Fernsehen (1)

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Ein DDR-Modell von 1956 – so sah der Apparat in der „Erftbastei“ auch aus

Am 30. Juni 1956 habe ich zum ersten Mal vor einem Fernsehapparat gesessen. Das weiß ich so genau, weil an dem Tag meine älteste Schwester geheiratet hat und die ganze Familie sich in Euskirchen in der „Erftbastei“ zum fröhlichen Hochzeitsfeiern getroffen hat. Ein schöner Bau, reines Bauhaus, war diese Erftbastei, die später abgerissen worden ist, schön gelegen im Grünen in der Nähe des Turnierplatzes, zu dem mein Vater ein paar Mal mit mir gefahren ist, um Reitturnieren zuzusehen. Meine Eltern hatten sich in Unkosten gestürzt, damals mussten die Eltern der Braut ja für die Kosten aufkommen, und mein Vater wird schon hochgerechnet haben, was ihn die Hochzeitsfeiern seiner 4 Töchter noch kosten würden.

Hat mich aber alles nicht die Bohne interessiert damals. Ich war 4 Jahre alt und fand die ganze Angelegenheit wahrscheinlich fürchterlich langweilig, zumal ich der einzige Junge in dem Alter war. Aber – und daran erinnere ich mich genau – in einer Nische des Raums, in dem getafelt wurde, stand dieser große Apparat. Aus der Perspektive des Vierjährigen gesehen ein riesiges Ding mit einem kleinen, blaugrau flimmernden Bildschirm, auf dem eine Sendung über Fische lief. Normalerweise fing das Fernsehprogramm ja erst um 19:30 Uhr an, aber am Sonntag schon um 12:00 Uhr mit dem „Internationalen Frühschoppen“.

Das flimmernde Ding hat mich fasziniert, einen Fernsehapparat hatte ich noch nie gesehen. Wir hatten wie alle ein Radio damals, das abends angeschaltet wurde, damit die Eltern nach dem Abendessen „Zwischen Rhein und Weser“ hören konnten. Solange mussten die Kinder schön still sein, und wenn die Sendung vorbei war, ging es auch schon ins Bett.

Bald hatten die Eltern von Freunden einen Fernsehapparat. Und wenn ich dort zu Besuch war, schauten wir gemeinsam die Kinderstunde oder das Intermezzo. Kam ich dann nach Hause, meinte meine Mutter: „Der Junge ist ja ganz raderdoll im Kopf“, womit sie wahrscheinlich recht hatte.

Ein Fernseher jedenfalls, das stand fest, kommt uns nicht ins Haus, das ist nichts für uns. Tante und Onkel in Berlin, die in einem feinen Haus am Grunewald wohnten und sonntags mit ihren Kindern Klavierquintette spielten, hatten so was auch nicht. Basta.

Später allerdings kam die Nachricht, die Verwandtschaft in Berlin hätte sich einen Fernsehapparat angeschafft. Aber: Das Ding stand im Schlafzimmer der Eltern und wurde erst angeschaltet, wenn die 5 Kinder im Bett waren. Das fanden meine Eltern dann doch etwas affig, aber wir hörten weiter Radio. Erst als alle ringsum einen Apparat hatten, kauften meine Eltern sozusagen als Nachzügler auch einen.

Wann das war, weiß ich auch noch ziemlich genau. Denn als die Nachricht vom Tode meiner Großmutter kam, am 20. Oktober 1960, saß ich im Wohnzimmer und schaute fern: Autotest, der neue VW 1600. Komisch, dass man sich an so etwas erinnert.  –

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2 Gedanken zu „Fernsehen (1)

  1. puzzleblume

    „Raderdoll“ – ist das eine eingedeutschte Version vom französischen „Ratatouille“? Eintopf im Kopf beschreibt den Zustand im Kinderkopf nach einem ungewohnten, mehrstündigen Fernsehnachmittag bei vorgezogenenGardinen perfekt, erinnere ich mich auch.

    Gefällt 1 Person

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    1. emhaeu Autor

      Ist kölscher Dialekt, mir aber so vertraut, dass mir das gar nicht bewusst war. Die Etymologen des kölschen Dialekt rätseln, was die Herkunft von raderdoll angeht, ziemlich rum. Soll was mit dem Rad zu tun haben, weil es auch den Ausdruck raderkastendoll gibt. Gibt für mich aber weniger Sinn als Dein Vorschlag

      Gefällt 3 Personen

      Antwort

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