Ein weitgereister Hund (Zimmerreise VIII)

Weil ich zum Buchstaben „H“ im Arbeitszimmer nichts gefunden habe, bin ich nach nebenan gegangen. Da hängt ein Foto von Keynes, unserem vor gut einem Jahr verstorbenen Hund.

Keynes war ein weitgereister Hund, nicht freiwillig, denn Hunde sind wohl nicht so reisefreudig. Aufgewachsen ist er in einem Reihenhaus in San Salvador. Keine Ahnung, wie er dorthin gekommen ist, schließlich handelt es sich um einen altdeutschen Hütehund. Dort war der Garten sein Paradies und sein Lebensraum. Sein Lebensraum, denn das (nicht etwa deutschstämmige) Ehepaar, das dort wohnte, hielt ihn als Wachhund, der Haus und Garten nicht verlassen durfte. Dort hat er auch seinen Namen erhalten: Keynes. Um die wirtschaftswissenschaftlicher Allgemeinbildung ist es schlecht bestellt, habe ich im Laufe der Zeit gemerkt, denn kaum jemand weiß, wer der Ökonom John Maynard Keynes gewesen ist, obwohl der (Vulgär-)Keynesianismus gerade wieder groß im Schwange ist in der Politik.

Aber das konnte Keynes egal sein. Nicht egal war ihm, dass das besagte Ehepaar ihn nicht mehr haben wollte, als sie Haus und Garten verlassen haben. So kam Keynes neue Besitzer und durfte fortan auch regelmäßig Gassi gehen, wie Hunde so sagen.

Dann stand ein Umzug ins Nachbarland an, nach Guatemala. Keynes sollte mit, klar. Ach, wer jetzt keine Probleme sieht, der hat die mittelamerikanische Mentalität und Bürokratie noch nicht kennen gelernt. Stapel an Formularen, Impfzeugnissen, beglaubigten Erklärungen mussten herangeschafft werden. Dann waren die Behörden in El Salvador zufrieden. Nicht aber die in Guatemala. Die wollten Impfzeugnisse, Formulare und Beglaubigungen, die es z. T. nur in der Hauptstadt gab. Und alles dauerte, dauerte. Vielleicht warteten einige Beamte nur auf eine außergewöhnliche Zuwendung, jedenfalls waren zum Umzugstermin nicht alle Papiere zusammen.

Die beiden Hundebesitzer lösten die Sache auf die mittelamerikanische Art. Keynes musste für ein paar Kilometer in den Kofferraum.

In Guatemala fand Keynes es prima. Ein Haus mit Innenhof, täglich mindestens ein Bad im See. War auch nötig, denn bei 40 Grad blieb Keynes öfters nur das Hächeln in einer kühlen Ecke.

Dann die nächste Reise. Heim ins Reich des altdeutschen Hütehundes, nach Deutschland. Wieder Papiere, Formulare, alles EU-konform und mehrsprachig. Die Kofferraum-Methode schied aus nahegelegenen Gründen aus, alle Papiere mussten perfekt sein. Der Einfachheit halber bekam Keynes völlig neue Papiere, er war fortan Guatemalteke. Und statt in den Kofferraum kam er in einer XXXL-Transportbox in den Bauch eines Flugzeugs. Leider nicht nur ein paar Kilometer, sondern über 10.000 km lang. War vielleicht nicht so schlimm, denn der Tierarzt hatte ihm gute Drogen gegeben.

Die letzten 6 Jahre war er also im Rheinland. Nicht so heiß, viele Spaziergänge, ich denke, er hatte es gut getroffen. Einmal musste er mit nach Asturien reisen, wo das obige Bild entstanden ist. Hat ihm aber nicht so gefallen. Weder das Reisen noch der Kontakt mit den recht wilden asturischen Hütehunden. Seine Kindheit im Reihenhausgarten ohne Kontakt zu Artgenossen hatte in doch wohl nachhaltig in der Entwicklung gestört.

