Mit Goethe nach Weimar (Zimmerreise VII)

Lag in einer Kiste am Strassenrand: Ein ovales Porzellan-Dings mit dem bekannten Goethe-Portrait, das Joseph Karl Stieler 1828 für den bayrischen König gemalt hat. Handgemalt? Konnte ich ohne Brille nicht sehen. Aber auf der Rückseite ein Firmenlogo: Thüringer Handarbeit.

Brille und Internet brachten es bald an den Tag: Nur ein billiges Medaillon von einer Firma, die sich etwas hochtrabend Porzellan-Manufaktur nennt und in Martinroda Geschenkartikel produziert – oder auch nicht mehr, denn die Website ist zuletzt 2007 aktualisiert worden.
Martinroda, Martinroda, ….., nie gehört, aber Google Maps weiß Bescheid, wie immer. Martinroda liegt in einem Teil Thüringens, in dem ich noch nie gewesen bin. Von Thüringen kenne ich eigentlich nur das, was man von der A4 aus sieht. Gas geben, weiter.

Oder liegt Weimar, die Stadt des großen Goethe, etwa auch in Thüringen? Wieder Google Maps fragen: Ja! Also, wie mein Vater zu sagen pflegte: Kommando zurück, ich war schon mal in Thüringen, nämlich in Weimar und bin durch das Haus geschlichen, in dem der Herr Goethe gewohnt hat.

Eine denkwürdige Reise, 1974 mit Schwester, Schwager und Mutter, auf Besuch bei ewig nicht gesehenen Bekannten, die ich nicht nur ewig nicht mehr, sondern überhaupt noch nie gesehen hatte. Zum ersten Mal in der DDR. Hui, war das ein Kontrast zu dem ja nun auch nicht so arg eleganten Köln. Wegen Zwangsumtausch oder so hatten wir Geld übrig und wollten in Weimar essen gehen. Restaurant mitten im Zentrum am Platze. Hinter dem Eingang eine Garderobe mit Garderobiere! Ober in Schwarz mit weißer Serviette, wie man das in alten Filmen sehen kann! Nehmen Sie bitte hier Platz! Danke, nichts zu danken … Die Speisekarte war gar nicht so kurz, aber warum war sie mit so einer Maschine gedruckt, mit der man früher die Texte für die Klassenarbeiten vervielfältigt hat?

Wir wählten lange und überlegten hin und her, besonders der Schwager, der als alter Kölner immer recht pingelig war, wenn es ums Essen ging. Dann die Bestellung – DDR-Kenner wissen, was jetzt kommt, nämlich der Satz: „Ist aus!“ DDR-Kenner wissen auch, was dann auf den Tisch kam, nämlich Salzkartoffeln, die mich lebhaft an die Salzkartoffeln erinnerten, die es in der Uni-Mensa gab, in der ich damals zu speisen pflegte.

Aber zurück von Goethe-Stadt in mein Arbeitszimmer. Der gemalte Goethe ist nichts wert, der gemalte Goethe passt zu den anderen Sachen, die an der Wand hängen, wie Goethe zu Heinrich Heine. Was tun mit dem Ding? Ein Germanist, der seine Schüler immer mit viel Goethe – bitte ankreuzen: erfreut / gequält / gebildet hat, wirft einen Goethe nicht auf den Müll, zumal er schon seine vielbändige Goethe Gesamtausgabe verscherbelt hat, die Berliner Ausgabe, die zu DDR-Zeiten in, wer hätte es gedacht, Berlin und Weimar erschienen ist.

Nein, er wirft das Ding nicht weg, er verwendet es als Schmierpapier-Beschwerer. Neben den Drucker lege ich nämlich Probeausdrucke und / oder Fehldrucke, die ich als unverbesserlicher Sparefroh nicht dem Papierkorb übergebe, sondern mit der Papierschneidemaschine halbiere und als Notizpapier benutze. Da hat er seine Ruh, der alte Goethe, und macht sich auch noch nützlich.

17 Gedanken zu „Mit Goethe nach Weimar (Zimmerreise VII)

  1. puzzleblume

    Die Autokorrektur vom Handy macht mich mit ihren oft absurden und hartnächigen Bevormundungen auch immer wahnsinnig – was zum Thema passt: AusgerechnetTrebel ist ja durch die „Gorlebenprotest“-Erlebnisse auch ein bisschen „fremdengeplagt“. Über Jahrzehnte waren die betroffenen Dörfer andauernd von allen möglichen politisch Bewegten, sowohl aus der offiziellen vereinnahmenden überregionalen Politik als auch den Demonstrierenden und den Medien obenderein gegen ihre eigenen Entscheidungen vereinnahmt und belagert worden, da konnte kaum jemand da ein Gefühl von ungestörtem Zuhausesein behalten, der dort „immer schon“ gelebt hat. Die fühlen sich nachvollziehbar an die Wand gedrückt von denen die gefühlt scharenweise gekommen sind und alles mitbestimmen wollen.
    Wenn einer z.B. in die Freiwillige Feuerwehr etc. eintritt, nachdem er gerade hergezogen ist, muss er erstmal selbst in Sachen Mitbestimmung still sein und bloss mitmachen. Das ist aber so manchem fremd, der irrigerweise meint, man muss sich immer „einbringen“.
    Ich bin ja nun auch schon ein bisschen häufiger in andere Bundesländer oder nach Österreich umgezogen: es ist überall gleich. Man muss konstante Freundlichkeit beim Grüssen an den Tag legen, aber nicht Diskutieren wollen, bevor man nicht tatsächlich richtige Bekanntschaften gemacht hat, die einen dazu einladen. Ja, da würde ich auch von Jahrzehnten ausgehen, es sei denn man hält sich immer nur an die ebenfalls Zugezogenen – was bei den Einheimischen wiederum nicht so gut ankommt.

