Herbert Rosendorfer: Briefe in die chinesische Vergangenheit

(…. weil ich hier alle Bücher vorstelle, die ich gelesen habe ….)

Ein amüsantes Buch, mal wieder aus dem öffentlichen Bücherschrank gefischt, ein seit seinem ersten Erscheinen 1983 immer wieder aufgelegter Bestseller. Der Autor, Herbert Rosendorfer (1934 – 2012), hat, so weiß Wikipedia zu berichten, jede Menge oft sehr erfolgreiche Bücher geschrieben, insgesamt 101, wenn ich mich nicht verzählt habe. In Bayern hatte ein Richter am Amtsgericht zu seinen Lebzeiten offenbar nicht viel zu tun, denn gut die Hälfte seines Werkes hat er in neben seiner Tätigkeit als Richter verfasst.

Ein amüsantes Buch, basierend auf einem Grundgedanken, der zugegebenermaßen nicht ganz neu, aber halt amüsant ist: Ein Chinese überspringt 1000 Jahre und landet, da die Technik, die seiner Zeitreise zugrunde liegt, nicht ganz funktioniert hat, nicht in Peking, sondern im München des Jahres 1983. Über seine Erlebnisse und Beobachtungen schreibt er Briefe an seine Zeitgenossen: „Briefe in die chinesische Vergangenheit“.

Sein Verwundern über die ihm sehr seltsam erscheinenden Sitten und Gebräuche der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts gibt dem Autor Gelegenheit, allerlei Zeitkritik einfließen zu lassen, vom damals aktuellen Waldsterben über Schulreformen bis zum Individualverkehr, vom Theater bis zur Musik – Rosendorfer lässt kaum etwas aus, was damals den Zeitgeist so bewegt hat. Das ist, ich sagte es schon, immer wieder amüsant und ich habe die 350 Seiten mit einigem Vergnügen gelesen.

Amüsant, aber: Rosendorfer entpuppt sich als scharfer Kritiker nicht nur bestimmter gesellschaftlicher Entwicklungen (Schulwesen, Rechtsprechung), sondern als Kritiker des Fortschritts überhaupt, vor allem des technischen Fortschrittes. Im Grunde lehnt er die gesamte Moderne ab, sieht in der Entwicklung der Menschheit in den letzten 1000 Jahren einen Abstieg vom Goldenen Zeitalter in eine dunkle Gegenwart, die – am Ende kommt es kurz vor – sich noch weiter verdunkeln wird. Kann man so sehen, Geschichtspessimismus ist in der Geschichtsphilosophie (vor allem in Deutschland, wo die Romantik offenbar genetisch verankert ist) ein immer wieder gern getragener alter Hut. Fragt sich nur, ob der schriftstellernde Amtsrichter die Sache auch so sähe, wenn er zur Goethezeit als Schweinehirt tätig gewesen wäre oder eine der Frauen gewesen wäre, die tagein-tagaus kämpfen mussten, um ihre 8 Kinder durchzubringen und jede freie Minute nicht sich dem Schreiben von amüsanten fortschrittskritischen Büchern zuwenden konnten, sondern am Webstuhl sassen, bis ihnen die Augen zufielen …

4 Gedanken zu „Herbert Rosendorfer: Briefe in die chinesische Vergangenheit

  1. Ulli

    Was also ist ein dunkles Zeitalter und was ein helles? Gab es schon helle Zeitalter, wirklich helle?
    Ich meine dies nciht rein rhetorisch, ich frage mich das wirklich und kommt es nicht auch in diesem Zusammenhang darauf an wo ich geboren werde? Macht es einen Unterschied, ob ich vor 80 Jahren in den Steppen der Mongolei geboren wurde oder vor 64 Jahren in Düsseldorf, na klar, ist da ein Unterschied, aber, was sagen die MongolInnen?
    Wahrheit ist so relativ.
    Liebe Grüße
    Ulli

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    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Liebe Ulli!
      Da habe ich bei meiner schnell hingeschriebenen Bemerkung gar nicht dran gedacht: Die (uralte) Sache mit dem „Goldenen Zeitalter“ und den 3 schlechteren Zeitaltern stammt ja noch aus einer Zeit, als die bekannte Welt bei Gibraltar zu Ende war. Klappt, sieht man es global, vorne und hinten nicht. Außerdem müsste man, um etwas tiefer zu kommen, sicherlich zwischen dem Fortschreiten im technischen Bereich etc. und im moralisch-ethischen oder spirituellen Bereich differenzieren. Aber das sollen mal die Geschichtsphilosophen machen, ich muss dringend mein Zimmer aufräumen …
      Schönen Sonntag! Martin

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      Antwort
  2. theomix

    An dieses Buch erinnere ich mich gerne.
    Seit ich mir die Unterschiede in der medizinischen Versorgung klargemacht habe, ist das Schwärmen für vergangene Zeiten reduziert…

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