Christian Kracht: 1979

Wie schon kurz erwähnt, noch ein Roman von Christian Kracht.

„1979“ ist nun tatsächlich ein harter Brocken. Durchaus unerfreulich, hätte meine Mutter gesagt. Nichts für zarte Gemüter, aber sehr gut, wenn nicht genial.

Der Ich-Erzähler stammt aus dem gleichen gehobenen Milieu wie der Ich-Erzähler in Krachts Erstling. Diesmal hat er einen Beruf, nämlich Innenarchitektur für eine internationale zahlungskräftige Klientel, und diesmal hat er einen Partner. Die homosexuelle Partnerschaft ist allerdings schon am Anfang des Romans völlig zerrüttet und bietet keinerlei Lichtblicke. Der Partner stirbt dann in Teheran an den Folgen eines Alkohol- und Drogenexzesses bei einer Party in der feinen, westlich orientierten iranischen Gesellschaft.

Diese Partnerschaft und der Tod des Freundes sind für den Leser schon bedrückend genug. Aber Kracht setzt noch einen drauf und lässt das Ganze 1979 in Teheran spielen, also in dem Jahr, in dem es auch dem letzten klar wird, dass die Machthaber dabei sind, eine islamistische Diktatur aufzubauen.

Der Ich-Erzähler kann mit Tricks und Bestechung das Land verlassen. Er ist nachhaltig schockiert und möchte sein Leben ändern oder doch wenigstens wieder in den Griff bekommen. Deshalb pilgert er zum Berg Kailash in Nepal, dem Sehnsuchtsort vieler esoterisch angehauchter Westler.

Kracht weiß natürlich um den Symbolcharakter dieses Berges und weiß, dass in vielen Romanen und Filmen eine solche Reise nach Nepal meist damit endet, dass der Held dort einen uralten und urweisen Mann trifft, der ihm zeigt, worauf es im Leben wirklich ankommt. Diesen Topos durchkreuzt Christian Kracht gründlich. Den Ich-Erzähler erwarten in Nepal nur Strapazen. Und statt auf einen weisen spirituellen Führer trifft er auf eine Gruppe von mehr oder weniger verrückten einheimischen Pilgern. Er wird von chinesischen Polizisten festgenommen und landet in einem kommunistischen Umerziehungslager. Die Schilderung der Zustände in diesem Lager sind so hart, dass ich nur hoffen kann, dass viel davon nur der Fantasie des Autors entsprungen ist …

3 Gedanken zu „Christian Kracht: 1979

    1. emhaeu Autor

      Nun, normalerweise lese ich solche Romane ebensowenig, wie ich Horror-Filme anschaue. Hat mir ein Freund in die Hand gedrückt mit der Bemerkung: Bin mal gespannt, was du davon hältst….
      Zielgruppe? Horror-Filme und Ähnliches treffen ja offenbar auf eine große Zahl von Leuten, die dergleichen gerne konsumieren. Es gibt aber noch einen Aspekt: Viele, viele Werke, die zur Weltliteratur gezählt werden – von Homer über Shakespeare bis zur Moderne – sind ja, was die geschilderten Schicksale angeht, schwer verdauliche Kost, auch der „Faust“ vom guten Goethe ….

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      1. Anhora

        Da fragt man sich eben: Wer liest seitenweise über Düsternis? Menschen, die wenig Drama im eigenen Leben haben vielleicht und sich deshalb gern ein bisschen kribbeln? Mir reicht mein eigenes Leben zum Kribbeln mehr als genug, ich lese lieber leise Geschichten mit Poesie, die genauso gewichtige Botschaften vermitteln können.
        Gerade habe ich „Das Seidenraupenzimmer“ ausgelesen, das ist weiß Gott auch nichts für schwache Gemüter. Aber es ist völlig anders aufgezogen, dieses Buch hat mich reingezogen, ohne mich zu deprimieren. Das ist eben die Kunst! Am Ende war ich aber schon froh, keine Japanerin zu sein. 😉

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