Mein rollender Affe (Zimmerreise I)

Der rollende Affe, das geliebte Kuscheltier meiner Kindheit, hat mich über die Jahrzehnte begleitet. Könnte ich schreiben, würde jeder glauben, wäre aber gelogen.

Ist ja auch kein kuscheltaugliches Tier, der rollende Affe. Wahrscheinlich hatte ich als werdender Mann gar keine Kuscheltiere. Keine Ahnung. Kein Bild aus meiner Kindheit zeigt ein Kuscheltier oder gar diesen rollenden Affen, der auf so einer Art Draisine fährt. Ein wenig lustlos, die Gelenke könnten wohl mal was Fett vertragen.

Tatsächlich kann ich mich an den Affen gar nicht erinnern. Er hat mich auch nicht jahrzehntelang begleitet. Aber meine Mutter hat gesagt, damit hätte ich als Kind gespielt.

„Made in US-Zone Germany“ steht drauf. Also: So alt bin ich nun auch wieder nicht. Entweder war der rollende Affe ein Ladenhüter, bis er zum Geschenk für mich ausersehen wurde, oder er ist mir von einem meiner zahlreichen älteren Cousinen und Vettern vererbt worden. Von wem? Eine umfangreiche Forschungsaufgabe, denn da kämen 15 direkte Cousinen und Vettern in Frage, dazu zwei Söhne meiner ältesten Cousine. Aber so wird es gewesen sein. Und als ich genug damit gespielt hatte, hat meine Mutter den Affen wahrscheinlich an die nachwachsenden Nichten und Neffen – da kämen wiederum einige in Frage – weiter gegeben. Und dann wieder zurück zu mir, irgendwann, irgendwie.

Sollte ich jedenfalls früher damit gespielt haben, so muss die Reise an den Stadtrand von Köln gehen, nach Fischenich, einem (damals noch) Bauerndorf am Hang, in dem ich meine erste Lebenszeit in einer arg heruntergekommenen Flüchtlingsunterkunft verbracht habe. Kann ich mich aber überhaupt nicht dran erinnern, an dieses Fischenich.

Ein paar Jahre, nachdem wir Fischenich verlassen hatten, habe ich mich mal mit meiner Mutter die ehemalige Fischenicher Nachbarin besucht, eine Bauersfrau, die – wie könnte es anders sein – Frau Schmitz hieß. Bei diesem Besuch hat mich ein Detail so fasziniert, dass ich es mir gemerkt habe: Als Frau Schmitz in der Küche den kalt gewordenen Kaffeerest in die Spüle schüttete und mit etwas Wasser nachspülte, da lief das Abwasser direkt vor der Küche in die Gosse, wie man hier sagt, also in den Rinnstein und dann quer durchs Dorf. Lag ja am Hang, da war genug Gefälle. Aber das war Jahre später, meine ersten Jahre in Fischenich liegen für mich völlig im Dunkeln.

Gerade lese ich die Memoiren eines meiner Vettern – was der alles aus seiner Zeit als Dreijähriger und Vierjähriger zu berichten weiß! Ich weiß nichts. Hatte immer schon ein schlechtes Gedächtnis.

So steht der Affe in meinem „Herrenzimmer“, wie ich mein Arbeitszimmer manchmal scherzhaft nenne. Mein „Herrenzimmer“ ist alles andere als das, was man traditionell darunter versteht. Früher war dieses Zimmer, ein kleiner Raum mit sehr schrägen Wänden unterm Dach, wahrscheinlich eine Kammer für das Dienstmädchen oder so was. Meine erste Studentenwohnung in Köln in der Holzgasse fast direkt am Rhein hatte ungefähr die gleiche Größe und die gleichen schrägen Wände. Aber dorthin, da bin ich mir sicher, ist der Affe nicht mitgereist. Also, ich meine, ein Student der Germanistik und Geschichte, der in seiner Wohnung Freunden und Freundinnen seine Kuscheltiere präsentiert – so etwas gibt es vielleicht heute, aber damals…

Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht, weshalb ich diesen komischen Affen noch habe. Ich hatte ja immer gedacht, es handele sich um ein Steiff-Tier. Meiner hat aber keinen Knopf im Ohr und gleicht doch haargenau dem Affen mit dem fürchterlichen Namen „Record-Peter“, den Steiff ab 1939 hergestellt hat und der es sogar mal in die Sendung „Kunst & Krempel“ gebracht hat: https://www.youtube.com/watch?v=M_TRYnf4Mj0. Könnte ich also bei Ebay gewinnbringend versteigern, mache ich aber nicht. Mein rollender Affe bleibt hier und kann sich weiterhin das das große Bild anschauen, das an der Wand hängt.

B wie Bild – schon sind wir beim Buchstaben B – aber der Text ist sowieso schon arg lang geraten.

7 Gedanken zu „Mein rollender Affe (Zimmerreise I)

  1. Susanne Haun

    Guten Morgen, Martin,
    ich habe auch keine Erinnerungen von meinem Leben als Drei- bzw Vierjährige. Die ersten (hoffentlich eigenen nicht erzählten) Erinnerungen habe ich von der Vorschulzeit. 🙂
    Dein Affe gefällt mir, den würde ich auch nicht weggeben.
    Liebe Grüße von Susanne

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    1. emhaeu Autor

      Liebe Susanne, wenn man älter wird, denke ich, verschwimmen oft alte Fotos mit dem, was andere erzählt haben, und mit dem, was so im eigenen Kopf vorgeht zu etwas, was man dann Erinnerung nennt. Aber wirkliche Erinnerung an frühe Kindheit? Vielleicht bei traumatischen Erlebnissen ….
      Schönen Abend! Martin

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      1. Susanne Haun

        Ja, das sicher, Martin, traumatische Erinnerungen prägen sich, egal welches Alter man hat, immer ein.
        Ansonsten denke ich auch, dass Erinnerung wechselfähig ist. 🙂
        Einen schönen Nachmittag von Susanne

        Gefällt 1 Person

  2. puzzleblume

    Eine Geschichte, die mit dem Rundkurs der Spielzeuge (und Kleidungsstücke) kreuz und quer durch die Verwandtschaft an eigene Erinnerungen rührt. Da konnten Kinderzimmer gar nicht erst vom Spielzeug überquellen wie in moderneren Kindheiten der letzten Jahrzehnte, wenn immer alles verschwand. Deinen Affen finde ich super, der hat Charisma. Nicht zu niedlich, nicht süss, einfach nur ein Affe mit der Mission, sich zu bewegen. Eine Wohltat.
    Herrenzimmer, Männerhöhle – irgend einen Rückzugsraum sollte jeder haben. Ich beanspruche auch einen.

    Übrigens ist deine Zimmerreise die Nr. 20, bisher. Nur der Link hat nicht funktioniert, der muss wohl von deiner Admin-Seite sein, schätze ich.
    Versuchst du es bitte noch einmal mit dem offiziellen Link an der Stelle, wo all die anderen auch stehen?
    https://puzzleblume.wordpress.com/2021/01/08/zimmerreisen-01-2021/

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