Hans Windisch: Die neue Foto-Schule

Beim Umräumen wiedergefunden: Windischs Foto-Schule. Das Buch habe ich mir nach langem Zögern, weil es mit 22 DM ordentlich teuer für einen 15jährigen Schüler war, 1966 gekauft. Und dann von vorne bis hinten durchgearbeitet. Ein Buch, das sich an den Amateur richtet (und unglaublich viel verkauft worden ist), aber nicht ohne Anspruch daher kommt. Vor allem die Kapitel über Optik und die Chemie des Entwickelns und Vergrößerns von Filmen konnte man nicht mal so nebenbei lesen. Wahrscheinlich habe ich fast alles, was ich über die traditionelle Fotografie weiß, aus diesem Buch gelernt.

Beim Rumblättern heute sind mir zwei Aspekte aufgefallen:

Erstens die Ästhetik der Beispiel- und/oder Musterbilder. Vieles sieht sehr nach den 30er Jahren aus, wenn nicht gleich nach Nazi-Bildersprache. Hm, das Buch ist, sagt das Impressum, 1964 erschienen. Wikipedia weiß mehr: Die „Neue Foto-Schule“ ist unter genau dem gleichen Titel zuerst 1936 im Heering-Verlag erschienen, in dem gleichen Verlag wie mein Buch. Hans Windisch, weiß Wikipedia, war nun allerdings von Hause aus weder ein Sachbuchautor, noch hatte er irgendeine Neigung zu den Nationalsozialisten. Künstler war er, vor allem als Illustrator und Grafiker tätig. Seine Werke sind eindeutig dem Expressionismus zuzurechnen. Und noch während der Nazizeit hat er ein sehr NS-kritisches Manuskript verfasst, das dann 1946 unter dem Titel „Führer und Verführte“ erschienen ist. Ein Gartenbuch hat er auch geschrieben.

Zweitens ist mir aufgefallen, dass das meiste, was in dem Buch zu lesen ist, heute kein Mensch mehr braucht. Schon die ganzen Kapitel über Filmentwicklung, über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Filme. Trotzdem wäre es, scheint mir, nicht schlecht, wenn der eine oder andere mal einen Blick in solch ein Buch werfen würde. Begriffe wie Tiefenschärfe scheinen irgendwie in der Versenkung verschwunden zu sein, die Zusammenhänge zwischen Blendenöffnung, Brennweite des Objektivs und Tiefenschärfe sowieso. Statt dessen liest man auch in Artikeln von Fachjournalisten heute von allerlei seltsame Sachen wie Freistellung. Extrem wird das bei Handy-Kameras. Da eventuell ein neues iPhone her muss (das iPhone 6 ist ja schon urururalt), habe ich mich mit den Kameras dieser Smartphones beschäftigt. Scharfe Bilder, superscharfe Bilder, tolle Farben, noch tollere Farben, viele, viele Megapixel. Und ab einer gewissen Preisklasse noch eine Tele-Linse. Will man rauskriegen, welche Brennweite denn diese „Tele-Linse“ hat, muss man schon tief in die technischen Daten steigen. Die kleinste mögliche Blendenöffnung erfährt man gar nicht, so etwas wie Blendenvorwahl bei der Belichtungsautomatik scheint es gar nicht mehr zu geben. Kann alles die neue, neueste, allerneueste weiterentwickelste Software, ….

