Meine Demo

Anti-KVB-Demo in Köln – Bild: Kölnische Rundschau

Irgendwann Ende der 60er Jahre fand in Brühl, der damals eher beschaulichen Kleinstadt zwischen Köln und Bonn eine Demonstration statt. Gegen eine Fahrpreiserhöhung der Kölner Verkehrs Betriebe, kurz KVB. Die Schülervertretung des altsprachlichen Gymnasiums der Stadt Brühl, in der ich damals mitarbeitete, hatte die Demonstration mit organisiert.

Und so ging ich dann mit einigen Mitstreitern aus meiner Klasse in der ersten Reihe. Der W. war natürlich auch in der ersten Reihe, der politischste von uns allen, der heute in Berlin alleine in einer 125m2 großen Altbauwohnung am Nollendorfplatz mit Stuckdecken und Kristalleuchtern wohnt und immer noch auf den Kapitalismus schimpft wie damals. Auch der B. war da, obwohl er sich eigentlich nur für Fußball interessierte. Der lebt heute von der Vermietung seiner Wohnungen in begehrter Stadtlage. Der S. jedoch, den alle wegen seiner langen Haare bewunderten, hat das Studium geschmissen und ist in den Drogenstrudel geraten, aus dem er sich nie wieder so völlig hat herausarbeiten können, die letzten Jahre seines Arbeitslebens war er Büroangestellter bei einer Spedition. Und der D. natürlich, der sich selbst als Rampensau bezeichnet, war auch in der ersten Reihe, was alle ein wenig wunderte, denn er war der Streber der Klasse und immer peinlich darauf bedacht, sich bei den Lehrern einzuschmeicheln; aber eine Rampensau ist nun mal eine Rampensau, da kommt halt nur die erste Reihe in Frage. Er wurde einer der jüngsten Studiendirektoren des Landes. Damals völlig unpolitisch, später CDU-Mitglied, vor 2 Jahren ausgetreten, weil ihm die CDU zu links geworden ist.

Wir alle also marschierten in der ersten Reihe. Keine Ahnung mehr, was auf den Transparenten stand, keine Ahnung, welche Parolen wir riefen. Die Bevölkerung nahm wenig Notiz von uns. Mir, dem eher Introvertierten, ist vor allem in Erinnerung geblieben, dass mir das ganze ziemlich peinlich war und dass ich damals beschlossen habe, nie wieder an einer Demonstration teilzunehmen, woran ich mich auch gehalten habe.

Der Witz ist, dass wir eigentlich nur wussten, dass die Fahrpreiserhöhung der KVB irgendwie ganz böse war. Durch Brühl fuhr die KVB damals gar nicht, sondern die KBE, eine Privatbahn. Und zur Schule fuhr ich mit der Bundesbahn. Die KVB gab es nur in Köln, und wenn ich mich recht erinnere, war ich bis dato noch nie mit der KVB gefahren, wahrscheinlich hatte ich überhaupt keine Ahnung, wie teuer ein KVB-Fahrschein eigentlich war. Die Begründung, weshalb der Stadtrat – damals mit SPD-Mehrheit – diese Preiserhöhung genehmigt hatte? Keine Ahnung. Die finanzielle Situation der KVB? Nie gehört. In Köln gingen die Studenten gegen die KVB auf die Strasse, Protest war „in“, das war’s. Mitläufer waren wir, nichts anderes, Mitläufer, die sich für besonders kritische Jugendliche hielten, für die Avantgarde.

An diese Geschichte musste ich denken, als letztens eine Demonstration durch unser Dorf zog. Alle in dem gleichen Alter, wie ich damals war. Die Jugendorganisationen von BUND & Co. hatten zur Demo gegen den Braunkohleabbau aufgerufen, mehr als 150 – 200 waren nicht gekommen, aber mehr waren wir damals auch nicht. Einen Unterschied gibt es freilich: Heute loben die Lehrer ihre Zöglinge für ihr umweltbewusstes Engagement, berichten die Medien wohlwollend, schwimmen die Demonstranten im gesellschaftlichen Mainstream, während damals die Reaktionen der Lehrer und der Öffentlichkeit bekanntlich durchaus harsch waren – man schaue sich nur mal den Fernsehbericht über die Anti-KVB-Demo in Köln an, den der WDR damals gesendet hat.

