Dixieland (Zimmerreise IV)

In einer Ecke meines Arbeitszimmer, halb versteckt hinter dem Regal, stehen ein paar Schallplatten. Drei davon stehen nur da, weil sie beim letzten Garagentrödel niemand haben wollte. Eine, weil ich mich nicht davon trennen mag.

Weil es die erste Schallplatte ist, die mir etwas bedeutet hat. Dixieland-Jazz? Ja, Dixieland Jazz. In meinem Elternhaus, zu dem diese Zimmerreise führt, gab es nicht viel anderes. Einen tragbaren Plattenspieler, der, wenn ich mich recht erinnere, meiner älteren Schwester gehörte, und vielleicht 6, später 12 Langspielplatten und 4 Singles. Die Singles schieden schon mal direkt aus, Instrumentalmusik, wohl angeschafft, damit die älteren Schwestern daheim für die Tanzstunde üben konnten. „My Fair Lady“, ein wenig Klassik, alles furchtbar langweilig, wie mir damals schien. Dazu „Play-Bach“, verkitschtverjazzter Bach, der damals recht populär war. Gefiel mir schon besser. Damals. Heute frage ich mich, warum die Play-Bach-Jazzer den schönen Bach mit Schlagzeug verhunzen mussten. Den echten Bach kannte ich als 11/12jähriger zwar aus der Kirche, wusste aber nicht, dass das Bach war, was der Organist da immer wieder zum besten gab. Hat mich auch nicht interessiert.

Sonst gab es in unserem typischen 50er-Jahre-Einfamilienhaus keine Musik. Nur gackernde Hühner. Die Eltern hörten keine Musik. Nie. Es existierte ein Familienradio, das aber nur abends für „Zwischen Rhein und Weser“ und die Nachrichten angemacht wurde. Auf die Idee, es selbst anzuschalten und nach Musik zu suchen, bin ich nie gekommen.

Aufgewachsen ohne Musik … Herr Therapeut, helfen Sie mir, dieses Trauma zu überwinden! Eine unmusikalische Familie, buhu, buhu, keine Chance, meine musikalischen Talente zu entfalten, buhu, buhu … Nö, Quatsch, zwar plärrte nicht ständig das Radio, aber oben im Zimmer meiner Schwester stand ein erst schwarzes, dann weißes, dann zerhacktes Klavier – zerhackt, weil es durch ein besseres Instrument ersetzt worden ist. Meine Eltern konnten beide Klavier spielen, ich könnte allerdings schwören, dass sich meine Mutter nie ans Klavier gesetzt hat, warum auch immer. Und, last not least, meine Schwester spielte recht gut und viel und ich habe ihr oft die Noten umgeblättert.

Aber irgendwann drängt es den jungen Menschen von Muzio Clementis Klaviersonaten zu härterem Stoff. Und das einzige, was ich fand, war eben diese Jazzplatte:

Eine, wie ich inzwischen weiß, sehr seltene Platte, aufgenommen 1960; auch die alleswissenden Datenbanken von Discogs kennen sie nicht. Ist trotzdem nicht viel wert, ich würde sie auch nicht verkaufen. Ich kann sie mangels Plattenspieler auch seit Jahren nicht mehr hören, macht aber nichts, denn „Everybody loves my Baby“ und „After you’ve gone“ könnte ich locker aus dem Kopf vorsingen, inclusive einem guten Stück der Saxophon-Soli, die Billy Waters spielt.

Billy Waters – nie gehört? Macht nichts. Das ist einer der in den USA recht zahlreichen guten Musiker, die ihr Leben lang durch die Gegend getingelt sind und nie den großen Hit gelandet haben. Er ist noch mit 95 (!) öffentlich aufgetreten. Vor einiger Zeit habe ich diese Platte mal einem alten Freund vorgespielt, der seit 60 Jahren Dixiland-Fan ist. Das ist schlechter Dixiland, hat er gesagt. Das hat mich getroffen. So ein Blödsinn, meine erste Jazz-Platte soll schlecht sein. Und mal ganz ohne Sentimentalität: Das ist guter Jazz. Die Begleitband, junge deutsche Jazzer, die spielen so, wie junge deutsche Jazzer meist spielen: Ängstlich bemüht, alle Töne gut zu treffen und zu zeigen, was sie im Musikunterricht so gelernt haben. Benny Waters hingegen spielt schräg, laut, hot. Herrlich. Unendlich weit entfernt von dem, was damals die Hitparaden bestimmt hat.

