergnüglich geschrieben und nicht so recht etwas besonderes. Dann aber, kurz vor Fertigstellung des Filmes, schlägt die Stimmung um, denn die Politik drängt sich ins vorher eher lockere Filmgeschäft: Der Regisseur, ein Linker aus Österreich, kann kaum noch arbeiten, weil er sich Sorgen macht um seine Familie und seine Freunde in Österreich.

Die Hintergründe sind für den heutigen Leser schwer zu verstehen, denn in deutschen Geschichtsbüchern kommt die Niederschlagung des Februaraufstandes 1934, auch österreichischer Bürgerkrieg genannt, nicht vor. Keine Ahnung, wie viele der jüngeren Deutschen mit dem Namen Dollfuß etwas anzufangen wissen. Ich habe, weil ich als ruhestehender Geschichtslehrer die Lücke nicht auf mir sitzen lassen wollte, einige Artikel in der Wikipedia nachgelesen – aber das muss man eigentlich nicht, denn die bedrohliche Situation kommt auch so rüber.

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9 Gedanken zu „Christopher Isherwood – Praterveilchen

    1. emhaeu Autor

      Lehrinhalte – also die österreichische Geschichte? Wär ja eigentlich wichtig, aber tatsächlich, ich spreche aus Erfahrung, hat man kaum die Zeit, mit den Schülern den Nationalsozialismus in Deutschland vernünftig durchzunehmen …

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  1. Susanne Haun

    Lieber Martin,
    ich muss bei den Berichten im Fernsehen immer an den jungen Mann denken, der bei euch an der Tür klopfte als wir da waren und seine Mutter anrufen wollte, um abgeholt zu werden.
    Ich denke, die Demonstrationen bringen Aufmerksamkeit und das ist gut. Selbst wenn nur das erreicht wird, dass die Leute nicht vergessen, dass da etwas vernichtet wird. Es ist in den Archiven geschrieben. 🙂
    Liebe Grüße von Susanne

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    1. juergenkuester

      Liebe Susanne!
      Es ist die Aufmerksamkeit, bestimmt. Aber ich sehe auch den Mut, den zivilen Ungehorsam, Menschen, die unsinniges Unsinn nennen, Staatsdiener, die dem Staat aber auch dem Kapital dienen, Emotionales Contra Vernunft und umgekehrt, sehe all das, was ich zu Zeiten des Protestes gegen den Brüter am Niederrhein hier in Kalkar dort vor Ort schon einmal alles gesehen habe: es ist zum Heulen! Aber es ist auch ein Grund zur Freude, dass es immer noch die gibt, die gegen diesen Irrwitz angehen.
      Liebe Grüße Juergen

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