Gerhard Hauptmann: Atlantis

(… weil ich hier alle Bücher vorstelle, die ich gelesen habe …)

Ein kaum bekannter Roman eines (inzwischen kaum noch bekannten?)  Autors. Konnte ich fast kostenlos herunterladen und auf den Fahrten zum Enkelkinddienst in der S-Bahn lesen.

Es handelt sich um eine Mischung aus „Lolita“ und „Der Untergang der Titanic“: Junger Arzt verliebt sich in eine blutjunge Tänzerin, reist ihr auf einem Transatlantik-Schiff nach New York hinterher, das Schiff sinkt, Arzt und Tänzerin gehören zu den ganz wenigen Überlebenden, im gleichen Rettungsboot, versteht sich.

Nobokovs Roman „Lolita“ ist bekanntlich erst 1955 erschienen, die Titanic 1912 untergegangen – da hatte Hauptmann sein Manuskript schon längst abgeschlossen.

Durchaus spannend, der Leser ahnt bald, dass weder die Seefahrt durch die stürmische See noch die Beziehung zu der jungen Tänzerin gut enden werden. Letzteres stimmt nicht so ganz, denn die Beziehung (fast) immer im Bereich von Fantasie und Spielerei bleibt, geht doch gut aus: Die beiden gehen nämlich eigene Wege.

Der junge Arzt bleibt eine Weile in den USA, und dieser Aufenthalt, der etwas das letzte Drittel des Romans ausmacht, gibt Hauptmann die Gelegenheit, seine Meinung über die USA zu verkünden. Da tauchen dann so ungefähr alle Klischees auf, die man sich denken kann: Von den kulturlosen Amerikanern mit ihrer Oberflächlichkeit, von der Hektik des modernen amerikanischen Lebens, dem allgegenwärtigen Lärm und natürlich der alles beherrschenden Geldgier. Glaubt man Hauptmann, dann gab es all das um 1910  in Europa nicht, weshalb der Held dann auch glücklich ist, wieder nach Europa zurück gehen zu können.

Diese strikte Ablehnung der modernes Welt, die in der politischen Romantik wurzelt, ist in ihrer Überheblichkeit, man könnte auch sagen: reaktionären Borniertheit dann doch schwer zu ertragen. 

Warum der Roman „Atlantis“ heißt, habe ich nicht verstanden.

5 Gedanken zu „Gerhard Hauptmann: Atlantis

  1. emhaeu Autor

    Der Roman spielt zwar in der Ersten Klasse, aber die Lage und die Hoffnungen der Auswanderer, die da im Bauch des Schiffes untergebracht sind (und alle elend ersaufen), kommen auch immer wieder vor, hängt auch damit zusammen, dass der Held in seiner Eigenschaft als Arzt dem Schiffsarzt hilft, der sich auch um die armen Auswanderer in den Massenquartieren kümmert. Habe ich nicht erwähnt, aber da kommt ein guter Schuss Naturalismus herein. Der „ungleiche Liebestaumel“, wie Du ihn so schön nennst, ist wohl ein Dauerthema, fällt mir direkt der alte Goethe ein; den Professor Unrat hatte ich gerade nicht „auf dem Schirm“ – dass das Thema Atlantis damals aktuell war, scheint mir einleuchtend, auch das hatte ich nicht auf dem sogenannten Schirm. Ist offenkundig vielschichtiger, dieser Roman, als mir das beim Lesen in der S-Bahn aufgefallen ist.

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  2. Susanne Haun

    Klar kenne ich Gerhard Hauptmann als Literat.
    Danke für diesen rasanten Überblick, Martin. Es enthebt mich der Verantwortung, dieses Buch zu lesen 😉
    War Hauptmann jemals in Amerika?
    Ich mag den Ausdruck Politische Romantik, es scheint, als ob beide Wörter eigentlich gar nicht harmonieren könnten….
    Viele Grüße aus dem blauhimmeligen Berlin, Susanne

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    1. emhaeu Autor

      Liebe Susanne, den Ausdruck politische Romantik habe ich nicht erfunden, 2014 gab es eine hochkarätige Konferenz mit Sloterdijk etc., die sich mit der Verführung und den Gefahren der politischen Romantik auseinandergesetzt hat – Hitler stand diesem Denken auch nahe.
      Ob Hauptmann jemals in Amerika war, habe ich nicht rausfinden können. Die Schilderungen, wie es auf dem Schiff in der Ersten Klasse zugegangen ist, lassen mich vermuten, dass er tatsächlich eine Atlantik-Überquerung gemacht hat. Aber Karl May hat ja auch alle mögliche wunderschön beschrieben …
      Einen schönen Gruß aus dem Dauerregen! Martin

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  3. puzzleblume

    Die Verherrlichung der Jugend und Romane über ungleiche Liebestaumel eigentlich gesetzter Männer waren zu derselben Zeit offenbar auch gerade en vogue, Heinrich Manns Professor Unrat erschien 1905.
    Wenn das Buch um 1910 geschrieben wurde, war dies noch mitten in der zweiten Auswanderungswelle, als so manchem armen Menschen Europas dieses Amerika als sagenhaftes Land jenseits des Atlantiks traumhaft glänzte, insofern kann ich mir schon vorstellen, dass eine Kritik an der Atlantis-Sehnsucht, die anscheinend in den damaligen Jahrzehnten Mode war, zum Titel beigetragen haben könnte. Die Hoffnungen „des kleinen Mannes“, die sich an die noch junge Passagier-Seefahrt nach Übersee für jedermann knüpfte, in Verbindung mit Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“, der Atlantis auch nicht ausgelassen hat, hatte sicherlich einiges dazu beigetragen. Auch Gerhard Hauptmann war vermutlich nicht immun gegen den „Zeitgeist“ und hat alles miteinander verknüpft.

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