2012 bin ich mal – Reise in der Reise – in New Orleans gewesen. Wie alle Touristen auch in der Preservation Hall, wo der echte Dixiland-Jazz gespielt wird. Oh je, welche Enttäuschung, uralte Männer spielen die bekannten Gassenhauer, schlafen bei ihren eigenen Soli ein, das Publikum ist trotzdem begeistert, muss schnell den kleinen Raum verlassen, denn draußen wartet schon die nächste Schicht. Nein, dann lieber schnell wieder zurück in mein Elternhaus.

Woher die Platte eigentlich gekommen ist, habe ich nicht rausfinden können. Sie hat meiner älteren Schwester gehört, aber die war nie im Deutschen Schallplattenclub. Vielleicht war sie liegen geblieben bei einer der Parties, die meine Schwestern mit der Dorfjugend zu feiern pflegten, wenn die Eltern in Urlaub waren. Sagenumwobene, wilde Parties – ich musste ins Bett oder war mit meinen Eltern in Urlaub.

In Skiurlaub zum Beispiel, 1961 in Gerlos im schönen Zillertal. Da sang mein Skilehrer, der wie alle Skilehrer notorisch gut gelaunt war, das Lied „Ramona“, den Hit des Jahres. Daneben standen Hits wie „Weiße Rosen aus Athen“, „La Paloma“, „mit 17 fängt das Leben erst an“ und so weiter. Wer denkt, Rock ’n Roll oder gar Jazz hätte in der Zeit irgendeine Rolle gespielt: Unter den Top 30 des Jahres 1961 findet sich nichts dergleichen. Kein Elvis? Doch: „Muss i denn, muss i denn“ und „Are You lonesome tonight“ – letzteres aber auf deutsch gesungen von Peter Alexander. Alles Kitsch oder, wenn schon mal was über den großen Teich herüberschwappte, gnadenlos verkitscht: „Michael Row the Boat ashore“ – ja, aber von Lonnie Donegan gesungen, einem britischen Skiffle-Musiker, der noch mehr religiöse Musik afroamerikanischer Herkunft so hergerichtet hat, dass man sie beim Bier mitgrölen konnte.

Nä, nä, Herr Therapeut, ich habe noch heute eine Aversion gegen alle Pop-, Rock- und Jazz-Musik, die aus Deutschland kommt. Und, Herr Dixie-Spezialist, wenn es besseren Dixie gibt als meinen Benny Waters, dann her damit. Damals jedenfalls ist mir klar geworden: Es gibt noch was anderes als die Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe.

7 Gedanken zu „Dixieland (Zimmerreise IV)

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  3. juergenkuester

    Lieber Marin! Ich weiß nicht, ob es thematisch passt, aber ich habe mich gestern im Atelier mit einer Künstlerfreundin über die Popmusik als Möglichkeit des sozialen Aufstiegs unterhalten. Beispiele dazu gibt es für die Fünfziger und Sechziger Jahre genügend. Natürlich ging es dabei auch um den Protest, das Ausbrechen, die Abgrenzung, die Emanzipation und die gesamten gesellschaftlichen oder familiären Verkrustungen der Nachkriegszeit. Und deshalb trifft es ebenso zu auf gut bürgerliche Verhältnisse oder eben auf proletarische. Und Du und ich wir waren als Jugendliche Teil dieser Zeit.
    Liebe Grüße
    Juergen

