Ausgelesen: Romano Guardini – Über das Wesen des Kunstwerkes

Jetzt gibt es auch in Hotels Bücherschränke. Und weil ich nur schwer an einem öffentlichen Bücherschrank vorbei gehen kann, habe ich auch in den Hotel-Bücherschrank reingesehen. Und weil ich immer was finde, habe ich auch diesmal was gefunden. „Über das Wesen des Kunstwerkes“ – na ja, noch langweiliger als das das Buch, das ich für die lange Zugfahrt eingepackt hatte, kann es nicht sein, dachte ich.

Romano Guardini (1885 – 1968) ist heute wahrscheinlich nur Insidern bekannt, theologischen Insidern. Beispielsweise dem jetzigen und dem vorigen Papst, die gerne aus seinen Werken zitieren. Mir ist der Name ein Begriff, weil mir meine Mutter ein Büchlein von Guardini hinterlassen hat, in das sie hineingeschrieben hat, dieses Buch habe ihr in einer schweren Krise geholfen.

Guardini hat seine Gedanken über das Kunstwerk 1947 veröffentlich und der schmale Band hat sich damals – bedenkt man den Titel – recht gut verkauft. Ist auch später immer wieder mal neu aufgelegt worden.

Im Flixtrain zwischen Bremen und Köln habe ich mich, soweit der zu gut gefüllt Zug das zugelassen hat, in den Text vertieft. In Münster war ich durch. Weil der Zug außerfahrplanmäßig langsam fahren musste und weil es sich nur um 50 Seiten handelt.

Der Titel lässt es schon erahnen, dass Guardini in den Spuren Heideggers wandelt. Nicht nur, weil er die Sache rezeptionsästhetisch aufzieht, er also davon ausgeht, dass der Kunstwerk erst im Akt der Rezeption durch den Betrachter oder Hörer entsteht, sondern auch, weil er einen sehr engen Begriff von „Kunstwerk“ vertritt. Ihm geht es wie Heidegger nur um „große“ Kunst, um die wenigen „ganz großen“ Werke, die im Menschen tatsächlich etwas auslösen können.

Das verbindet Guardini und Heidegger übrigens mit ihrem Antipoden Adorno. Auch Adorno lässt nur ganz wenige Werke als echte Kunstwerke gelten – in der Musik nach 1900 im Grunde nur die Zwölftonmusik. Und wie bei Adorno erhält das Kunstwerk bei Guardini einen ungeheuer hohen Rang. Es ist sozusagen der Punkt, mit dem man die falschen Verhältnisse der Welt aus den Angeln heben kann.

Nun, da Guardini aber Theologe durch und durch ist, gibt er seinen Betrachtungen ganz am Schluss eine theologische Wendung. Das Kunstwerk, so schreibt er, eröffnet – auch wenn es sich keineswegs um ein religiös-spirituelles Werk im engeren Sinne handelt – für den, der sich richtig hinein versenkt, einen Ausblick auf eine spirituelle Dimension.

5 Gedanken zu „Ausgelesen: Romano Guardini – Über das Wesen des Kunstwerkes

  1. 125tel | Fotogalerie

    Hm. Interessant. Rezeptionsästhetisch gefällt mir da Stendhals Auffassung am besten. Er sah in Kunstwerken ein Glücksversprechen. Die Leute treten dem Kunstwerk mit einer Fülle eigener Erfahrungen, Begierden und einem bestimmten Maß an Sensibilität gegenüber. Wer das übergeht kann, wie Adorno, nicht erkennen, dass der zeitgenössische Jazz der 12-Ton Musik künstlerisch nicht nur ebenbürtig, sondern lebensmäßig sogar überlegen war. Die 12-Ton Musik verlangt nach einem körperlich starren Zuhörer, von dem unbedingte Rezeptions-Disziplin erwartet wird. Zuhören bis zum letzten Ton! Der Jazz lebt(e) vom genauen Gegenteil. Er enthält ein grandioses Glücksversprechen an seine Zuhörer (oder besser Zuschauer). Bewegt auch! Feiert! Leidet! Lacht! Weint! Trinkt! Insofern ist er große Kunst. Doch auch darüber scheinen die Zeiten hinweggegangen zu sein. Heute werden Kunstwerke ja eher vom Künstler her aufgeschlossen. Künstler (Interpreten und Kollektive) treten geradezu in Konkurrenz zu den Kunstwerken. Um die Parole „Jeder kann ein Künstler sein“ wird viel Aufhebens gemacht. Nicht das Kunstwerk, Künstler-Sein ist das Glücksversprechen – das sich dann aber nicht für jeden erfüllt. Gruß aus der Bachstadt Leipzig – KU

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    1. emhaeu Autor

      Der gute Adorno war halt ein Kopfmensch. Am Jazz hatte er auszusetzen, dass dort kompositorisch nichts zu finden sei, was sich nicht schon bei Chopin finden lasse. Das mag sein, trifft aber halt einen wesentlichen Punkt nicht: Dass es im Jazz nicht um ausgefeilte Harmonik geht oder um einen musikalischen „Fortschritt“ – leider ist, so scheint mir, der (weiße) deutsche Musikhochschul-Jazz in diese Falle getappt; man will künstlerisch anspruchsvolle Musik und endet bei langweiliger Musik, die von kleinen Zirkeln beklatscht, aber vom Publikum weitgehend ignoriert wird. – Aber Lebensfreude war Adorno ja ein Gräuel, ein Zeichen dafür, dass man nicht kapiert hat, wie schlecht der Zustand der Welt ist …

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  2. Susanne Haun

    Liebe Martin,
    das hört sich sehr interessant an, vor allem auch in Bezug auf meine Dissertation.
    Zurzeit bin ich in die Tiefen des Urheberrechts abgetaucht, lese Fallanalysen und frage mich, was ich eigentlich von den vor Reform des Urheberrechts im Juli 2021 herausgebrachte Bücher noch verwende kann und in wie weit ich in die Historie abtauche etc.
    13 Seiten habe ich bisher mit meinen Überlegungen gefüllt und habe das Gefühl, noch nicht zum Kern vorgestossen zu sein.
    Aber es wird und ich finde sogar gefallen an dem Kapitel.
    Heute werden bei uns in Berlin 30 Grad und ich muss dringend meinen Vater besuchen. Er leidet unter den Temperaturen.
    Liebe Grüße zu euch in den Westen von Susanne

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      1. Susanne Haun

        Sehr gerne, Martin, ich würde mich freuen. Bei euch ist es kühl! Was für eine Wohltag! Bei uns werden heute wieder 26 Grad. Aber immerhin nicht mehr über 30 Grad wie die letzten Tage. Das hält keine Blume aus!
        Liebe Grüße von Susanne

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