Christian Kracht: Faserland

Die Bücher von Christian Kracht sind bislang an mir vorüber gegangen. Inzwischen habe ich nach Krachts Erstling „Faserland“ noch ein zweites gelesen. Schon faszinierend, wenn auch nicht so ganz einfach zu nehmen.

Der Ich-Erzähler, ein junger Mann, der offenbar nichts tut, als sich zwischen Sylt und Zürich treiben zu lassen, erzählt von einigen Wochen aus seinem Leben. Ein Taugenichts, könnte man sagen, der außer Parties, Alkohol und Drogen nicht viel im Sinn hat, der Taxifahrer oder Mitreisende im Flugzeug anpöbelt, der dem einen Freund eine Jacke und dem anderen einen Porsche klaut. Eine Hauptrolle spielen in diesem Leben die richtigen Marken – von Roederer-Champagner bis zu Barbour-Jacken. Keine Rolle spielt das Geld. Es ist – woher erfahren wir nicht – einfach da, und zwar genug, um jede Eskapade aus der Jackentasche zu finanzieren.

Was den Leser stutzig macht, je länger sich die Geschichte hinzieht, ist, dass der Ich-Erzähler seine Situation für ganz selbstverständlich hält. Er trifft nur auf Gleichgestellte, oft kennt er die Leute aus einem der teuren Internate, die er besucht hat, er macht sich nie Gedanken darüber, wie es anderen Menschen wohl so ergehen mag. Er lebt so dahin und genießt sein privilegiertes Leben. Genießen? Wirklich? Wohl kaum. Der Leser hat eher das Gefühl, dass der Herr Taugenichts mehr oder weniger krampfhaft die Zeit totschlägt. Dass einer seiner Mit-Internatszöglinge, Erbe einer herrschaftlichen Villa am Bodenseeufer, sich gegen Ende des Romans in Rausch und Verzweiflung umbringt, berührt den Ich-Erzähler nicht so arg. Den Leser schon eher, da in diesen Szenen das ganze Elend der dieser Taugenichts-Szene aufscheint.

Was das betrifft, ist der Roman ja durchaus realistisch. Es gibt sie ja, die Szene der ehemaligen Luxus-Internats-Zöglinge, die sich herumtreiben lassen, allenfalls pro Forma mit oder ohne Erfolg Jura studiert haben, aber im Grunde nur herumirren auf der Suche nach dem richtigen Leben. I can’t get no satisfaction.

Und immer sind dann Drogen und Alkohol zur Stelle, und selten geht die Sache gut aus. Ich kenne (nur aus zweiter Hand) zwei solcher Taugenichtse. Der eine ist vor zwei Jahren mit 54 Jahren gestorben – starker Alkoholiker über Jahre, sah in den letzten Jahren aus wie ein 80jähriger. Der andere, Sohn eines sehr bekannten Künstlers, sitzt abwechselnd in seiner Villa in Berlin oder bei Miami oder in seinem Stammlokal (das übrigens in „Faserland“ auch auftaucht) und säuft und säuft und säuft.

5 Gedanken zu „Christian Kracht: Faserland

  1. Anhora

    Ein selbstbezogenes Leben ist noch nie ein gutes Leben gewesen, der Mensch ist ein soziales Wesen. Wird ihm das Miteinander genommen oder nicht beigebracht, hat er verloren. Das gilt für alle Einkommensklassen, aber es schwingt ein klein wenig Schadenfreude mit zu sehen, dass auch die Reichen nicht glücklicher werden, nur weil sie Geld haben. 😉

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    1. emhaeu Autor

      Im Grunde, habe ich bei der Lektüre öfters gedacht, ist unserereins zwar, was den Reichtum angeht, auf einem anderen Level, aber von Milliarden Menschen, die noch auf dieser Erde leben, aus gesehen, sind wir auch reich und müssten entsprechend glücklich sein. Meist sind wir aber weder zufrieden noch dankbar für das, was wir haben, vor allem an letzterem mangelt es oft …

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      1. Anhora

        Reich oder arm ist man immer im Vergleich zu anderen um einen herum. Aber je mehr gute Beziehungen man hat, desto weniger wichtig ist es vielleicht, wieviel Geld zur Verfügung steht. Wir suchen ja alle nach Liebe und Anerkennung und manche meinen, mit Geld findet man es leichter.

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    1. emhaeu Autor

      Dazu passt, dass in beiden Romanen, die ich jetzt von Christian Kracht gelesen habe (und in beiden stammen die Ich-Erzähler aus dem gleichen Milieu), eine Partnerschaft oder auch nur ein etwas tieferes Sich-Einlassen auf eine andere Person nicht vorkommt.

      Gefällt 3 Personen

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