Dag Solstad: Scham und Würde

…. weil ich hier alle gelesenen Bücher vorstelle …

Der Schirm, der auf dem Cover abgebildet ist, spielt in einer Schlüsselszene dieses Romans eine wichtige Rolle. Der Ich-Erzähler, ein Lehrer, ist nämlich eines Tages so frustriert, dass er auf dem Schulhof seinen Schirm zertrümmert und eine Schülerin derb beleidigt. Ihm ist sofort klar, dass damit sein Lehrerdasein ans Ende gekommen ist. Er läuft sinnlos kreuz und quer und die Stadt Oslo und lässt sich sein Leben durch den Kopf gehen. Dieser Rückblick füllt den ganzen restlichen Roman.

Der Autor gilt als bedeutender norwegischer Autor. Ich werde aber kein Buch mehr von ihm lesen. Dieser Roman hat es mir schon schwer gemacht.

Stilistisch orientiert sich Dag Solstadt an Thomas Bernhard. Die gleichen langen, langen Sätze, die gleichen Wiederholungen, das gleiche langsame, sozusagen kreisförmige Fortschreiten der Handlung. Aber: Viel langweiliger als Thomas Bernhard, denn es handelt sich eher um so eine Art weichgespülten Thomas Bernhard. Es fehlt die Schärfe, die unerbittliche Schimpferei, die so bei Bernhard oft so grotesk daher kommt, dass sie eine surreale Qualität gewinnt, die diese Texte erst erträglich und manchmal auch vergnüglich machen.

Abgesehen vom Stil hat mich auch die Geschichte dieses Mannes, sein langsames Abgleiten in alltägliche Langeweile und das Auseinanderleben mit seiner Frau nicht so arg gefesselt. Kennt man irgendwie schon.

Die Geschirrspülmaschine hing an der Wand …

Ja, so war es: Die Geschirrspülmasche hing an der Wand. Und so ungefähr in der Höhe meines Kopfes befand sich eine Glasscheibe, hinter welcher Teller und Tassen mit großem Wassergewirbel gereinigt wurden.

Das gibt es nicht? Aber ich habe es doch selbst gesehen, 1962. 11 Jahre war ich damals alt und wir waren zu Besuch bei Tante Hilde und Onkel Fritz, die zwar nur Tante und Onkel um die Ecke waren, was hier aber nichts zur Sache tut. Die Sensation des Besuchnachmittags war Tante Hildes Geschirrspülmaschine. Für uns alle war das Gerät an der Wand die erste Geschirrspülmaschine, die wir je gesehen hatten. Und natürlich wurde auf der Rückfahrt eifrig diskutiert, ob wir denn auch so ein Ding bräuchten. Wurde abgelehnt, da in unserer Mini-Küche – eine umgebaute Speisekammer – kein Platz war. Wobei es übrigens geblieben ist, bis zum Verkauf meines Elternhauses 1995 wurde mit der Hand gespült.

1962 – das ist lange her und allmählich habe ich mich gefragt, ob es diese an der Wand hängende Spülmaschine überhaupt gegeben hat oder ob sich da bei mir nicht doch Fantasie und Realität vermischt haben.

Gestern fiel mir beim Sortieren alter Fotos ein Bild von Tante Hilde und ihrem nach Argentinien ausgewanderten Bruder in die Hand. Und die Spülmaschine ging mir wieder durch den Kopf.

Also habe ich das Internet durchsucht. Das Internet weiß doch alles. War nicht einfach, wenn man nur das ungefähre Baujahr und die Wandaufhängung als Merkmal hat. Am Ende bin ich über amerikanische Websites auf die Spur gekommen. Es war ein Gerät von der Firma Braun. Ja, Braun hat tatsächlich für kurze Zeit Spülmaschinen gefertigt, „made in Germany“, aber nach amerikanischer Lizenz. Und dann habe ich in einem Forum für Fans der Marke „Braun“ tatsächlich ein Bild gefunden: Braun HGS 20 hat das Ding geheißen:

Christian Kracht: 1979

Wie schon kurz erwähnt, noch ein Roman von Christian Kracht.

„1979“ ist nun tatsächlich ein harter Brocken. Durchaus unerfreulich, hätte meine Mutter gesagt. Nichts für zarte Gemüter, aber sehr gut, wenn nicht genial.

Der Ich-Erzähler stammt aus dem gleichen gehobenen Milieu wie der Ich-Erzähler in Krachts Erstling. Diesmal hat er einen Beruf, nämlich Innenarchitektur für eine internationale zahlungskräftige Klientel, und diesmal hat er einen Partner. Die homosexuelle Partnerschaft ist allerdings schon am Anfang des Romans völlig zerrüttet und bietet keinerlei Lichtblicke. Der Partner stirbt dann in Teheran an den Folgen eines Alkohol- und Drogenexzesses bei einer Party in der feinen, westlich orientierten iranischen Gesellschaft.

Diese Partnerschaft und der Tod des Freundes sind für den Leser schon bedrückend genug. Aber Kracht setzt noch einen drauf und lässt das Ganze 1979 in Teheran spielen, also in dem Jahr, in dem es auch dem letzten klar wird, dass die Machthaber dabei sind, eine islamistische Diktatur aufzubauen.

Der Ich-Erzähler kann mit Tricks und Bestechung das Land verlassen. Er ist nachhaltig schockiert und möchte sein Leben ändern oder doch wenigstens wieder in den Griff bekommen. Deshalb pilgert er zum Berg Kailash in Nepal, dem Sehnsuchtsort vieler esoterisch angehauchter Westler.

Kracht weiß natürlich um den Symbolcharakter dieses Berges und weiß, dass in vielen Romanen und Filmen eine solche Reise nach Nepal meist damit endet, dass der Held dort einen uralten und urweisen Mann trifft, der ihm zeigt, worauf es im Leben wirklich ankommt. Diesen Topos durchkreuzt Christian Kracht gründlich. Den Ich-Erzähler erwarten in Nepal nur Strapazen. Und statt auf einen weisen spirituellen Führer trifft er auf eine Gruppe von mehr oder weniger verrückten einheimischen Pilgern. Er wird von chinesischen Polizisten festgenommen und landet in einem kommunistischen Umerziehungslager. Die Schilderung der Zustände in diesem Lager sind so hart, dass ich nur hoffen kann, dass viel davon nur der Fantasie des Autors entsprungen ist …