Zimmerreise XIII zum Buchstaben M: Eine Maske als Mitbringsel

Eine Maske, gekauft und mitgebracht aus Guatemala. Ein Mitbringsel, so nannte meine Mutter dergleichen. Jetzt hängt sie im Flur. Nein, die Wände im Flur sind nicht schwarz gestrichen, für das Foto habe ich die Maske abgehängt.

Eines der zahlreichen Mitbringsel, die man in auf Mitbringsel spezialisierten Geschäften und Märkten kaufen kann. „Artesania“ steht dann dran, also Kunsthandwerk, und „todo hecho a mano“ – alles Handarbeit.

Hübsche Sachen, nette Reiseerinnerungen, gar nicht teuer. Damit könnte diese Zimmerreise zu Ende sein. Aber ich mache mir da immer so meine Gedanken …

Was nämlich ist mit denen, die solche Mitbringsel produzieren und verkaufen? Die freuen sich über jeden Touristen, der ihnen Umsatz bringt, klar. Davon lebt eine ganze Kleinindustrie. Soweitsogut. Man darf nur nicht mal hinter die Kulissen blicken. Ich bin beispielsweise mal über persönliche Kontakte in dem Land in einer dieser Produktionsstätten gewesen. Eine Halle, in der Frauen auf uralten Handwebstühlen ihre Arbeitstage mit dem Weben verbringen. Alles Handarbeit, wie versprochen. Aber warum müssen die Frauen sich mit diesen klapprigen Uraltmaschinen abmühen, obwohl es doch seit langem automatische oder vollautomatische Maschinen gibt, die viel besser, weil fehlerfrei weben?

Das ganze Geschäftsmodell beruht doch nur darauf, dass Menschen für Handarbeit mehr bezahlen. Und um sich gegenüber der industrialisierten Konkurrenz behaupten zu können, müssen die Löhne für die Weberinnen so niedrig wie möglich gehalten werden, von Soziallleistungen wollen wir gar nicht reden. Das Geschäftmodell der in Serien produzierten Mitbringsel (von individuellem Kunsthandwerk keine Spur) beruht auf nichts anderem als auf Armut.

Und was macht der Tourist, nachdem ihm das klar geworden ist? Kauft er nichts, zerstört er die Lebensgrundlage von zahlreichen Familien. Kauft er doch etwas, stärkt er das fragwürdige System, an dem vermutlich nur die Materiallieferanten wirklich gut verdienen. Irgendwie hat das Ganze auch den Charakter des Almosengebens. Und jedes Almosenwesen hat zwei Seiten: Die gute Tat des Gebenden hält den Almosenempfänger in einem Abhängigkeitsverhältnis. Schwierig, finde ich. Aber die Maske mit ihrem bösen Blick, die mag ich trotzdem.

15 Gedanken zu „Zimmerreise XIII zum Buchstaben M: Eine Maske als Mitbringsel

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  2. pflanzwas

    Gut geschrieben. Die Maske ist interessant. Manchmal ist es / wird es schwierig, überall alles zu hinterfragen und entsprechend zu handeln. Man kann es versuchen, aber wie du schon sagst, hat man nicht immer die Einblicke. Zuweilen denke ich, daß die Menschen vor Ort versuchen müssen, ihre Bedingungen zu ändern. Das geht nicht allein von außen und es war hier ja auch mal so, wie beispielsweise die Weberaufstände. Trotzdem hat es noch (ein paar) hundert Jahre gedauert, bis sich was geändert hat. Die Frage ist vielleicht noch, ob es für die Arbeiter und Arbeiterinnen in der heute globalisierten Welt einfacher oder schwieriger geworden ist, für Verbesserungen zu kämpfen und was man vielleicht gemeinsam erreichen kann.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Weberaufstand

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    1. emhaeu Autor

      Der Weberausstand – an den ich übrigens auch gedacht habe beim Schreiben – ist ja noch gar nicht soooo lange her. Und geändert hat sich da leider auch lange sehr wenig. In der Gegend – man Schwager stammt daher und hat noch Weben als Lehrling gelernt, waren die Leute noch in den 50ern sehr arm. So weltweit gesehen, hat sich wohl wenig geändert. In Mitteleuropa gibt es (fast) keine Weber mehr. Gewebt wird jetzt irgendwo in der Welt und jetzt sind da die Weber arm.
      Schönen Sonntagabend trotzalledem!

