Meine Rede

Irgendwann im Juni kam der Vertrag über eine Ausstellung im Kulturwerk Aachen. Da stand in einem der gar nicht so wenigen Paragrafen, dass der Redner für die Rede zur Vernissage 180 € vom Kulturwerk bekäme. Nicht schlecht, meinte die Fotografin, die Rede könne ja ich halten, dann springe wenigstens auch für mich was rum.

Bald fingen die Gedanken an zu sprudeln und ich tippte 4 Seiten auf dem iPad. Nur der Schluss fehlte noch, kein Problem, dachte ich. Dann kam die Fotografin und meinte, in der Eröffnungsrede müssten unbedingt die Archetypen C.G. Jungs vorkommen. So ein Ärger, wie sollte ich den unterbringen? Und außerdem: Ich habe zwar mal die Schriften C.G. Jungs über Paracelsus herausgegeben und mit einem Vorwort versehen (das Vorwort hat den Erben C.G. Jungs nicht gefallen und die gesamte schon gedruckte Auflage musste eingestampft werden …), aber Archetypen kamen da nicht vor, davon hatte ich keine Ahnung.

Also habe ich das Redemanuskript erst einmal beiseite gelegt und da blieb es liegen und blieb es liegen. 10 Tage vorher blieb mir nicht anderes übrig, ich habe mich wieder drangesetzt. Ein paar Sachen über die Archetypenlehre gelesen, ein paar Notizen gemacht, irgendwann bei der Gartenarbeit kam mir dann die Idee, wie ich das einbauen könnte. Nur der Schluss fehlte immer noch.

Die Ausstellung wurde aufgebaut. In dem Raum wurden mir zwei Sachen klar: Erstens, dass ich dort vor Publikum reden müsste, und zwar mit Mikrophon, und zweitens, dass jetzt ein Schluss her musste. Ich wurde immer aufgeregter, zweifelte jetzt an der gesamten Rede, ging das ganze noch einmal durch, aber vor Aufregung konnte ich mich nicht so recht konzentrieren, vor allem: Die Gedanken sprudelten nicht, sie tröpfelten nicht einmal.

Noch ein Versuch, am letzten Tag. Schon besser, der Schluss war nun zwar etwas kurz, aber brauchbar. Danach hätte ich ruhig einschlafen können. Hätte, aber nun stieg das Lampenfieber. So ein Unsinn, versuchte ich mir zu sagen, schließlich habe ich als Lehrer 25 Jahre täglich vor einem Publikum geredet. Aber wie das so ist: Gefühl und Ratio sind zwei paar Schuhe, die Aufregung wich nicht. Am Tag X habe ich da was rumgebastelt, dort was aufgeräumt, hatte keinen besonderen Hunger, nicht mal auf den Apfelkuchen aus Äpfeln aus dem eigenen Garten. Eigentlich wollt ich die Rede vorher noch mal proben, eigentlich, aber das habe ich so lange rausgeschoben, bis es zu spät war. Wird schon klappen, wird schon klappen, sagte ich mir. Daneben fiel mir meine Mutter ein, die manchmal vor dem Verein, den sie leitete, Ansprachen halten musste, und vorher grundsätzlich nicht schlafen konnte oder Magenschmerzen bekam oder beides. So weit bin ich also jetzt auch, dachte ich, was meine Stimmung nicht besserte.

Vielleicht kommt keiner – dann brauche ich nicht zu reden. Oder nur 3 oder 4, dann brauche ich wenigstens nicht ins Mikrofon zu sprechen. Aber leider, leider, als ich wegen eines Staus recht spät ankam, waren schon Leute da, gut 20 nur, aber halt doch mehr als keiner.

Hat dann ganz gut geklappt, nur die mangelnde Probe hat sich bemerkbar gemacht. Danach kam sofort der Hunger zurück und ich war der erste, der sich am Buffet bedient hat.

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10 Gedanken zu „Meine Rede

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