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Zum Muttertag

Da sitzt sie auf dem Sofa, meine Familie. Der Dorffotograf war gekommen und machte ein Foto von allen sieben. Ich, der kleine, war auch schon da und guckte etwas abwesend aus der Wäsche.

Meine Mutter konnte den Muttertag nicht leiden. Der Nazi-Feiertag, an dem die, die sich sonst nicht groß um ihre Mütter kümmern, mit einem Blumenstrauß das Versäumte nachholen wollten, pflegte sie zu sagen.

„Wie schön, dass du geboren bist / wir hätten dich sonst sehr vermisst“ trällern alle Kindergartenkinder, ohne dass ihnen so recht klar sein kann, was es bedeutet, nicht geboren zu sein.

Kann ich mir auch nicht vorstellen. Aber selbstverständlich war meine Geburt nun wirklich nicht.

„Herzlichen Glückwunsch zur Geburt Eures Sohnes“, schrieben die Verwandten anläßlich meiner Geburt, „Ihr müsst überglücklich sein!“ – Die Kiste mit all den Glückwünschen habe ich noch.

„Überglücklich“ … na ja, vielleicht nur eine Formel, vielleicht haben sie insgeheim gedacht: Ja sind die denn total bescheuert, noch ein Kind zu bekommen?

Total bescheuert: Vier Kinder waren schon da, die vorige Schwangerschaft war für meine Mutter sehr schwierig gewesen, bei der Geburt stellte sich heraus, dass das Kind einen kaum zu operierenden Geburtsschaden am Fuß hatte. Ich war wieder eine Problemschwangerschaft, meine Mutter musste, geschwächt von der schlechten Ernährung, meistens das Bett hüten, die älteren Schwestern schmissen den Haushalt.

Soweit man von Haushalt reden konnte. Denn meine Familie wohnte damals zu 6 Personen in einer Flüchtlingswohnung. Ein Raum für alle, kein fließend Wasser, Toilette über den Hof. Alle Gesuche um die Zuweisung einer größeren Wohnung waren abschlägig beschieden worden. Nicht lange vor meiner Geburt eroberte meine Mutter eine größere Sozialwohnung, indem sie sie kurzhand besetzt hat, nachdem die Vormieter ausgezogen waren. Früh morgens einfach eingezogen, Tür zu, hier wohnen jetzt wir. Punkt.

Ja sind die denn total bescheuert, noch ein Kind zu bekommen?

Aber: Nie, wirklich nie haben meine Eltern mir das Gefühl gegeben, ein überflüssiges Kind zu sein. Und ich finde, dafür kann ich (nicht nur) am Muttertag auch mal sagen: Danke!

Am Meer

Man kann daheim die Frühlingssonne genießen. Man kann aber auch in einen Ort an der Küste fahren, wo einen dieses nicht so arg einladende Touristenbüro erwartet.

Dann ans Meer fahren, über die Jacke noch eine Jacke ziehen, die Kappe gut festhalten, damit der kalte Wind sie nicht den Abhang hinunterpustet, und aus einer Betonkuppel auf das weite, nordwindkalte Blau schauen: