Alles so hübsch hässlich hier

Wegen einer Lesung aus dem Roman, den ich lektoriert habe, bin ich in den Ort gefahren, in dem ich aufgewachsen bin, denn der Autor, mit dem ich schon gemeinsam in den Kindergarten gegangen bin, lebt immer noch dort. Ich hatte noch ein Plakat ausgedruckt und musste deswegen über eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung da sein.

Die Zeit habe ich mir mit einem Bummel durch den Ort vertrieben, mir alles genau angesehen. Bald kam ich mir vor wie Thomas Bernhard – ich kam aus dem Schimpfen über die allgegenwärtigen Bausünden nicht heraus. Zum Glück handelte es sich um einen inneren Monolog, den ich auch jetzt dem Publikum ersparen möchte.

Aber nehmen wir doch mal dieses Haus. Nicht, dass ich herumgeschlichen wäre, um nun besonders schlimme Beispiele präsentieren zu können. Nein, beide Bilder habe ich aus dem (übrigens sehr netten) Café heraus gemacht, in dem ich mich eine Weile vom Schimpfen ausgeruht habe:
Ein Doppelhaus offenbar, früher waren beide Hälften identisch, jetzt haben die beiden Besitzer nach jeweils eigenem Gusto herumgewerkelt. Da stimmt nichts: Der eine hat im Obergeschoss die beiden kleinen Fenster durch ein größeres ersetzen lassen, der andere das kleine Fenster im Flur durch Glasbausteine ersetzt. Haustüren und Vordächer im „modernen“ Stil, links Fenster mit unechten Sprossen, überall hässliche Kunststoff-Rollläden. Die kleinen Vorgärten mussten einem Autoabstellplatz weichen, neue Eingangstreppen, …..

Erliege ich der allgegenwärtigen Nostalgie? Oder waren die Häuser nicht früher wirklich schöner, als die Handwerker, die sie erbaut haben, die Häuser halt nach bestimmten tradierten Vorstellungen gebaut haben, die dann stimmig aussahen – vielleicht gerade deswegen, weil man nicht auf die Idee kam, den Häusern den individuellen Geschmack aufzuprägen.

Noch ein Beispiel, wieder direkt gegenüber dem Café:

Wieder Glasbausteine statt Fenster, wieder fürchterliche Haustüren, links ist direkt die gesamte Fassade umgestaltet worden, rechts kann man noch die originale Anordnung der Fenster sehen, der gemauerte Bogen über der Haustür ist durch das Vordach zerstört worden, der Sockel mit unpassenden aufgepappten Ziegeln verunstaltet. Auch die die Vorgärten durch Kübel aus dem Baumarkt ersetzt. Es ist einigermaßen schwierig, sich vorzustellen, wie die Fassade ursprünglich ausgesehen hat: Geteilte Holzfenster mit grünen Fensterläden, dazu eine schlichte Holztür und eine aus Ziegeln gemauerte Eingangstreppe.

……

Die Lesung hat mich dann wieder mit der Welt versöhnt. Sehr gut besucht (80 – 100 Leute), der Autor und ein Profi, ein Schauspieler, haben sich abgelöst. Sie hatten den gesamten Ablauf minutiös geplant und intensiv geprobt, da wurden die Stapel auf dem Büchertisch schnell kleiner ….

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6 Gedanken zu „Alles so hübsch hässlich hier

  1. juergen61

    So sieht es auch in meinem ehemaligen Schulort im Münsterland aus…Nicht wirklich schön, aber für Fotografen durchaus interessant…Ästethik des Schreckens sozusagen…aber toll gegen die Langweile einer gepflegten Villensiedlung in Hamburg Blankenese….LG Jürgen

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