Er war dann ein ruhiger älterer Herr, der ständig im Vorgarten saß oder mehr und mehr lag und so tat, als ob der das Haus bewachte. Immerhin, der Briefträger hatte Respekt vor ihm.

26 Gedanken zu „Ein weitgereister Hund (Zimmerreise VIII)

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    1. emhaeu Autor

      Danke schön. Er war wirklich ein lieber Hund. Bei einem kleinen Rock-Konzert hat er sich nach einer Weile zwischen Sänger und Bassist auf den Boden gelegt und geschlafen.

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    1. emhaeu Autor

      Ich war ja nur mehrmals für 2 – 3 Wochen dort und kann mir so recht kein Urteil erlauben. Aber nachdem ich Ende vorigen Jahres erfahren musste, welch ein Papierkrieg nötig war, damit ich das Regenwasser auf dem eigenen Grundstück versickern lassen darf (jetzt darf ich es für 10 Jahre, aber nur, weil zwei (!) verschiedene mit meinem Regenwasserproblem befasste Stellen sich nach drei (!) Ortsterminen darauf geeinigt haben, die Bestimmungen nicht ganz so genau zu nehmen) — jetzt könnte ich einiges über die Bürokratie bei uns erzählen … lasse es aber lieber sein, damit Gras drüber wachsen kann.

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      1. Anhora

        Von solchen Regelungen hab ich noch nie gehört. In Schrebergärten gelten sie offenbar nicht, das Regenwasser darf dort vor sich hinsickern soviel es will. Also, hoffe ich … 😉

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      2. emhaeu Autor

        Da ist bestimmt nur noch niemand auf die Idee gekommen, alle Parzellen zu überprüfen 😀 es geht ja um Geld: Für Regenwasser, das in den Kanal fließt, wird Kanalbenützungsgebühr fällig. Versickern ist umsonst, deshalb soll möglichst wenig versickern, bei mir z.b. war der schwierigste Punkt das Regenwasser von 25 m2 Garageneinfahrt, das seit Jahrzehnten in einem Schacht gesammelt worden ist, um da zu versickern. Da gibt es fein ausgearbeitete Verordnungen, die so ungefähr jeden denkbaren Fall regeln …. hatte ich auch noch nie von gehört.

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      3. Anhora

        In Schrebergärten wird wohl kein Wasser in Kanäle geleitet, wir sind ja froh wenn der Grundwasserspiegel steigt, weil unsere Brunnen dann mehr Wasser haben!
        In früheren Leben lebte ich aber auch schon in großen Häusern mit großen Gärten. Eine Kanalbenutzungsgebühr kam mir aber nie zu Gesicht. Wahrscheinlich wurde über die Abwassergebühren alles großzügig abgerechnet, ohne dass wir es wussten. 😣

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      4. emhaeu Autor

        Ist vielleicht auch von Kommune zu Kommune verschieden. Hier wird auf den Quadratmeter genau abgerechnet: Dachflächen, Terrassen, befestigte Wege – für alles wird zusätzlich zum Hausabwasser Kanalbenutzungsgebühr berechnet. Bei meinem Schwager hat die Stadt per Luftaufnahme nachgerechnet, dass er seinen Wohnwagenstellpalt auf dem eigenen Grundstück nicht als befestigte Fläche angegeben hat … da hat man es mit einem Schrebergarten doch einfacher !!

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      5. Anhora

        Schade dass Loriot nicht mehr lebt. Er hätte wenigstens einen grandiosen Witz daraus machen können! In welcher Ecke Deutschlands gibt es denn solche Bestimmungen? Vielleicht sollte ich diesen Aspekt bei einer eventuellen Partnerwahl berücksichtigen. 😅

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      6. Anhora

        Auwei. Ich habs doch mal gegoogelt.
        Kanalbenutzungs- und Oberflächenentwässerungsgebühren bezahlt man in ganz Deutschland! Bei uns (BW) heißt es nur anders: Abwassergebühren. Das sieht man ein, Abwasser muss weggeleitetet, geklärt, gereinigt werden. Dass Regenwasser auch dazu gehört, steht zwar nirgends, ist aber so. Man zahlt für versiegelte Flächen, wo Regenwasser in die Kanalisation geleitet wird. Da ich in einem Gebäude mit 7 Stockwerken und 32 Wohneinheiten lebe, wird mein Anteil wohl eher gering sein. Hoffe ich. Hab noch keine Nebenkostenabrechnung erhalten hier!

