Gottfried Keller: Spiegel, das Kätzchen

(… weil ich hier alle Bücher vorstelle, die ich gelesen habe …)

Cat Content – Katzenzeugs, nennen Werbeleute verächtlich Artikel oder Anzeigen mit süßen netten Kätzchen, die nun mal bei einem offenbar großen Publikum immer wieder auf Resonanz stoßen. Und um Cat Content handelt es sich meiner Meinung nach bei dem Märchen „Spiegel, das Kätzchen“ von Gottfried Keller.

Gelesen habe ich das Märchen, weil darin ein Hexenmeister die Rolle des Bösewichtes spielt – sozusagen zur Entspannung, denn ich sitze noch immer an meinem Aufsatz über Hexenverfolgung. Der gute, schlaue Gegenspieler des bösen, dummen Hexenmeisters ist, wer hätte es gedacht, unser Kater mit dem seidenglänzenden Fell, das so glänzt, dass er „Spiegel“ genannt wird.

Interessant an dem heiter-lockeren Märchen fand ich den Anfang: Der Hexenmeister braucht zur Herstellung eines Hexenrezepts dringend Katzenschmalz, darf aber, wenn das Mittel wirksam sein soll, nur das Schmalz einer Katze nehmen, die sich freiwillig von ihm schlachten lässt. Das ist zumindest originell. Dass das schlaue Käterchen den Hexenmeister einlegt, dürfte klar sein.

So weit, so gut. Schon hätte ich die Sache ad Acta legen können, wenn ich nicht den Fehler gemacht hätte, nach der Lektüre den umfangreichen Wikipedia-Artikel zu lesen. An dem hat mich schon mal geärgert, dass der Inhalt lang&breit und mit vielen Einzelheiten nacherzählt wird, wahrscheinlich, damit lesefaule Schüler und Germanisten sich nicht durch die kurze Erzählung quälen müssen …

Und dann, Überraschung Nr. 1: Das ganze soll Gottfried Keller auf seinen damaligen Verleger gemünzt haben, der seinen jungen Autor behandelt habe wie der Hexenmeister die Katze. Dass es sich dabei um eine, vorsichtig ausgedrückt, gewagte Interpretation handelt, hätte den Interpreten schon an der Stelle auffallen müssen, wo sie schreiben, dass keinem Zeitgenossen die Anspielung auf den Verleger aufgefallen ist. Und, man überlege: Der noch völlig unbekannte Gottfried Keller, der verzweifelt nach einer Möglichkeit sucht, sich als Autor durchzuschlagen, bekommt endlich von einem renommierten Verleger einen Vertrag, der Verleger zahlt sogar (wenn auch schlecht) – und der junge Autor hat nichts besseres zu tun, als den Verleger sofort als dummen Ausbeuter zu kritisieren? Sowas, scheint mir, können sich nur beamtete Germanisten ausdenken.

Und dann, Überraschung Nr. 2, verkünden die Bearbeiter des Wiki-Eintrages, bei diesem spätromantischen Kunstmärchen handele es sich um eine vom Philosophen Ludwig Feuerbach inspirierte Satire, Kritik an Aberglauben etc. Ja hat denn nicht Gottfried Keller ein paar Jahre davor in dem Rathaussaal gesessen, in dem Ludwig Feuerbach ein paar Vorträge gehalten hat? Und sich lobend über den Philosophen geäußert! Da müsste doch was draus zu machen sein …

Schaut man nach, wen die Wikipedia als Beleg für diese Auffassung zitiert, wird schnell klar, woher der Wind weht. Der Germanist Hans Richter hat das behauptet, seines Zeichen ein strammer Anhänger des Arbeiter-und-Bauernstaates DDR. Das erkenntnisleitende Interesse des Jenaer Professors ist für jeden, der sich ein wenig in der DDR-Germanistik auskennt, völlig durchsichtig: Es galt, möglichst viele Literaten zu retten, indem man irgendwie nachwies, dass sie doch auf der richtigen Seite, auf der Seite des unaufhaltsam marschierenden Fortschritts waren. Er hatte immerhin Erfolg damit, der Prof. Hans Richter: Er durfte nämlich eine Gottfried-Keller-Ausgabe im Aufbau-Verlag herausgeben. Ein Nachruf ist dann lange nach der Wende im Immernoch-SED-Blatt „Neues Deutschland“ erschienen – aber davon verrät uns die Wikipedia nichts und ich habe die Befürchtung, dass Schüler und Germanisten die Interpretationen, die sie da finden, unkritisch für etwas halten, was zum gesicherten Bestand der Germanistik gehört.

Die heutigen Verleger jedenfalls sind sich wohl sicher, dass es sich um Cat Content handelt, zum Beleg noch zwei Cover:

3 Gedanken zu „Gottfried Keller: Spiegel, das Kätzchen

  1. puzzleblume

    Auch bei Wikipedia lohnt sich immer wieder, das „Kleingedruckte“ zu lesen. Oder die im Hintergrund abgelaufenen Katzbalgereien, die man in den Dikussionen findet.Zu anderen Themen vergleiche ich gern anderssprachige Wikipedia-Artikel, das kann auch interessant sein, funktioniert bei „Spiegel“ aber nicht. Die einzige Katze, die mich je begeistern konnte, war Garfield. Der aber hat die Lasagna genommen und Jon-Tom trotzdem mit den Krallen abgewatscht, wenn er satt war. Insofern … Wenn Menschen über Katzen schreiben, kommt sowieso alles dabei heraus, nur kein normales Tier.

    Gefällt mir

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Fällt mir ein: Ich hatte eine Schülerin, so Klasse 9 oder 10, die hat, als es in einer Projektwoche darum ging, den Klassenraum neu zu gestalten, einen riesigen, wandfüllenden Garfield auf die Wand gemalt, durchaus gut gelungen. Ich als alter Ignorant kannte denselben gar nicht, ….

      Gefällt 1 Person

      Antwort

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.