Tagebuch

Ein traditionelle Tagebuch – wie dieses sorgfältig gebundene Buch der Firma Vera Donna – hat ein Schloss. Soll ja auch nur für einen selbst oder für eine kleine, ausgewählte Leserschaft sein.

Ein Blog wie dieser ist auch so eine Art Tagebuch, aber eben nur so eine Art: Es fehlt das Schloss, mein Blog ist öffentlich, theoretisch kann die ganze Welt lesen, was ich so schreibe. Theoretisch, tatsächlich ist die Zahl der Leser, wie ich in der Statistik sehen kann, doch recht bescheiden.

Und trotzdem: Drei Erlebnisse in der letzten Zeit haben mir gezeigt, dass ich das mit dem „öffentlich“ ernster nehmen muss. Zwei davon will ich kurz schildern:

Ich bekam eine Postkarte (also so ein Ding aus Papier) von einem uralten Bekannten, der seit 1972 für mich völlig verschollen war. Er war auf meinen Blog gestoßen. Ich antwortete ihm freundlich, wir trafen uns irgendwo zum Essen, plauderten über dies und das, bis er mir recht deutlich klar machte, dass er mit einer Geschichte von mir nicht einverstanden sei. Er hatte sich eines meiner Bücher bestellt und sich in einer Geschichte wiedergefunden. Konnte ich nicht abstreiten, das Vorbild für die Figur XY war er, er war der Bösewicht. Dass ich diese uralte Sache aufgenommen hatte, hat ihn gar nicht so gestört. Gestört hat ihn mein Beiwerk, dass ich die Figur etwas umgestaltet und fortgesponnen hatte. Damit hatte ich offenbar völlig ahnungslos einen wunden Punkt getroffen…

Der zweite Fall war schon schwieriger, er bezieht sich auch nicht auf diesen Blog, sondern auf Twitter. Ich schreibe fast nie etwas auf Twitter, lese nur und kommentiere nicht, habe deswegen auch nur 3 Follower, bin also so ungefähr das kleinste Licht in der Twitter-Welt. Um so überraschter war ich, als ein Herr anrief und sich mit „Staatsschutz soundso“ meldete. Staatsschutz, gibt es das überhaupt? Die heißen doch BND oder MAD … ich wollte schon wieder auflegen. Aber der Anrufer war wirklich vom Staatsschutz, Abteilung soundso, im Display war auch die Nummer zu sehen. Ob ich der Martin Haeusler sei, der auf Twitter diesen Kommentar geschrieben hat. Er las den Kommentar vor. Klar, der war von mir, einer von den ganz wenigen Kommentaren, die ich geschrieben habe. Nichts Verfassungsfeindliches, ich bin schließlich ein ganz braver Bürger, nein, der Herr vom Staatsschutz suchte Zeugen. Konnte ich nicht mit dienen und der Fall war für ihn erledigt.

Für mich war der Fall allerdings nicht erledigt. Ich habe als erstes meinen Twitter-Account gelöscht und einen neuen unter einem Fantasienamen angelegt….

11 Gedanken zu „Tagebuch

  1. Pit

    Vielleicht sollten wir nur noch per Brieftaube kommunizieren . Aber … auch die koennen ja abgefangen werden.
    Apropos nachverfolgen: hier war vor ein paar Tagen bei der New York Times ein Artikel, dass ein Radler von Google informiert wurde, dass seine persoenlichen Datebn von der Polizei angefordert worden waren, weil man seine Bewegungen durch Spuren seine Handys nachverfolgen konnte, und er war an ein und demselben Tag mehrfach an einem Haus vorbeigefahren, in dem ein Einbruch veruebt worden war. Google musste uebrigens dies Daten herausruecken, und zwar ohne richterliche Anordnung! Er war uebrigens nur ein paar Mal um den Block gefahren, weil er fuer einen weiteren Radausflug keine Lust hatte, aber er gehoerte damit automatisch zum Kreis der Verdaechtigen.

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      1. Pit

        Meines Wissens gibt es da ein entprechendes Gesetz. Ob das aber verfassungskonform ist, das kann bezweifelt werden. Schliesslich schliesst der 4. Verfassungszusatz ja „unreasonable searches“ aus und erlaubt Durchsuchungen nur auf reichterliche Anordnung bei begruendetem Verdacht. Das wird aber immer mehr aufgeweicht und die (Rechts)gelehrten streiten sich, ob das auch fuer Handys gilt.

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