Essen und Trinken

Wie ich schon in dem Beitrag über den Schmelzkäse angedeutet habe: Das – mir scheint: zunehmende – Getue um das Essen und Trinken geht mir auf den Keks. Drei Erlebnisse aus jüngster Zeit.

Bei einer Ausstellungseröffnung beschwert sich eine Frau nicht übermäßig laut, aber doch so laut, dass alle Umstehenden es hören können, dass der gereichte Sekt schlecht sei. Zu wenig Perleffekt, zu wässrig und so weiter. Mal abgesehen davon, dass dergleichen vor allem von schlechtem Benehmen zeugt: Tatsächlich hatten die Gastgeber sich was gedacht und gar keinen Sekt serviert, sondern einen den heißen Temperaturen angemessenen extra leichten Perlwein. Das hochtrabende Gerede über Wein und Sekt scheint mir zu guten Ton zu gehören, jedenfalls zu dem, was die, die so daher reden, für den guten Ton halten. Ähnlich in einem Restaurant, in das wir eingeladen worden sind. Gilt in der benachbarten Kleinstadt als das erste Haus am Platze. Der uns eingeladen hatte, war dort offenbar Stammgast, denn er wurde von der Mann schaft direkt mit großem Getue begrüßt: „Ja, eine Flasche Ihres Lieblingsweins steht schon auf dem Tisch….“ Eine sicherlich teure Brühe, von der ich nur ein paar Schlucke getrunken habe, um mich dann freiwillig als Chauffeur zu melden. Da fand ich das alte Paar sehr erfrischend, mit dem ich in Spanien war. Die kauften ohne zu zögern im Supermarkt 3 Literpackungen „Vino tinto“ zu je 0,89 €. Der schmeckt uns, meinten sie. War gar nicht so falsch, das Gesöff – jedenfalls wenn man es wie ich im Verhältnis 1:5 mit Wasser verdünnt zum Essen getrunken hat.

Beim einem Familiengeburtstag mit 20 Personen gab es Essen vom Buffet. Anders geht es schon nicht mehr, denn der eine will es vegetarisch, der andere glutenfrei, der dritte isst vor lauter Angst, es könnte sich irgendwie vergiften, sowieso nur ein Häppchen. Im Essen herumzustochern und dabei möglichst noch Geschichten über Lebensmittelskandale, eigene Empfindlichkeiten und die Ergebnisse neuester Ernährungsforschungen zum besten zu geben, gilt offenbar als vornehm. Einmal habe sie Gemüse beim Aldi gekauft, erzählte meine Tischnachbarin, probeweise, aber das hätte sie fast komplett wegwerfen müssen…

Was haben wir bei solchen Anlässen früher geschmaust! Da gab es das gleiche Menü für alle, alle hauten kräftig rein und spülten mit Bier nach, später dann mit Kaffee und Cognac, die Verdauungszigaretten nicht zu vergessen. Ist das meine rosarote Vergangenheitsbrille oder war nicht früher die Stimmung tatsächlich besser, als sich alle über den Braten hermachten und auf den Kuchen einen ordentlichen Klecks Sahne klatschten?

Auch da gibt es, wahrscheinlich aussterbend, den Gegenpol. IM Sommer war ich mit Leuten unterwegs, denen es beim Essen vor allem auf zwei Dinge ankam: Praktisch musste es sein und billig. Da wurde selbstverständlich nur H-Milch gekauft und getrunken und dreimal täglich Nescafé. Schmeckt doch und ist doch so schön einfach, hieß es immer. Habe ich mir eine Weile angesehen und dann gefragt, warum die beiden sich zwar einen neuen Mittelklassewagen leisten konnten (bar bezahlt übrigens), aber keinen anständigen Kaffee.

Das gesunde Mittelmaß, scheint mir, ist eine vom Aussterben bedrohte Art.

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7 Gedanken zu „Essen und Trinken

  1. Susanne Haun

    Lieber Martin,
    du irrst nicht, genauso wie du sie beschreibst habe ich die Familiengeburtstage meiner Jugend in Erinnerung. Genauso versuche ich sie auch heute noch zu zelebrieren. Es wird schwerer aber wenn ich mit Torte (die viel Butter enthält) komme, dann werde ich sie doch reissend los. Ich kann es einfach nicht jedem Recht machen, davon habe ich mich befreit. Das einzige, was ich nicht zulasse, das ist das Rauchen, da habe ich auf dem Balkon bei jedem Wetter einen Stuhl und einen Ascher zu stehen.
    Liebe Grüße von Susanne

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    1. emhaeu Autor

      Rauchen könnte ich auch nicht mehr vertragen. Komisch, wie sich das ändert. Selbst habe ich nie geraucht, aber in meiner Zeit an der Schule bin ich immer im vollgequalmten Rauchlehrerzimmer gewesen. Heute abend sind wir zum Essen eingeladen, bin mal gespannt, wie es diesmal wird ….
      Schönen Sonntag!
      Martin

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      1. emhaeu Autor

        Ja, danke, war recht entspannt und es wurde nicht über die Dorade, die es zu essen gab, diskutiert, sondern es wurden Geschichten aus der verflossenen Jugend erzählt …
        Auch Dir eine schöne Woche! Martin

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  2. Ulli

    Das ist mit ein Grund warum ich die Kocherei an den Nagel gehängt habe – diese ewige Nörgelei und all die Befindlichkeiten haben mir die Freude genommen, neben anderem. Nun nur noch Frühstück, ansonsten Kindergarten am Morgen …
    Was essen und feiern anbelangt, so stimme ich in dein Lied mit ein, rosa Brille hin oder her.
    herzliche Grüße, Ulli

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    1. emhaeu Autor

      Frühstück ist einfacher, wahrscheinlich, obwohl da auch jeder so seine Vorlieben hat. Daheim esse ich nur zwei Scheiben Toast mit Marmelade und Tee, …. , aber auch beim Frühstück im Hotel habe ich schon viel Nörgelei gehört – von wegen lieblos und der Lachs (wer zum Frühstück Lachs isst, ist selber schuld, denk ich) schmeckt nicht und der Orangensaft ist nicht frisch gepresst. Am Frühstücksbuffet wird dann auch jeder zum Gourmet, jedenfalls, wenn es im Preis inbegriffen ist. Kindergarten ist einfacher: Immer Nudeln mit Tomatensauce und fertig (;-))
      Schönen Sonntag!
      Martin

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