Ein Bild von Josef K. (Zimmerreisen X)

„J“ wie Josef – wie Josef Kulda, der das obige Bild gemalt hat, das in meinem Arbeitszimmer hängt und Josef Kulda soll die heutige Zimmerreise gewidmet sein.

Josef Kulda ist ein 1926 in Rotkosteletz geborener Künstler, der heute in Prag lebt.

Rotkosteletz? Nie gehört? Ganz einfach: „Die Straße von Starkstadt nach Rotkosteletz führt im Tale der Jibka und weiterhin am Wüstreier Bach entlang nach Wüstrei“ erläutert jemand im Internet. Immer noch nicht im Bilde? Kein Wunder, denn diese Region, die in den letzten 110 Jahren mal zu Österreich gehört hat, mal zur Tschechoslowakei, dann zu Deutschland, dann wieder zur Tschechoslowakei und heute zur Tschechischen Republik, liegt nun wirklich etwas abseits aller Touristenrouten, obwohl es von dort nur 340 km bis nach Berlin sind.

Ohne meinen Schwager, der dort aufgewachsen ist, wäre ich sicher auch nie nach Rotkosteletz gekommen. Und ohne meinen Schwager hätte ich nie Josef Kulda kennengelernt – beide sind seit früher Jugend befreundet.

Josef Kulda ist kein berühmter Künstler. Im Netz findet sich der eine oder andere Eintrag, ein Antiquariat bietet Holzschnitte von ihm an. Kein berühmter Künstler, und doch hat er sein ganzes langes Leben lang sich mit seiner Kunst durchgeschlagen und es zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Weniger mit dem Verkauf von Gemälden, sondern mit seinen Fähigkeiten als Restaurator. Betritt man sein kleines Atelier im Erdgeschoss seines Hauses in guter Randlage von Prag, dann stehen da überall kleine oder größere Statuen herum. Meist Heiligenfiguren, an denen oft der Zahn der Zeit sehr stark genagt hat. In kommunistischen Zeiten ist Josef Kulda in Kirchen und Klöstern gewesen und hat Statuen, die mehr oder weniger auf den Müll geworfen worden sind (man hat in Deutschland meist keinerlei Vorstellung davon, wie religionsfeindlich das Regime in der Tschechoslowakei gewesen ist …), sorgfältig wiederhergestellt.

Damals konnte er allerdings nirgends Blattgold auftreiben. Und was sind Heiligenfiguren oder barocke Altäre ohne Blattgold? Deswegen hat mein Schwager, als er mit mir 1971 zu Josef gefahren ist, mehrere Pakete Blattgold geschmuggelt. Nun, ich war jung und naiv und hatte vorher weder eine Vorstellung davon, wie genau man an der Grenze kontrolliert wurde, noch davon, wie die Strafen für solche „Verbrechen“ aussahen. Mein Schwager war da lockerer und steckte die Pakete einfach in die Taschen seiner Jacke. Die kontrollieren immer nur Koffer und Taschen, meinte er – und hat Recht behalten.

Im Jahr drauf sind wir dann noch mal hingefahren, diesmal über Prag in ein Dorf weit östlich von Prag, dessen Namen ich nicht mehr weiß. Eine komische Gesellschaft traf sich da, so eine Art Männer-WG auf dem Dorf. Am nächsten Morgen verputzten die Männer die Kirchhofmauer. Mangels Sprachkenntnissen verstand ich nicht viel, bekam aber eine Kelle in die Hand gedrückt und mein Schwager meinte, ich solle doch mit verputzen. Hatte ich noch nie gemacht, aber zum Glück waren die anderen auch nicht so perfekte Handwerker. Sonntags gingen alle Männer in die Kirche. Seltsam, dachte ich, dass die Tschechen so fromm sind …

Was Josef, mein Schwager und die Männer da auf Tschechisch immerfort geredet haben, keine Ahnung. Wir mussten auch bald wieder nach Prag. Erst Jahrzehnte später habe ich erfahren, dass es sich bei der Männer-WG um den sozusagen harten Kern der regimekritischen und deshalb verdeckt operierenden katholischen Opposition gehandelt hat. Einen der Männer habe ich vor 12 Jahren wiedergesehen, auf einer goldenen Hochzeit, bei der auch wiederum Josef Kulda zugegen war. Er war inzwischen zum Erzbischof von Prag ernannt worden.

Meine Aufenthalte in der Tschechoslowakei – kein Mensch, der heute nach Prag kommt, kann sich vorstellen, wie grau, heruntergekommen und trostlos diese Stadt in den ersten Jahren nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen gewesen ist – haben mir dann übrigens noch eine Befragung durch den MAD eingebracht, den Militärischen Abschirmdienst. Dass es so was überhaupt gibt, war mir völlig unbekannt geblieben, bis zwei Herren in mein Dienstzimmer kamen, die genau so aussahen, wie man sich Geheimdienstleute vorstellt. Das war in der Zeit, als ich als Wehrpflichtiger einen entsetzlich langweiligen Job bei der deutsch-belgischen Verbindungsstelle in Köln hatte. Irgendwie war ich auf dieser Dienststelle in einem sicherheitsempfindlichen Bereich, und so wurde ich wegen meiner Ostkontakte ausgefragt. Die Herren waren mit meinen Antworten wohl zufrieden, denn sie haben sich nicht wieder gemeldet.

Bevor ich noch mehr Geschichten erzähle: Josef Kulda hat mir mehrere kleine Holzschnitte geschenkt, ein Landschaftsgemälde (das ich, ich gestehe es, verkauft habe, weil es immer nur in der Kammer gestanden hat) und dieses Blumenbild. Und wenn ich links am Bildschirm vorbei blicke, dann kann ich mir die Blumen ansehen, die Josef gemalt hat.

Nur ein noch: Als wir im Garten seines Hauses standen, hat mir Josef einmal mit Blick auf den Mond eine schöne Eselsbrücke beigebracht. Schau, sagte er, der Mond ist ein Lügner. Jetzt ähnelt seine Form einem „C“ – „C“ wie lateinisch „crescere“, also wachsen, zunehmend. Da der Mond aber lügt, nimmt er gerade nicht zu, sondern ab. – – –

8 Gedanken zu „Ein Bild von Josef K. (Zimmerreisen X)

  1. Pingback: Einladung zu den Zimmerreisen 06/2021 | Puzzleblume ❀

  2. Pingback: 3x ABC am Freitag (21.05.’21) | Puzzleblume ❀

  3. puzzleblume

    Schöne und spannende Erinnerungen gleichermassen, vor allem, weil du das Drumherum um den Künstler und seine Umgebung tatsächlich kennengelernt hast.
    Das Bild wäre mir mit seiner unaufgeregten und ruhigen Art auch eine angenehme Gegenwart im Zimmer.

    Gefällt mir

    Antwort

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.