Unglückliche Hühner

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Man kann es dem Bauern nicht übel nehmen: Die Kunden wollen es so. Hühner, die glücklich auf der Wiese im Freiland rumlaufen. Da greift der Kunde doch gerne tiefer in die Tasche.

Leider sind die Hühner auf dem Bild nicht so glücklich, wie der hühnerliebende Mensch denkt. Mit einer Wiese können Hühner recht wenig anfangen. Sie fressen zwar Gras, aber eher so, wie der Spanier das Gemüse: Ein ordentliches Stück Kabeljau, dazu Fritten und dann als Gemüse eine Paprika für 4 Personen. Was Hühner lieben, ist sandiger, staubig-lockerer Boden, damit sie ihre Staubbäder nehmen können, die auch für die Gesundheit wichtig sind. Für Staubbäder müssen die Hühner auf dem Bild sich schon unter den Wagen verkriechen.

Von der großen Freifläche halten die Hühner gar nichts. Dass sie sich darüber freuen, dort herumlaufen zu können, ist reine Projektion von Menschen, eine Vermenschlichung, wie sie in unzähligen Bilderbüchern etc. vorkommt. Man sieht es auf dem Bild: Kein Huhn ist auf der großen Freifläche zu sehen, alle drängeln sich um den Stall.

Das liegt daran, dass das Huhn ein Waldtier ist, ein völlig zu recht ängstliches Tier, denn es kann nicht gut fliegen. Wenn das Huhn freien Himmel über sich sieht, bekommt es Angst, denn sein Instinkt sagt ihm, dass es wegen Raubvögeln in Gefahr ist. Wagt sich das Huhn also auf die freie Fläche, um dort auf der Suche nach Würmern zwischen dem Gras zu gehen, steht es unter Stress.

Was Menschen auch schwer begreifen: Hühner sind Wesen, die weder Freiheit noch Einsamkeit lieben. Im Gegenteil: Auch das bedeutet für sie nur Stress, Angst. Denn wenn der Marder oder der Fuchs kommt (und damit haben die Bauern hier in der Gegend, wie mir ein anderer Hühnerhalter erzählte, zunehmend Probleme), kann sich das Huhn nicht wehren. Das einzige, was hilft, ist, die Reihen fest geschlossen zu halten.

Bei Temperaturen wie jetzt ist die Sache mit dem Freiland noch aus einem anderen Grund problematisch: Hühner haben es nämlich gerne warm, sitzen gerne im Stall auf einem Haufen und wärmen sich aneinander. Dass Hühner, wenn es ihnen zu kalt ist, keine Eier legen, ist eher für den Hühnerhalter als für das Huhn ein Problem.  Aber ich erinnere mich, dass wir im Winter die Hühner regelrecht aus dem Stall herauslocken mussten. Ach so, ich habe vergessen zu erwähnen, dass ich die ersten 18 Jahre meines Lebens sozusagen zwischen Hühnern aufgewachsen bin, denn mein Vater hatte immer um die 80 Hühner, mit denen er – er arbeitete ja damals als Landwirtschaftsberater – allerlei Versuche machte, die genau protokolliert wurden. Die Hühner musste man im Winter mit Körnerfutter aus dem Stall herauslocken. Sonst blieben sie in dem warmen, wegen der besseren Legeleistung leicht geheizten und morgens ab 6 Uhr beleuchteten Stall.

Wenigstens in dem letzten Punkt gleichen die Hühner den Menschen, jedenfalls Menschen wie mir: Bei Kälte bleibe ich lieber am Ofen.

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10 Gedanken zu „Unglückliche Hühner

  1. puzzleblume

    Zur artgerechten Haltung von Hühnern findet man auf der Webseite des Europäischer Tier- und Naturschutz e.V. eine bündige Begründung für ihre Haufenbildung auf leeren Fläche: “ […] Allerdings sind Hühnern weite Wege lästig, was auch dadurch bedingt ist, dass Hühner extrem kurzsichtig sind und stillstehende Objekte nur bis zu einer Entfernung von 50 m sehen können. Auch bewegen sie sich gerne in Bereichen, die ihnen nach oben Deckung bieten. [… ] “ Hecken und Bäume wären halt nett anstelle der schrecklich öden Wiese, die lediglich die pragmatische Denkweise dieses einkommensorientierten Landwirts widerspiegelt, nämlich dass auf einfachste Weise Auflagen erfüllt werden müssen, um Eier teurer verkaufen zu können. Er wird diese Menge Hühner wie auf dem Foto kaum nur zum Eigenbedarf halten, anders als seinerzeit mein österreichischer Nachbar, ein alter Weinbauer. Dieser hat seinen Hühnern im Winter das Dasein im Stall versüsst, indem er sie mit in Wein eingeweichtem Brot gefüttert hat. Vermutlich würde niemand das artgerecht nennen, aber daran, dass diese Hühner so angesoffen eingesperrt nicht minder zufrieden wirkten, als im Sommer freilaufend im Hof, besteht kein Zweifel. Ob das so „richtig“ war, ihnen ein Zellgift zu verabreichen, ist wahrscheinlich auch strittig.

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    1. emhaeu Autor

      Da lob ich mir den alten Weinbauern! Das Hühner so schlecht sehen, wusste ich nicht. –
      Der Landwirt hat noch viel mehr Hühner, zwei solcher fahrbaren Ställe für die Freilandeier und mehr im Hintergrund einen sehr großen modernen, geschlossenen Stall. An der Strasse, links von dem Punkt, von dem aus ich das Bild gemacht habe, steht ein großer Eierverkaufsautomat. Das ist schon ein Profi, macht halt, was die Kunden gerne sehen; dazu passt auch, dass auf dem Bild auf dem Hühnerwagen eine Frau abgebildet ist, die mit einem Huhn kuschelt.

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  2. Ulli

    So vervollständigt sich mein schmales Wissen über Hühner. Mein Sohn weiß nun auch schon einiges zu berichten, da er unter die „Bioländer“ gegangen ist und sich auf dem Hof um das liebe Federvieh kümmert. Ich lernte, dass die Hühner auch unbedingt Wasser brauchen, wenn sie Eier legen sollen, auch im Winter …
    herzliche Grüße
    Ulli

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    1. emhaeu Autor

      Ja, Wasser ist ein Problem, wenn man ihnen eine Schale hinstellt, manschen sie das Wasser in kurzer Zeit raus. Deshalb hatte mein Vater so ein Ding, da kamen einzelne Tropfen raus, wenn das Huhn dran ging. Auch da sind Mensch anders – ich nehme lieber einen kräftigen Schluck

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