Ob die jungen Leute, die ich aus dem Fenster beobachtet habe, mehr von der Sache verstehen als wir damals von der KVB? Ich wage es zu bezweifeln. Oder, polemisch ausgerückt: Wie viele von denen, die da über die Energieversorgung des Industriestandortes NRW entscheiden wollen, wissen ohne ihr Smartphone, wie hoch der derzeitige Strompreis ist? Weiß jemand, was der energetische Erntefaktor ist? Oder die Klimasensitivität von CO2? Oder auch nur, wie hoch der Anteil der durch die Braunkohleverstromung  in Hambach erzeugten CO2-Menge vom gesamten CO2-Ausstoß Deutschlands ist?

Ich vermute, sie wissen darüber nicht viel mehr als den Satz „Braunkohle=Klimakiller Nr. 1“ so wie ich damals nur wusste „KVB=unsozial“….

So marschierten sie also durchs Dorf und riefen, was jemand mit einem Megaphon vorgab: „Wir sind hier und wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ Nun, im Dorf nahm niemand von den Demonstrierenden Notiz, wen meinten sie denn auch mit „ihr“? Im Dorf war mit Sicherheit niemand, der irgendwo an den Schalthebeln der Macht sitzt, da hätten sie schon zur Konzernzentrale marschieren müssen oder zum Landtag, wo 2016 alle Parteien inclusive der damals mitregierenden Grünen in namentlicher Abstimmung für die Fortsetzung des Tagebaus Hambach gestimmt haben.

Und das mit der Zukunft. Gut, Zuspitzung ist wahrscheinlich nötig, wenn man gehört werden will. Aber dass die privilegierten Mittelschichtskinder in ihren Marken-Outdoor-Klamotten da vor meinem Fenster wegen des Braunkohleabbaus keine Zukunft mehr haben sollen, ist ja nun doch ziemlicher Unsinn. Gerade diese Schicht könnte mit dem Klimawandel, selbst wenn er so schlimme Auswirkungen haben sollte, wie manche meinen, noch am besten fertig werden.

Das aber ist vielleicht auch eine Gemeinsamkeit mit den demostrierenden Gymnasiasten von 1969: Ich kannte aus meiner Altersgruppe nur Gymnasiasten, auch in dem Segelclub, wo ich damals abzuhängen pflegte, traf ich auf die gleiche soziale Schicht. Menschen, die wirklich unter der KVB-Preiserhöhung gelitten haben, kamen in meiner Welt nicht vor. Arbeitslose, Lehrlinge, Arbeiter? Klar, davon konnte man manchmal in der Zeitung lesen.

Das dürfte bei den Anti-Braunkohle-Demonstranten von heute nicht viel anders sein. Sie haben wahrscheinlich nie mit einem der Menschen, die wegen der möglichen Stilllegung der Kraftwerke um ihren Arbeitsplatz bangen, gesprochen, wischen die Argumente der zuständigen Gewerkschaft – falls sie sie überhaupt kennen – einfach vom Tisch wie die Frau, die, als ich sie darauf ansprach, wütend meinte: „Wir lassen uns nicht mit den Arbeitsplätzen erpressen!“

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6 Gedanken zu „Meine Demo

  1. Susanne Haun

    Ja, Martin, es ist schwer, mit betroffenen Menschen zu sprechen. So geht es mir auch, die ich gerade versuche zu verstehen, was in den wohnungslosen Menschen vor sich geht.
    einen schönen Sonntag von Susanne

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Habe ich gesehen, liebe Susanne, jedenfalls das, was Du über die Wohnungslosen in den sozialen Netzwerken gepostet hast. Du bis ja überall, sogar bei Twitter habe ich Dich entdeckt! LG Martin

      Antwort
      1. Susanne Haun

        Mein Tweet im Twitter wird automatisch von WordPress aus meinem Blogbeitrag erstellt. Ich muß zu meiner Schande gestehen, dass ich ewig nicht mehr bei Twitter eingeloggt war. 😉

  2. puzzleblume

    Man weiss es nicht, es ist wohl wie so oft in jedem Theater, dass viele der Akteure zuerst dem Ruf der Bühne folgen und dann Regieanweisungen. Ihnen gegenüber sitzt der aufmerksame Zuschauer, der gesellschaftlich motiviert Anwesende, noch der daneben schlummernde Ignorant, und so sind sie wieder alle eins.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Theatrum mundi – aber was soll man machen, irgendwie spielt man immer mit, auch wenn man der ist, der in heiterer Gelassenheit vor sich hindöst oder der, der frühzeitig den Saal verlässt und die Tür zuschlägt.

      Antwort

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