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    1. emhaeu Autor

      Ob es schon eine Soziologie der Pop- und Rockmusik gibt, lieber Jürgen? Das mit der Aufstiegschance sehe ich skeptischer. Viele haben davon geträumt, ihr letztes Geld in Equipment für die Band gesteckt – und nur ganz, ganz wenige sind auch nur ein wenig aufgestiegen aufgrund der Musik. Ähnlich wie heute bei Instagram & Co. – da träumen auch Massen von Teenies davon, die großen „Influencer“ zu werden, dabei liegt es sozusagen in der Natur der Sache, dass die Zahl der wirklichen Influencer um den Faktur 100.000 oder 1.000.000 kleiner sein muss als die Zahl derer, die davon träumen. –
      Ausbruch aus der als eng empfundenen Herkunftsgruppe ist etwas anderes. Davon träumen, scheint mir, seit vielen, vielen Generationen alle/fast alle/die Mehrheit der Pubertierenden. Rockmusik ist da ein prima Vehikel zur Abgrenzung, hat funktioniert und funktioniert noch immer. Aber: Oft bleibt es genau bei dieser einen Ausbruchsstufe und dann ist es gut. Fällt mir immer mal auf, wenn wir „Abituriententreffen“ haben. Da wird dann die „gute alte Musik von damals“ gepriesen – aber es ist, von heute aus gesehen, doch erstens nur ein Mitlaufen im Mainstream gewesen und zweitens gehört zu einem wirklichen Heraus aus dem schlechten (!) Alten eine Weiterentwicklung hin zu wieder neuen Ufern – auch wenn die neuen Ufer dann Barockmusik sind, also das gute Alte.
      Ich denke öfters über dergleichen nach, wenn ich schon mal abends mit Tablet und Youtube auf dem Sofa sitze und quer durch die musikalischen Angebote surfe …
      Eine schönen Tag! Martin

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  4. puzzleblume

    Eltern, die Klavierspielen können, waren mal Kinder, die es lernen mussten – man weiss nicht immer, mit wieviel Freude daran. Mein Vater lernte als kleiner Junge sehr früh Violine und konnte es offenbar auch recht gut, man liess ihn in den 30er Jahren in einem Königsberger Kaffeehaus spielen, und das anscheinend nicht nur einmal, aber während der weiterführenden Schulzeit dann wohl nicht mehr. Mir scheint, er hatte die Nase voll von der Musikerziehung. Erst später, für die Lehrerausbildung kaufte er sich notgedrungen wieder eine Geige, weil ein Instrument zu spielen für Volksschullehrer ein Muss war. Zuhause spielte er nie mehr. Das Musik-Trauma hatte wohl eher er als ich. Mich hat man nur gefördert im Sinne des Nichtverhinderns, solange der Unterricht gratis war und das Instrument möglichst wenig kostete.
    Musik gab es für meine Eltern nur abends zum Tanzen, wenn wir Kinder im Bett waren, Bert Kaempfert, das Orchester Mantovani und andere, auch die von dir erwähnte deutsche Schlagermusik mit Peter Kraus und Caterina Valente. Später hörten sie die alten Platten gar nicht mehr und kauften auch keine neuen. Wenn, dann lief „muntere“ Radiomusik, aber weder Jazz noch Klassik. Die alten Platten hat mein Bruder übernommen und über deren weiteren Verbleib weiss ich nicht, aber meine eigenen habe und behalte ich immernoch.

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  5. Pit

    Lieber Martin.
    irgendwo haben wir vielleicht auch noch ein paar alte Schallplatte. Ich bin mir sicher, im Keller in Alfter. wo ich sie beim Umzug nach hier zurueckgelassen habe. Hier hoeren wir jetzt unsere Musik von CDs oder von meiner Western Digital Festplatte ueber ein Sonos-System. Das ermoeglicht uns, Musik – auch unterschiedliche – in allen Raeumen zu hoeren.
    Liebe Gruesse,
    Pit

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  6. Susanne Haun

    Lieber Martin!
    Ich habe meine Schallplatten vor langer Zeit allesamt einer Malschülerin von mir geschenkt. 🙂
    Bei den Kassetten habe ich die Zettel mit Titelreihenfolge aufbewart und wollte mir entsprechende Playlists in spotify anlegen. Habe ich aber noch nicht gemacht! Wer weiss, ob das noch kommt…….
    Ich verstehe also durchaus, dass du die Platte behälst, durch das Objekt bleibt die Erinnerung bestehen.
    Liebe Grüße von Susanne

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