12 Gedanken zu „Hans Windisch: Die neue Foto-Schule

  1. juergen61

    Das Buch kannte ich auch von meinem Vaters Schrank her, ich musste mich dann in der FH mit Prof. Pan Walter herumschlagen…Aber es galt der alte Spruch aus Vorbelichtungsmesserzeiten : Wenn die Sonne lacht, Blende 8….Und die ganze analoge Filmentwicklung durfte ich auch noch lernen, mit Spezialrezepten wie 1:3 Verdünnung einen 200ASA Film auf 400ASA bekommen…da lacht man heute drüber. Heute regelt das alles die Software, und gerade bei den Smartphones ist es erstaunlich was da aus einem Minichip herausgerechnet wird. Aber eins können sie (noch) nicht : Die physikalischen Grenzen überwinden. Deswegen sehen die Fotos oft flach aus weil man (noch ) keine 3D Tiefe hineinrechnen kann (Kommt aber innerhalb der nächsten 2 Jahre) Und ein richtiges Weitwinkelbild geht auch noch nicht, Glück für mich, so kann ich meinem 11mm Superweitwinkel weiter treu bleiben 🙂 Wünsche noch einen sonnigen Sonntag , lieber Gruss, Jürgen

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  2. Susanne Haun

    Guten Morgen, Martin,
    ich mag Bilder mit Tiefenschärfe, am meisten stört mich bei digitalen iPhone Kameras, dass sie „alles Platt“, also alles gleich scharf darstellen.
    Ich habe immer noch die Faustregel meines Vaters im Kopf, die er mir mit dem Ausborgen seiner Minolta Spiegelreflex mit auf dem Weg gab: Blende 8, 100 Iso und möglichst nicht unter 1/60. Heute kann ich nicht mal mehr 1/60 ohne Stativ halten. Aber mit diesen Kennzahlen bin ich immer sehr gut gefahren.
    Einen schönen Tag von Susanne

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  3. juergenkuester

    Bei mir war es Andreas Feininger mit seiner Großen Fotolehre, das Buch gibt es immer noch, das prägenden Einfluss hatte. Und dem, was Du zur Tiefenschärfe schreibst, kann ich nur zustimmen.
    Liebe Grüße

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    1. emhaeu Autor

      Richtig, der Feininger, das Buch hatte ein Freund von mir. Bald habe ich voller Erstaunen mitgekriegt, dass der Vater des Feininger der bekannte Künstler war, dessen Werke ich damals sehr geschätzt habe … einen schönen Gruß aus dem Garten!

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  4. Henning zu Henningsheim

    Ja, vielerlei spielt sich heute ausschließlich auf der sogenannte Benutzeroberfläche ab. Hintergrundwissen hat nur der Spezialist. Die vielgepriesene Digitalisierung trägt halt auch zur geistigen Degeneration bei.
    Ich erinnere mich gut, wie ich 1996 mit einem kleinen Editionsprogramm Internetseiten gebastelt habe. Damals wussten die meisten Menschen nicht mal, was eine Homepage ist. 😊

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    1. emhaeu Autor

      … und der Schulleiter der Schule, an der ich damals tätig war, hielt die Schulhomepage, die ich mit ein paar Schülern in reinem html gebastelt habe, für eine recht überflüssige Spielerei. HTML jedenfalls trägt nicht zur Degenerierung bei 😉

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      1. emhaeu Autor

        Es gab ja auch noch wichtige Browser, deren Namen heute keiner mehr kennt, ich hab sie auch schon vergessen, …. , und das HTML vergesse ich auch schon, weil ich nur noch eine einzige Homepage pflege, die nur mit HTML und CSS geschrieben ist. Als es darum ging, so eine Homepage so zu schreiben, dass sie sich automatisch an Computer, Tablet oder Smartphone anpasst, hab ich aufgegeben. Wird halt alles immer komplexer; darüber, wie die ganze feine Internetwelt funktioniert, machen sich die einen gar keine Gedanken, die anderen halten es für so eine Art Zauberei. Das Dumme ist, dass es weitgehend schon so ist: Nur ein ausgewählter Kreis von „Zauberern“
        blickt noch durch. Könnte mal problematisch werden.

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    2. emhaeu Autor

      Richtig, der Feininger, das Buch hatte ein Freund von mir. Bald habe ich voller Erstaunen mitgekriegt, dass der Vater des Feininger der bekannte Künstler war, dessen Werke ich damals sehr geschätzt habe … einen schönen Gruß aus dem Garten!

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