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Wie ich mir eine Leica kaufte

Was macht man am Sonntagnachmittag, nachdem man alles gelesen hat, was das iPad so hergibt, und immer noch Zeit bis zum Abendessen bleibt?

Man geht shoppen.

Aber was? Noch ein paar Schuhe, noch eine Hose – warum? Da kommt eine Mail von einem alten Freund, in der er berichtet, er habe sich eine neue Kamera zugelegt. Er hat zwar schon mindestens 10, aber ab und an, so meint er, braucht der Mann als solches ein neues Spielzeug. Gebraucht gekauft bei einer Firma namens buyzoxs. Komischer Name, kenne ich nicht. Ja, da habe er schon mehrmals bestellt und sei immer sehr zufrieden gewesen.

Ich schaue mir an, was buyzoxs so zu bieten hat, schreibe ins Suchfeld: „Leica“.

Viel gibt es da nicht, zwei Objektive und eine Leica D-Lux, also eine von den kleinen Leicas, über die die richtigen Leica-Fans nur lächeln. Starke Gebrauchsspuren, aber überprüft und technisch einwandfrei. Ich wollte schon das iPad beiseite legen, da fiel mein Blick auf den Preis: 0,00 Euro.

Hm.

Was ist das? Ein Lockvogel, eine Finte? Schließt man mit dem Kauf ohne es zu wollen irgendein Abo ab? Ich lege die Kamera in den Warenkorb und lese alles sorgfältig durch. Kein Abo, keine Falle zu sehen.

Hm, hm.

Vielleicht sind die Portokosten exorbitant hoch, dergleichen haben ich schon mal bei chinesischen Anbietern gesehen. Nein, 3,95 Euro Porto – das ist sehr anständig, da setzt die Firma sogar noch etwas zu, egal, welchen Paketdienst sie beauftragt.

Ich gebe meine Adresse ein und klicke weiter. Ah, sicher ist das so eine windige Firma, die nur Vorkasse auf ein Konto akzeptiert, und wenn sie das Geld haben, hört man nie wieder was von denen. Nur 3,95 Euro, aber Kleinviel macht ja bekanntlich ….. Nö, sie akzeptieren PayPal mit Käuferschutz, da kann nichts passieren. Muss ich zustimmen, dass meine Daten für Werbezwecke weitergegeben werden? Nicht einmal das.

Hm, hm, hm.

Ich kaufe das Ding. Gutes Chance – Risiko – Verhältnis, scheint mir. Sofort kommt eine Kaufbestätigung mit Widerrufsbelehrung und allem drum und dran.

Dann passiert zwei Tage lang gar nichts.

Heute kam dann eine Mail, in der steht, gemäß AGB, § Soundso, Absatz Soundso würden sie von ihrem Recht Gebrauch machen, den Vorgang zu stornieren. Meine 3,95 Euro bekäme ich selbstverständlich zurück. Keine Ahnung, ob eine Firma von einem ordnungsgemäß abgeschlossenen und aufgrund der Beträtigung rechtswirksamen Kaufvertrag wieder zurücktreten kann. Google hilft: Ja, das kann die Firma, hat der Bundesgerichtshof höchstselbst erst im Januar 2020 entschieden.

Dann eben keine Leica. Schade, denn die Handy-Fotografie mit ihren beschränkten Möglichkeiten bin ich eigentlich leid.

Die Digitalisierung schreitet voran!

Ich habe meinen neuen Personalausweis abgeholt. Das war wegen Corona und der Transusigkeit der örtlichen Verwaltung, die sich voller Eigenlob „Bürgerservicestelle“ nennt, deren „Service“ aber darin besteht, es dem Untertanen recht schwer zu machen, mit seinem Anliegen bei der hohen Behörde versprechen zu dürfen, nicht einfach. Aber lassen wir das, das wäre eine andere Geschichte.

Jetzt habe ich also meinen Personalausweis ergattert. Ich habe mich für den Personalausweis mit „Online-Funktion“ entschieden. Die zuständige Sachbearbeiterin konnte mir zwar nicht so recht erklären, wieso ich dergleichen brauche, aber „Online-Funktion“, dachte ich, das klingt gut, das musst du ausprobieren.

Ein Brief mit PIN und PUK und TransportPIN und Sicherheitshinweisen und Sperrkennwort habe ich per Post erhalten. Wie das ganze funktioniert, stand nicht im Schreiben, da wurde ich auf http://www.personalausweisportal.de verwiesen. Nach einigem Suchen – man ist ja geübt in dergleichen – habe ich auf der angegebenen Web-Seite tatsächlich eine Anleitung gefunden, verteilt auf insgesamt 5 Videos. Ja, mögen die Macher gedacht haben, welcher Bürger kann heute noch lesen?

Bevor ich ans Werk gegangen bin, habe ich aber noch eine pdf-Broschüre gefunden, die neben anderem verrät, wozu man die Online-Ausweisfunktion überhaupt braucht: Hui, was man mit der neuartigen supersicheren Technologie alles kann: Seinen Punktestand in Flensburg abrufen, seine Rentenkonto einsehen, das Kindergeld verwalten. Upps, da ist die Liste schon zu Ende. Alles nichts für mich, allerdings – mal den Punktestand in Flensburg abrufen, das wäre doch ein Spaß.

Wie funktioniert das? Zuerst muss man eine App herunterladen. Klar, ohne App geht heute nichts mehr. Man kann zwar eine Kamera für 7000 Euro online kaufen und bezahlen ohne App, man kann beim Aldi seine Einkäufe bezahlen, indem man nur kurz die Kreditkarte ohne Geheimzahl an den Kartenleser hält – aber um seinen Punktestand in Flensburg einzusehen, braucht es eine App mit PIN und Kennwort. Dass auf den Seiten von Personalausweisportal.de kein Downloadlink zu finden ist, geschenkt, der Bürger weiß ja, wie der AppStore funktioniert. Und der AppStore, der weiß, dass die App, ohne die nichts geht, erst ab IOS 13.2 funktioniert, also ab iPhone 7. Ein Gag, den man ja schon von der CoronaApp her kennt. Ist aber noch schlimmer als bei der Corona App – die läuft immerhin auf dem iPhone 6s, die Personalausweis App zickt aber auch auf dem iPhone 7 rum, läuft stabil erst ab iPhone 8.

Kauft euch gefälligst ein neues iPhone, ihr geizigen Untertanen, wenn ihr etwas davon abhaben wollt, was ihr mit euren Steuern finanziert!