Schmeils Tabellen zum Bestimmen von Pflanzen

Wie mag die Pflanze heißen? Früher benutzte man ein Büchlein, das inzwischen in der 124. Auflage erschienen ist: Die Tabellen zum Bestimmen von Pflanzen von Otto Schmeil.

Stand auch mal in meinem Bücherschrank, Abteilung Schulbücher. Denn kaum war ich stolzer Sextaner auf dem Gymnasium, meinte der Biologielehrer, alle müssten dieses Buch kaufen. Meine Mutter schimpfte, denn Schmeils Tabellen hatten nicht auf der sowieso langen Liste der Bücher gestanden, die jeder Sextaner zum Beginn seiner Laufbahn als Gymnasiast anzuschaffen hatte, bezahlt selbstverständlich von den Eltern, so etwas wie Lehrmittelfreiheit gab es noch nicht.

Meine Mutter sollte Recht behalten, das Büchlein lag herum. Der Biologielehrer, ein kleiner dicker Mann, den die ganze Schule „Bienchen“ nannte, glaubte offenbar, solch ein Buch gehöre einfach in jeden gebildeten Haushalt, aber im Unterricht benutzten wir das Biologiebuch. Bald fiel Biologie wegen Lehrermangel aus, in der Mittelstufe ging es nur um Tiere, endlich kam in der 10. Klasse der Mensch dran. In der Oberstufe habe ich Biologie abgewählt. Kurzum: Das Büchlein lag herum, sehr guter Erhaltungszustand, weil unbenutzt.

Irgendwann habe ich mal versucht, anhand der Tabellen eine Pflanze zu bestimmen, habe aber bald aufgegeben, da man ohne solide Kenntnisse nicht weiterkommt: Ist das Köpfchen „knäuelig“ oder „trugdoldig gehäuft“? Ja wer das wüsste ….

Heute braucht man keinerlei Kenntnisse, um stolz verkünden zu können, bei der Pflanze auf dem Bild oben handele es sich um Helleborus viridis, den grünen Nieswurz, eine sehr giftige Pflanze, ein seltsames Gewächs, das im zeitigen Frühjahr blüht und das offenbar giftig ist, denn selbst die Ziegen lassen es links liegen. Man braucht keine Kenntnisse, sondern nur eine App namens“Pl@ntNet“ – Pflanze mit dem Smartphone fotografieren, hochladen, schon kennt man den Namen. Für den, der mehr wissen will, stellt die App einen Link zu Wikipedia zur Verfügung.

Bei meinen Versuchen hat das fast immer geklappt, scheint mir. Scheint mir, denn streng genommen weiß ich ja gar nicht, ob das stimmt, was die App da ausspuckt, manchmal sind die Unterschiede zwischen den Pflanzen ja so gering, dass ein Foto zur Bestimmung nicht reicht.

Was wohl „Bienchen“ dazu gesagt hätte? Macht eine solche App nicht jede Menge Mühe und Spezialkenntnisse überflüssig? Der Niedergang der Pflanzenkunde? So wie ein Taschenrechner nicht nur den Rechenschieber (jüngere wissen gar nicht mehr, was das ist, aber auch die Anschaffung eines Rechenschiebers stand auf der Liste der für das Gymnasium anzuschaffenden Gegenstände), sondern auch Logarithmentafeln einfach überflüssig gemacht hat ….?

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10 Gedanken zu „Schmeils Tabellen zum Bestimmen von Pflanzen

  1. derdilettant

    Wer viel Mühe in den Erwerb von Spezialkenntnissen gesteckt hat, wird wahrscheinlich frustriert sein ob der Leichtigkeit, mit der nachfolgende Generationen an Wissen teilhaben können. Ich seh‘s als ein Stück Demokratisierung, als Abbau elitärer Dünkelhaftigkeit, die Lehrer wie der von dir geschilderte oft genug praktizierten. Und immerhin: einen, oder besser gesagt viele, gibt‘s ja noch, die die App erstmal mit Wissen befüllten müssen…

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    1. emhaeu Autor

      In letzterem sehe ich ein Problem, denn die App funktioniert als Community-Projekt, ….., wenn nun viele behaupten, auf dem Photo sei das Blümelein xy, dann wird daraus gesichertes Wissen. Aber im Grunde ist das ja oft so …..

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  2. Ulli

    Meine Nachbarin hat auch diese App und wir haben damit schon das eine und andere Pflänzchen per Namen/Art und Gattung gefunden, ich finde sie grandios, es spart das Herumschleppen von Bestimmungsbüchern, allerdings überprüfe ich die Infos gerne dann noch einmal Zuhause, dann per Buch und entdeckte noch nie einen Fehler.
    liebe Grüsse
    Ulli

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    1. emhaeu Autor

      Ich habe schon mal einen Fehler entdeckt, per Zufall, wahrscheinlich war die Lilienblüte auf meinem Bild in der Abendsonne etwas zu rot geraten – und schon spuckte er einen falschen Namen aus. Kurz drauf habe ich die Lilie per Zufall im Netz gesehen, mit einem anderen Namen …
      Einen schönen Gruß!
      Martin

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  3. Pit

    Ich wusste gar nicht,. dass es so eine App gibt. Aber wei man so sagt, „Es gibt nichts, was es nicht gibt.“ Das gilt heutzutage wohl ganz besonders.
    Hab‘ ein feines Wochenende, lieber Martin,
    Pit

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