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      7. Anhora

        Bis vor kurzem lebte ich noch in einer Eigentumswohnung. Ich kenne also Nebenkostenabrechnungen, aber darin heißt es halt unter Betriebskosten: „Abwassergebühren“. Da denkt man sich ja ncihts dabei. 😉

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  3. Ulli

    Jetzt weiß ich endlich, wie ihr zum Hund gekommen seid. Klasse, diese Zimmerreisen.
    Asturien: ich denke sofort an den großen Nachbarshund, vor dem hatte ich ja erdtmal einen Mordsrespekt. H. hat’s dann ins Lot gebracht. (Ach ja)
    Liebe Grüße an euch,
    Ulli

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  4. puzzleblume

    Nicht freiwillig weitgereist – wie Bongo, auch wenn er es mit so vielen Flugkilometern nicht aufnehmen kann, aber du hast wahrscheinlich recht: Hunde sind höchstens dem Menschen zuliebe bereit, das auf sich zu nehmen, aber so wenn es für sie toll sein soll, darf es nicht beängstigend sein. So ein Reihenhausgartenleben war ja bis dahin allzu armselig. Gut, dass er es bei euch noch einmal so „mittel“ finden konnte, zwischen Abenteuer und totaler Langeweile. Wobei sich ein alter Hund immer lieber langweilt, je älter er wird, das kann ich bei Bongo beobachten.
    Die Ausreise-Bedingungen und Bürokratie kann ich mir ein Stück weit vorstellen, Bongo hatte, bis er mal aus Bosnien nach Österreich durfte, trotz vorliegender Ausreise-Papiere, noch schnell seine Testikel an der Grenze „abgeben müssen“, weil die bosnischen Bestimmungen verlangten, dass Strassenhunde kastriert zu werden hatten – basta. Es war barbarisch mit Heuballenstrick vernäht, als er mir in Wien übergeben wurde. Die Alternative war: Einschläfern. Vermutlich hätte die Fahrerin des Transport auch einen Geldschein rüberschieben müssen.

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    1. emhaeu Autor

      Oh Schreck, die Bosnier wollten bestimmt auch eine Armbanduhr, Kiste Wodka alternativ. Kommt auch vor, dass die an der Grenze mal schnell eine Bestimmung aus dem Hut ziehen, wovon keiner wusste. In Mittelamerika erfinden sie dann schon mal ein „Stempelgeld“ oder ähnliches. Habe ich mehrmals erlebt. Als Fahrgäste nicht zahlen wollten, ging es einfach nicht weiter, bis Busfahrer und Volkszorn die Zahlungsunwilligen umgestimmt haben …
      Weiß auch nicht, ob der alternde Hund sich wirklich langweilt oder einfach nur seine Ruhe haben will. Keynes hat wohl selbst geschwankt. Er bestand auf einem Spaziergang, wollte dann manchmal nach 100 Metern wie ein störrischer Esel wieder zurück.

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      1. puzzleblume

        Ja, ich vermute stark, dass es eine private Inspiration zur persönlichen Amts-Unterstützung gewesen sein muss..
        Altersdemenz bei Hunden ist inzwischen kein Geheimnis mehr. Ich könnte mir vorstellen, dass so ein Senior seine Gewohnheiten impulsmässig ausführen möchte, umd dann wird es ihm zuviel. Bongo verliert manchmal mittendrin den Faden, und bleibt ganz verloren stehen. Inzwischen nehme ich ihn meistens an die Leine, dann passiert das nicht. Die Sinne scheinen auch alle nachzulassen, das könnte auch irritierend sein. Man rätselt sich so durch, bei dem teilweise skurrilen Verhalten.

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