Maiglöckchen-Ernte


Zugegeben: Ich komme ein wenig spät mit dem Thema, die Maiglöckchen sind längst verblüht. Aber im Frühjahr, da bedeckt ein ganzer Maiglöckchen-Teppich den Boden des Dickbusches.

Der Dickbusch ist ein Naturschutzgebiet am Rande von Kerpen, in den 90er Jahren zum Flora-Fauna-Habitat ernannt worden. Ein Stieleichen-Hainbuchen Mischwald, in dem der Mittelspecht lebt und der Wespenbussard. Das jedenfalls wird als Begründung angegeben, weshalb dieser Wald FFH-Gebiet-würdig ist, obwohl mir das nicht so recht einleuchtet, denn beide Vogelarten sind zwar geschützt, aber nicht in ihrem Bestand gefährdet. Es wurden Schilder aufgestellt, Wanderwegen ausgewiesen, heute ist das alles ziemlich verwahrlost und der ausgeschilderte Wanderweg, den ich heute gehen wollte, zugewachsen:

Ein schöner Wald, kein Zweifel, in dem ich noch nie einen Spaziergänger getroffen habe. Was daran liegen wird, dass die nur 290 Hektar (damit ist der Wald immerhin ein gutes Stück größer als der sogenannte Hambacher Forst mit seinen 250 Hektar, um die so erbittert gekämpft wird …) auf der einen Seite durch die Autobahn A4 begrenzt wird, auf der anderen Seite durch ein größeres Gewerbegebiet mit einer großen Müllentsorgungsanlage, dann, mitten drin, eine ehemalige Bundeswehrkaserne mit hohem Zaun drumherum, in der heute Flüchtlinge untergebracht sind, und dann steht man schon bald an der Autobahnzufahrt oder vor dem OBI-Markt. Keine Spaziergänger, hat was für sich, und die Natur wird sich freuen.

Aber eigentlich wollte ich ja über die Maiglöckchen-Ernte berichten. Heute rupft wahrscheinlich kaum jemand die Maiglöckchen ab. Aber das war in diesen Wäldern früher anders. Im Hambacher Forst (dem richtigen, der nicht mehr existiert; der Dickbusch war bis vor 200 Jahren Teil des Hambacher Forstes) lag der Ort Etzweiler. Dort sind jedes Frühjahr Kinder, Frauen und Alte ausgeschwärmt und haben den Wald nach Maiglöckchen durchkämmt. Die Ernte wurde in Säcke gestopft, auf bereitstehende LKWs verladen und nach Köln zu einem Pharmaunternehmen gebracht (oder zu 4711?). Die Dorfbewohner bekamen für ihre Sammelarbeit etwas Lohn, nicht viel, aber offenbar so viel, dass an Arbeitswilligen kein Mangel war.

Anfang der 60er war dann plötzlich Schluss mit dem Maiglöckchen-Job. Die Firma brauchte keine Maiglöckchen mehr. Man hat statt tonnenweise echte Maiglöckchen zu verarbeiten einfach ein paar Flaschen Hydroxycitronellal reingekippt, künstlichen Maiglöckchen-Duft.

Mir gibt das zu denken. Heutzutage ist es ja „in“, in der Werbung herauszustellen, dass nur „natürliche Substanzen“ verwendet werden, „reine Konzentrate aus der Natur“, wie es in einer Parfüm-Werbung heißt. Aber denkt irgendjemand darüber nach, wo diese Naturstoffe herkommen? Ist es nicht ökologischer, ein paar Tropfen Hydroxycitronellal zu verwenden als scharenweise Leute in den Wald zu zu schicken, um die Maiglöckchen abzurupfen?

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9 Gedanken zu „Maiglöckchen-Ernte

  1. puzzleblume

    Auch wenn ich die Wurzeln mit dem Sauzahn in grossen Placken herausreisse, um anderen Pflanzen eine Chance zu geben, die unter den ungünstigen Bodenbedingungen schöner aussähen: ich kann und kann sie nicht loswerden. Kann mir gar nicht vorstellen, dass die das Rupfen für die Parfümherstellung nicht überstehen könnten.

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    1. emhaeu Autor

      Doch, klar, die Maiglöckchenpflanzen haben das prima überstanden, deswegen konnte man ja jahrelang so viele ernten. Im alten Garten waren im kleinen Vorgarten so viel Maiglöckchen, die ließen sich einfach nicht im Zaum halten und sprießten aus den Ritzen zwischen den Betonplatten ….
      Mir geht es nicht darum, dass die Maiglöckchen-Pflanzen durch die jährliche Ernte geschädigt würden, sondern um den ganzen Aufwand, zugespitzt: Ein bisschen Chemie und man kann den Wald in Ruhe lassen.

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  2. Pit

    Interessante Geschichte, lieber Martin. Erinnert mich daran, dass in der Koeln-Bonner gegend auch heute noch, glaube ich, Eltern mit ihren Kindern im Herbst ausschwaermen und Eicheln aufsammeln, um sie dann zu Haribo zu bringen.

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      1. Pit

        Machen die nicht Lakritze daraus? Apopos Haribo und deren Slogan, „Haribo mach Kinder froh, und Erwachsene ebenso!“ – Wollte ich immer mal – fuer Mary – ins Englische uebersetzen, und dann fand ich Haribo-Werbung hier im Fernsehen! Und da heisst es, „Kids and grown-ups love it so, the happy world of Haribo!“
        Die Gummibaerchen bekomme ich hier uebrigens, nicht aber das von mir so geliebte Colorado.

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