Thomas Bernhard: Die Ursache

Die Romane von Thomas Bernhard habe ich einmal sehr geschätzt. In den 80ern habe ich mir alles, was von ihm erschienen ist, gekauft und hatte den Ehrgeiz, einen „kompletten“ Thomas Bernhard im Bücherregal stehen zu haben.

Dann kamen, wie das so ist, andere Interessen und der Thomas Bernhard verschwand aus dem Regal. Letztens stolperte ich aber über diese Ausgabe: 

Jemand hat aus Bernhards autobiografischem Roman „Die Ursache“ eine Graphic Novel gemacht, das fand ich interessant und die Zeichnungen von Lukas Kummer, die ich im Internet gefunden habe, sehr eindrucksvoll (ich hoffe mal, ich kriege keinen Ärger wegen des Copyrights, aber ich mache ja Werbung für das Buch …):

Kann man ein Werk von Thomas Bernhard adäquat in Bilder umsetzen? Diese endlos umhermäandernden Sätze mit ihren ständigen Wiederholungen? Nun, vom Text sind in diesem Comic natürlich nur Bruchstücke übrig geblieben, meiner Meinung nach muss man die Bernhardsche Sprachmelodie im Ohr haben, wenn man diese Graphic Novel liest, sonst ist das ein wenig so, als ob man die Matthäus-Passion von Bach auf dem Xylophon spielt und dazu einen Film zeigt.

Aber wie dem auch sei, die Sache hat mich angeregt, „Die Ursache“ zu lesen. Kann man sich kostenlos auf das Tablet herunterladen.

Nichts für zarte Gemüter, auch dieser Teil von Thomas Bernhards Autobiografie, der die Kriegsjahre abdeckt. Der Luftkrieg, das stramm nationalsozialistische Internat, dann die ihm verhasste höhere Schule und das nach 45 zu einer katholischen Einrichtung gewordene Internat. In diese Welt scheint selten mal ein Sonnenstrahl. Bemerkenswert: Die Schilderung der Luftangriffe. Der ständige Alarm, vor dem sich die Schüler in einen in den Berg getriebenen Stollen flüchten mussten, dann die tatsächlichen Angriffe mit Bomben, denen ein großer Teil der Altstadt von Salzburg zum Opfer fällt, auch das Haus, in dem der junge Thomas Bernhard noch am Vortag Geigenunterricht gehabt hatte, wird dem Erdboden gleich gemacht.

Es gibt, erstaunlicherweise, in der deutschsprachigen Literatur kaum Schilderungen der Luftangriffe während des Zweiten Weltkrieges. Ein furioses Stück von Arno Schmidt fällt mir ein, sonst nicht viel, jedenfalls nichts auf diesem Niveau.

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2 Gedanken zu „Thomas Bernhard: Die Ursache

  1. puzzleblume

    Wenn ich an die Schilderungen meiner Eltern oder Schwiegereltern denke, die mit ihrem damaligen Jungerwachsenenalter wohl dem der potentiellen Autorenschaft entsprochen haben mögen, die in den 50er bis 90er Jahren über eigene Eindrücke oder ihrer Angehörigen hätten dokumentarisch schreiben können, vermute ich zumindest, dass es den meisten Schriftstellern nicht möglich war, von der Befangenheit der Bedeutung für ihr eigenes kleines Leben auf den polithistorischen Blick und die Gesamtheit umzuschwenken, wie es wohl Aussenstehenden mit dem Vorstellungsvermögen der Nichttraumatisierten leichter gefallen sein mag.

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    1. emhaeu Autor

      Ja, ist wohl nicht leicht gefallen. Böll etwa hat, soweit ich sehe, nie etwas persönliches über seine Zeit im Krieg geschrieben, Grass auch nicht. – Aber eigentlich würde ich das von einem bedeutenden Schriftsteller schon erwarten, dass er auch in die eigenen Traumata hinein sehen kann. Aber was weiß ich, der ich dergleichen nicht habe erleben müssen.

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