Archiv des Autors: emhaeu

Über emhaeu

www.rumgekritzelt.wordpress.com

Halt die Klappe, liebe Sonne

Nach den Wintermonaten schafft die Sonne es wieder über das Nachbarhaus und scheint ins Erkerfenster. Und was sagt die Sonne mir: Scheibe dreckig, Fenster putzen!

Halt die Klappe, liebe Sonne, habe ich geantwortet. Obwohl ich weiß, dass die Sonne mich nicht hören kann. Die Sonne kann auch nicht reden, unserereins ist ja schließlich kein Anhänger des „Sol invictus“, der unbesiegten Sonne – eine Religion, die im 3. Jahrhundert nach Christus im Römischen Reich zeitweise Staatsreligion gewesen ist.

Nein, die Sonne scheint, ansonsten hält sie die Klappe, weil ihr zum Sprechen die nötige Intelligenz fehlt. Und die die nötige Intelligenz, um zu entscheiden, welche Fensterscheibe geputzt zu werden hat und welche nicht, die fehlt der lieben Sonne erst recht.

Paracelsus war da anderer Meinung, auch Agrippa von Nettesheim oder Johannes Trithemius. Damals nämlich war in der Intelligenzia die Theorie groß in Mode, die Planeten (die Sonne hielt man für einen Planeten) würden von Planetengeistern gelenkt. Meinetwegen, könnte man sagen, juckt mich nicht, was die da oben treiben. Aber diese Planetenintelligenzen, schreibt Paracelsus, bestimmen das Schicksal des Menschen. Alter Hut, sagt jeder Astrologe? Ja, aber Paracelsus & Co. gingen davon aus, dass die Planetenintelligenzen ständig in das Leben des Menschen eingreifen, um sie in die richtige Richtung zu lenken. Richtig in ihrem Sinne, versteht sich. Aszendent Löwe, Sternzeichen Krebs, Saturn in den Fischen? Pech gehabt: Du wirst Hexe und die Planetenintelligenzen werden dir helfen, deine Fähigkeiten im Begehen von allerlei Bösewichtereien Stück für Stück zu vervollkommnen. So ein Blödsinn, denkt der Mensch, tiefstes Mittelalter.

Aber die Planetenintelligenzen haben überlebt. Jeder, der Produkte eines Konzerns namens Weleda (Jahresumsatz 2019: 500 Mio. Euro) kauft, vertraut auf die Kraft der kosmischen Energien, die die Macher eingefangen und in die Mittelchen implantiert haben. Kosmische Energien, das klingt irgendwie moderner als Planetengeister, der Grundgedanke ist aber der gleiche. Auch die Biodynamiker, die sich nach den sogenannten Aussaattagen richten, vertrauen den wohltuenden oder zerstörerischen (wenn man nämlich den falschen Tag erwischt) Kräften der Intelligenzen da droben.

Ob es denen nicht ziemlich egal ist, ob die Möhren in meinem Garten gut wachsen oder nicht? Bestimmt. Denn der Sonne ist es ja auch egal, ob ich das Fenster putze oder nicht. Wenn sie mich morgen beim Frühstück wieder daran erinnert, sage ich direkt: Halt die Klappe oder putz Du die Fenster! Dummerweise hört sie aber nicht auf mich.

Der kleine Elefant (Zimmerreise V)

Für das Bild habe ich ihn entstauben müssen, den kleinen Elefanten, der in meinem Arbeitszimmer auf dem kleinen Bücherregal steht. Ein indischer Elefant. Aber diese Zimmerreise geht nicht nach Indien. Da war ich nie, habe nur mal für eine Zeitschrift eine Reportage geschrieben, in der ich so getan habe, als ob ich da gewesen wäre. Da lag der Herr Relotius noch in seinem Baby-Bettchen.

In der Zeit, in der ich besagten Artikel geschrieben habe, brachte mir eine Schülerin von ihrem Indien-Urlaub diesen Elefanten mit. Nett, nicht wahr? Ihre Eltern betrieben in einem der Nachbarorte einen Lebensmittelladen. Die Eltern waren auch sehr nett: Wenn ich dort eingekauft habe, bekam ich immer einen Sonderpreis. Und zu einem Familienfest wurde ich eingeladen. Ins China-Restaurant. Bisschen langweilig, aber lecker, da konnte man nicht meckern. Dem Bruder, auch in einer meiner Klassen, habe ich zu einem Stipendium für die Sommerakademie der Hochbegabten verholfen. Der hat mir keinen Elefanten geschenkt, aber eine Postkarte aus den Ferien geschickt. Da freut sich der Lehrer, denn wann bekommt man schon mal eine Ferienpostkarte von einem Schüler?

Die Schülerin war leider nicht so hochbegabt. Sie schlug sich wacker durch die Oberstufe. In meinem Fach waren ihre Klausuren nicht so besonders, aber mehr hätte es nicht gebraucht, um die Hochschulreife zu erringen. Wenn da nur nicht die Mathematik gewesen wäre!

Bei der entscheidenden Mathematik-Klausur hatte ich Aufsicht. Puh, was haben die Schüler geschwitzt! Die Schülerin, die mir den Elefanten geschenkt hatte, schrieb und schrieb und rechnete und rechnete, warf die Blätter weg und fing wieder von vorne an.

Da sah nicht gut aus. Eine Woche später kleine Besprechung beim Chef. Tut mir leid, meinte der Mathelehrer, die Klausur der Schülerin ist völlig daneben. Null Punkte. Da halfen auch meine 6 Punkte nichts. Sie wäre durchgefallen, wenn nicht …

Nein, nicht ich habe eingegriffen, um mich für den Elefanten und den Lebensmittelrabatt zu bedanken. War gar nicht nötig. Der Chef persönlich dekretierte, die Schülerin dürfe nicht durchfallen, der Oberstufenleiter sekundierte. Das kommt nicht in Frage, hieß es. Und so geschah es. Der Mathelehrer zauberte die nötigen Pünktchen aus dem Hut, Abi bestanden. Ob der Chef auch einen Elefanten geschenkt bekommen hatte?

Über allen Wipfeln

Bei Vossenack im Hürtgenwald

Über allen Gipfeln / Ist Ruh‘?

Nö, lieber Goethe, die Wipfel der Fichten bewegen sich zwar nicht, aber über den Wipfeln, irgendwo ganz weit oben, da braust und brummt der Windmühlenflügel schon von weitem hörbar. Und das, obwohl man an einem windarmen Tag wie dem heutigen tatsächlich „kaum einen Hauch'“ spürt. Nur „die Vögelein schweigen“ nicht „im Walde“, die zwitschern wie immer im Frühling.