Wladimir Solowjew: Eine kurze Erzählung vom Antichrist

Ist mir über den Weg gelaufen, und weil ich vor vor ewigen Zeiten mal eine Doktorarbeit geschrieben habe, in der der Antichrist eine tragende Rolle spielt, habe ich diese tatsächlich recht kurze Erzählung gelesen:

In meiner Doktorarbeit habe ich nur die Entwicklung der Vorstellung vom Ende der Welt bis zur Lutherzeit behandelt. Irgendwann muss man ja mal Schluss machen. Deswegen war mir diese Erzählung des russischen Philosophen und Dichters Wladimir Solowjew (1853 – 1900) kein Begriff. Sie wäre wohl auch mehr oder weniger vergessen, wenn sie sich nicht in anthroposophisch-esoterischen Kreisen einer gewissen Beliebtheit erfreuen würde – ohne dass ich so aus dem Stegreif sagen könnte, aus welchem Grund.

Die Geschichte spielt im Jahr 2077. Nach einigen Weltkriegen und einer längeren Zeit, in der ganz Europa unter moslemischer Herrschaft gewesen ist, tritt ein junger Mann auf, natürlich Anfang 30 wie sein biblisches Vorbild, dem gelingt, was niemand für möglich gehalten hat: Er schafft Frieden auf der ganzen Erde, löst die soziale Frage, alle sind zufrieden. Ein Held. Dass er mit schwarzer Magie arbeitet, bleibt der Öffentlichkeit verborgen. Er gilt überall als ein „Guter“, ja als die Verkörperung des Guten – Vegetarier ist er auch.
Nun würde man von einem Antichrist erwarten, dass er gegen das Christentum vorgeht. Tut er aber nicht. Im Gegenteil. Nachdem er zum Weltherrscher aufgestiegen ist und zum neuen Kaiser gekrönt worden ist, geht er daran, einen Traum zu verwirklichen und die Einheit der Christen wieder herzustellen: Orthodoxe, Protestanten, Katholiken etc. sollen sich auf einem Konzil austauschen und sich auf eine neue vereinigte Kirche einigen. Dann hätte er nicht mehr und nicht weniger geschafft, als das Reich Gottes auf Erden zu errichten, den idealen Gottesstaat – unter seiner Führung, versteht sich.
Nur wenigen gelingt es, sich nicht täuschen zu lassen. Auf dem Konzil kommt es zum Eklat. Der Rest sei nicht verraten, aber am Schluss geht natürlich die Welt unter.

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2 Gedanken zu „Wladimir Solowjew: Eine kurze Erzählung vom Antichrist

    1. emhaeu Autor

      Nun, Weltuntergang (genauer: Erneuerung der Welt) muss sein, das gehört sozusagen zum Genre, denn der Antichrist erscheint in der gesamten Tradition immer kurz vor dem Ende der Geschichte. –
      Dass der Mensch sich nicht als Teil der Natur, als Naturwesen betrachtet, würde Solowjew, wenn ich ihn richtig verstehe, kritisieren. Sein Antichrist versucht ja in einer Art gigantischem Social-Engineering-Experiment, den Menschen aus seinem Platz in der Natur herauszuheben und den Übermenschen zu schaffen, der alles hinter sich gelassen hat, auch seine genetischen Programme.
      So genau kenne ich mich mit der Gedankenwelt des Herrn Solowjew auch nicht aus …

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