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  2. Anhora

    Das ist eine schöne Geschichte! Mit dem Schmierpapierbeschwerer verbindet dich ja doch einiges, mindestens Erinnerungen. Eine Japanerin hat mal ein Buch darüber geschrieben, wie man unnötigen Ballast im Haus loswerden kann. Ihr Rat: Nur das behalten, was man 1. zum Leben braucht 2. woran man sich freut. Der alte Goethe darf also auf jeden Fall bleiben. 🙂

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      1. Anhora

        Bei uns gibt es ein Sozialprojekt, „Fairkauf“. Dort kann man alles (gut erhaltene) Übrige hinbringen, langzeitarbeitslose Menschen sortieren es und dann kommt es blankgeputzt und ansprechend in einen schicken, großen Laden zum Verkauf. Seither fällt es mir leicht, mich von Sachen zu trennen. 🙂

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      2. emhaeu Autor

        Im Nachbardorf gibt es ein Holzhäuschen, da kann jeder Sachen reinstellen und rausnehmen; da war ich heut Nachmittag; dann noch ein Buch in den öffentlichen Bücherschrank daneben. Leider aber war auch ein interessantes Buch drin – so wird das Regal nie leerer 🤔😊

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  3. puzzleblume

    Ein angemessener Verwendungszweck, scheint mir, denn Notizzettel sind oft der Anfang von fast allem, ausserdem scheint mir Goethe immer auch sehr dem Praktischen zugewandt. Weimar habe ich zuletzt 2009 besucht, da mochte ich es.

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      1. puzzleblume

        Die abgeschlagene Zonenrandlage hat sich nur in die typische Aussenvor-Situation von Grenzgebieten ohne Todesstreifen gemildert, aber sowohl dies Lage des Landkreises SAW als auch der von Lüchow-Dannenberg sind desolat und es scheint sich daran nichts zu ändern. Hätte ich vor 12 Jahren geahnt, dass diese Region 2020 wirtschaftlich schlimmer dasteht als um das Jahr 2000 herum, wäre ich vielleicht am Neusiedler See geblieben.

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      2. emhaeu Autor

        Ja, als wir 2013-2014 in der Gegend ein Haus gesucht haben, haben wir eine Ferienwohnung Schnackenburg. Da gab es auch viel Renovierungsobjekte. Wir dachten, wenn man jetzt kauft, ist man früh dran, wenn die Gegend einen Aufschwung erlebt. Aber unsere Vermieter haben uns erklärt, dass es immer nur bergab gehe und wir nicht auf eine Wende hoffen sollten ….
        Den Neusiedler See kenne ich nicht, war auch noch nie in Wien oder Kärnten … lauter Erdkundebildungslücken …..

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      3. puzzleblume

        Hättste mal gemacht: Momentan erlebt der Immobilienmarkt einen gewissen, coronabedingten Aufschwung, weil Städter hier einen nur geringfügig verseuchten Homeoffice-Schlupfwinkel für sich entdeckt haben, und gerade der Bereich entlang der Elbe ist der gefragtere Teil.

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      4. puzzleblume

        Dass Marunde schon seit Jahren im Wendland lebt, wusstest du vermutlich? Aber auch etliche andere. Die einen sorgen dafür, dass sie auffallen, andere nicht.
        Dieses Hexendings – könnte ich wetten – ist auch eher zugezogen. Viel zu aufgeregt für die sonst so pragmatische Gegend.

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      5. emhaeu Autor

        Marunde, meine Autokorrektur verbessert immer in Marinade, kannte ich gar nicht, aber Google …..
        ich habe einen Freund, der hat einen Freund, einen Bildhauer, der hat ab 1996 in Prezelle, gewohnt, ab 2012 in Trebel. Der soll immer klagen, es sei nur schwer möglich, im Dorf Fuß zu fassen… weiß nicht, ob das im Wendland schwieriger ist als anderswo, aber der Rheinländer denkt, was Ortsansässigkeit betrifft, auch aber in Jahrzehnten. Ohne Vereinsmitgliedschaft oder Kirchenchor etc. tut sich hier auch nichts.

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