Ein Gelehrter am falschen Platz

Beim Blättern in der alten Schülerzeitung ist mir noch dieses Bild aufgefallen:

Mein damaliger Deutsch-, Philosophie-, Religion- und Klassenlehrer. In bester karnevalistischer Laune. Ich habe ihn gehasst, diesen Lehrer; das soll man zwar nicht, einen Menschen hassen, aber es war einfach so. Mit der Arroganz der Jugend hielt ich ihn für einen alten, verknöcherten und dummen Mann. Alt, weil einem mit 17 ein 46-jähriger uralt erscheint. Blöd, weil er von der Literatur und der Philosophie, mit der ich als damaliger Vielleser mich beschäftigte, offenkundig keine Ahnung hatte.

Aber da habe ich ihm unrecht getan. Blöd war der nicht, im Gegenteil, der Herr Oberstudienrat H. war ein Gelehrter. Die Liste seiner Veröffentlichungen, verrät Google, ist lang und gerade zu der Zeit, wo er uns Oberstufler zu unterrichten hatte, muss er an seiner zweiten Doktorarbeit geschrieben haben. Eine erste im Fach Theologie ist schon früher erschienen, dann kam noch ein Doktor in Philosophie dazu, später alle möglichen Veröffentlichungen meist im theologischen Bereich. Allerdings sämtliche zu Themen, die einen Gymnasiasten der Jahre 1967 – 1970 nicht die Bohne interessieren: Thomas von Aquin, Roger Bacon …

Neugierig geworden, habe mir den Spaß gemacht, eines seiner Bücher zu bestellen (0,80 € plus Porto). Vielleicht, dachte ich, werde ich überrascht sein, was mein alter Klassenlehrer für interessante Dinge zu Papier gebracht hat. Puh, das war mühsam und ich habe das Buch auch bei Weitem nicht vollständig gelesen. Sehr gelehrt, ohne Zweifel, wissenschaftlich absolut sauber gearbeitet. Es untersucht die Begriffe „Segen“ und Segnen“, und zwar quer durch die gesamte Bibel. Da wird kein Vorkommen dieser Wörter ausgelassen. Viel, viel Fleiß muss er investiert haben. Das kann ich, weil ich ja mal eine ähnlich gelagerte Arbeit geschrieben habe, ganz gut beurteilen. Und an den Formulierungen dürfte er lange gefeilt haben.

Aber das Buch spiegelt auch das Problem des Gelehrten, der immer lieber studiert und geforscht hätte, als mit Jugendlichen zu arbeiten. Ich will mir mal verkneifen, ein paar Sätze aus dem Buch zu zitieren, um den längst verstorbenen Herrn nachträglich in die Pfanne zu hauen. Doch es wird schnell klar, dass der Autor nicht fähig oder nicht willens war, all sein Wissen für den Leser irgendwie spannend zu machen, didaktisch aufzubereiten. Wie hätte er mit uns Schülern der „wilden“ Jahrgänge 1967 – 1970 klar kommen sollen?

10 Gedanken zu „Ein Gelehrter am falschen Platz

  1. Susanne Haun

    Was du beschreibst, lieber Martin, kenne ich auch aus dem Bereich der Kunst. Einige Künstlehrerinnen und Kunstler wollten eigentlich „große“ Künstler werden, haben aber lieber den „finanziell sichern“ Weg des Lehramts gewählt. Ihren „selbstgewählten“ Frust müssen dann die Schülerinnen und Schüler ausbaden. 😉 Das ist natürlich nicht bei allen so, es gibt auch viele, die gerne unterrichten.
    Einen schönen Tag von Susanne

    Liken

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Liebe Susanne! Das ist leider so, auch bei Musikern, die dann Musiklehrer werden. Ich bin ja auch nur Lehrer geworden, weil ich das Hungerleiderdasein an der Uni (sich von Hilfsjob zu Aushilfsstelle angeln, bin man 40 ist) gescheut habe. Habe aber dann gerne unterrichtet und mit Schülern gearbeitet, wenn nicht das ganze Drumherum gewesen wäre … LG Martin