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      1. pflanzwas

        Das ist ja lustig, daß dein Schwager daß noch gelernt hat. Ich bin auch gelernte Handweberin (arbeite aber nicht in dem Beruf), deshalb sprang mich das Stichwort wohl auch so an. Ja, selbst heute muß man schon sehr geschäftstüchtig sein, um hier damit seinen Unterhalt zu verdienen. Die Industrie hat früher gut bezahlt (so in den 90ern), als noch hier gewebt wurde, jedenfalls im Süden der Republik. Tja, was man preiswert auslagern kann, wird ausgelagert. Hoffentlich wird das eines schönen, nicht allzu futuristischen Tages, mal Geschichte sein. Wir geben die Hoffnung nicht auf!

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  3. gkazakou

    Am besten, man kauft Produkte vom Produzenten selbst, sie werden ja auch auf Märkten angeboten und sind oft von echtem künstlerischem Wert. Mein Mann hat einiges aus Afrika mitgebracht, sehr schöne Dinge. . Handgemachte Massenware ist irgendwie ein Widerspruch in sich selbst.

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  5. Anhora

    Das Geschäft mit Souvenirs ist so fragwürdig wie das Geschäft mit billigen Kleidern, billiger Elektronik, Handy-Innereien usw. Vor Jahren war ich mal in einer chinesischen Fabrik (eine Geschäftsreise, kein gebuchter Ausflug). Leute, kauft keine Überraschungseier! Was da drin ist, wird von jungen Frauen in großen Hallen ohne Klimaanlage angepinselt und zusammengeklebt, sie schlafen in anderen Hallen auf dem Boden, nur durch Tücher abgetrennt, dürfen abends nicht raus, und von dem Verdienst dürfen ihre Brüder studieren. So siehts aus. Und so ist es wohl mit allen Produkten Made in China.
    Andererseits leben viele Familien von diesen Einkommen. Und für viele ist es zu teuer oder zu umständlich, auf fair produzierte Artikel umzusteigen. Ich habe keine Lösung für diese Problematik. Aber die Maske gefällt mir. Sie sieht aus, als ob sie sich dieselben Gedanken machen würde wie wir!

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    1. emhaeu Autor

      Genau, wenn man sich die Produktionsbedingungen vor Ort ansieht, kriegt der Glanz der schönen bunten Souvenirs (etc.) schon einen Klacks. Habe in Mittelamerika auch Frauen gesehen, die so aus klitzekleinen Perlen bestehende Schlüsselanhänger „basteln“ – oh Schreck. Sind übrigens nicht nur Frauen, ich habe dort auch Männer gesehen, die in einer Art Verschlag auf uralten Nähmaschinen Patchwork-Decken nähen. Eine dieser Decken liegt jetzt auf dem Gästebett … schön anzuschauen.

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      1. Anhora

        Vielleicht sollte man die Arbeitsbedingungen von Menschen in anderen Ländern nicht mit unseren Standards vergleichen. Sag ich jetzt mal so, ohne die schlechteren Bedingungen in anderen Ländern gutzuheißen. Man sollte mit den Menschen reden können und fragen, wie sie ihr Leben finden.

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      2. emhaeu Autor

        Da ist was dran. So schön ist es ja auch nicht, früh aufzustehen, eine Dreiviertelstunde mit Bahn oder Auto zu fahren, dann acht Stunden in einem Büro zu sitzen und dann wieder zurück … und, halt, schnell noch was einkaufen …. ….

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