Manfred von Richthofen – Der rote Kampfflieger

In den 60er Jahren war in dem Segelclub, in dem ich damals war, ein mittelalter Herr, der oft mit seiner viel jüngeren Freundin und seinem Sohn im offenen Ford Mustang zum Segeln kam. Er hatte einen Korsar, eine recht sportliche Jolle, Segelnummer G 801 (welchen Mist man doch im Gedächtnis gespeichert hat …), ein älteres, aber ausgesprochen hochwertig gearbeitet Boot. Im Segelclub gab es damals eine Reihe Korsarsegler, auch ich gehörte dazu, aber niemand hatte so ein edles Boot. Der Richthofen, so nannten ihn alle, konnte gut segeln, aber er hatte sozusagen einen anderen Stil. Während wir anderen Korsare immer für Regatten trainierten, bei Wind, Flaute oder Regen, kam Richthofen nur bei gutem Wetter und ordentlichem Wind und rauschte mit seinem Sohn immer auf und ab. Dergleichen macht Eindruck, aber wir „richtigen Segler“ rümpften die Nase. Ansonsten mischte sich der Richthofen – meine Mutter belehrte mich alsbald, dass es sich um einen Freiherrn von Richthofen handele und dass mein Vater bei einem Freiherrn von Richthofen als landwirtschaftlicher Lehrling gearbeitet hatte, was mich damals aber viel weniger interessiert hat als das Ford Mustang Cabrio – mischte er sich nicht viel unteres Seglervolk.

Später, als ich in den 90er Jahren öfters in Polen war, traf ich dort bei einer gemeinsamen Bekannten zwei Frauen aus der Familie Richthofen, die sowohl den Korsar-Segler als auch den Sohn kannten und mir erzählten, dass einer aus der Familie, der Präsident des deutschen Sportbundes – vergeblich, wie sich später herausstellte – versuchte, eines der Güter der Familie in der Gegend zurück zu kaufen, was unter meinen polnischen Bekannten lange Gesprächsthema war.

Als ich jetzt eine Reiselektüre suchte, lief mir die Autobiografie von Manfred von Richthofen als kostenloses E-Book über den Weg. Vielleicht, dachte ich, erzählt er da von Kindheit und Jugend, vielleicht sogar von dem Gut, auf dem mein Vater Lehrling war.

War aber nichts. Diese Autobiografie fängt eigentlich erst mit dem ersten Kriegseinsatz an und bleibt dann beim Thema. Wie er seine Kriegserlebnisse beschreibt, ist harte Kost, im Grunde kaum erträglich. Nicht etwa, weil er die Grausamkeit des Krieges zu detailliert beschreibt, sondern weil die Grausamkeit gar nicht vorkommt. Alles nur so eine Art Sport, das Fliegen und Abschießen der Gegner, … heute könnte man sagen, was Manfred von Richthofen da schreibt, das klingt wie das, was ein heutiger Teenager über seine Erfolge als Kampfflieger in einem Computerspiel erzählt, Prahlerei eingeschlossen.

Richthofen war, als er diese Autobiografie schrieb, erst 24 Jahre alt. Denkt man so, wenn man als junger Mann in den Krieg zieht? Zeitgeist? 

Aber hat er wirklich so gedacht? Die Ausgabe, die ich gelesen habe, hat kein Vorwort. Das ist ein Fehler. Denn man muss wissen, dass der 24jährige, wie man sich denken kann, überhaupt keine Lust hatte, sein Leben aufzuschreiben. Er ist von „höchster Stelle“ dazu gezwungen worden und es war klar, dass sein Werk dem „patriotischen Zweck“ dienen sollte. Und weil er sich mit dem Schreiben so schwer tat, bekam er einen Ghostwriter zugeteilt, der einen Text verfasste, der dann noch einmal vom Ministerium gegengelesen worden ist.

Das Werk erschien im Druck, eine Auflage folgte der nächsten. Aber das hat er nicht mehr erlebt, der hatte er schon den „Heldentod“ gefunden, vor dem er angeblich nie Angst gehabt hatte.

Werbeanzeigen

5 Gedanken zu „Manfred von Richthofen – Der rote Kampfflieger

  1. Susanne Haun

    Das ist tatsächlich unglaubliche Verkaufszahlen! Ob es als Popagandalektüre Pflichtlektüre war?
    Mir fällt dazu nur der rote Baron ein, so wurde es uns in der Grundschule beigebracht, mit dem ganzen heroischen Geplänkel. Ich erinnere mich leider auch noch zu gut, dass die Gruppe um Stoltenberg beim Grundschulleherer nicht besonders gut ankam.
    Ich möchte nicht wissen, was wir Kriegsenkel alles noch an an befremdlichen Lehren in uns tragen. Es schaudert mich!

    Liken

    Antwort
      1. Susanne Haun

        Ja, der Lehrer war ein Geschichtenerzähler (Märchenerzähler) ich bin von 71 bis 77 auf der Grundschule gewesen, in Berlin besuchen die Kinder (immer noch) 6 Jahre die Grundschule. Aus der Zeit sind auch meine ersten eigenen Erinnerungen. Jedenfalls Erinnerungen, die mir auf keinen Fall berichtet worden sein können. Ich vermute, sowas haben wir in Sachkunde erfahren.
        Ich weiss auch, dass uns der Lehrer erzählte, dass man in den öffentlichen Toiletten seine Handtasche nicht an den Haken innen hängen sollte, weil dort Diebe über die Tür greifen und diese mitnehmen können. Ich denke jedesmal daran, wenn ich doch meine Handtasche dort aufhänge. Es sind doch die verrücktesten Dinge, an die man sich erinnert.
        Die Religionslehrerin (ev.) hat uns immer Geschichten aus der Bibel erzählt. Dieses Bibelwissen hilft mir noch heute bei Bildbeschreibungen.
        Einen schönen Tag, lasst es euch gut gehen.

        Liken

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.