      Liken

      Antwort
      1. Susanne Haun

        Ja, Martin, mit den Hilfsjobs habe ich gerade Vorgestern mit Michas Tochter drüber gesprochen, sie studiert Mathematik und will keinen Doktor mehr machen, weil sie keine Lust hat sich von zeitlich begrenzten Jobs zu ernähren. Irgendwann möchte man fertig werden.
        Ich unterrichte auch sehr gerne, es kostet halt viel Zeit, die dann nicht für die eigene Kunst vorhanden ist. Trotzdem bin ich nicht frustriert. Ich lerne so viele nette Menschen durch den Unterricht kennen. Das gefällt mir.
        Aber eigentlich will ich doch nur zeichnen.
        LG Susanen

        Gefällt 1 Person

  2. puzzleblume

    Der langweiligste und unverhohlen am Unterrichten desinteressierteste aller Studienräte meiner Schulzeit hat seine Energie auch lieber zum Verfassen von Büchern, auch Schulbüchern, verwendet, wie sich später herausstellte.

    Liken

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Das ist das Seltsame, dass (aus Schülersicht) besonders langweilige Lehrer manchmal als große Didaktiker gelten, Leute sind, die selber Lehrer ausbilden oder (wie übrigens auch der erwähnte Deutschlehrer) Lehrbücher für den Unterricht verfassen. Das liegt auch an der Auswahl: Es wird ja nie überprüft, ob Lehrer X seine Schüler langweilt oder nicht, es wird auch nie überprüft, ob er seinen Schülern tatsächlich etwas vermittelt, und wenn es Spaß am Unterricht ist. Die dienstliche Beurteilung von Lehrern und damit die Aufstiegschancen (auch zur Lehrerfortbildung oder in die Schulverwaltung) hängen in erster Linie davon ab, ob man sich bei den 2 – 3 Vorführstunden, auf denen die Beurteilung fußt, an die Konzepte hält, die die Didaktik, die gerade en Vogue ist, vorschreibt. Und ob man sich sonst nützlich macht in der Schule, indem man freiwillig irgendwelche Zusatztätigkeiten übernimmt.

      Gefällt 1 Person

      Antwort
    1. emhaeu Autor

      Sein eigenes Ding machen, ist ja prinzipiell nicht falsch, aber das eigene Ding sollte sich schon auch an den Kunden orientieren, um die es schließlich geht, die Schüler….
      Schönen Abend! Martin

      Liken

      Antwort
  3. Pit

    Ich denke immer mal wieder an meine Schulzeit zurueck, lieber Martin, und auch daran, wie wir mit unseren Lehrern umgesprungen sind und sie mit uns.
    Zwei Beispiele dazu:
    In der Oberstufe kam einmal im Deutschunterricht die Sprache auf Heinrich Boell, und einer meiner Mitschueler erwaehnte die „Ansichten eines Clowns“. Darauf unser Deutschlehrer zu ihm, „Da brauche ich ja nur sie anzusehen. Dann habe ich ‚Ansichten eines Clowns'“.
    Und einer meiner Mitschueler meinte, als wir 18 geworden waren und daher Anspruch darauf hatten, gesiezt zu werden, zu unserem Mathe-Lehrer, den wir „Popo“ nannten [seinen richtigen Namen habe ich vergessen], „Popo, ab heute musst Du ‚Sie‘ zu uns sagen.“

    Liken

    Antwort
      1. Pit

        Ob der Deutschlehrer das mit dem Clown witzig gemeint hat, da bin ich mir gar nicht so sicher. Es kam jedenfalls definitv nicht so bei uns an. Und was „Popo“ angeht: wir haben die Freundlichkeit dieses Mannes und seine Hilflosigkeit Schuelern gegenueber gnadenlos ausgenutzt. Heute tut es mir leid, wie wir ihn behamdelt haben.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.