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Alles, was sonst nirgends hin passt

Ein buntes Bild (Zimmerreise II)

Wo waren wir stehengeblieben? Richtig, bei dem Affen, der auf das Bild an der Wand schaut. Das etwa 100 x 100 cm große Gemälde stammt von der Gattin, die es nicht mochte. Ich schon, also wanderte es an die weiße Wand in meinem Arbeitszimmer.

Eine weiße Gestalt, der gute Geist, so sehe ich es, der aufgehuscht ist, um Stadt und Land mit seinen „Good Vibrations“ zu erfüllen. Eine Fantasielandschaft, weniger Traumlandschaft – ich jedenfalls träume nicht so – als eine psychodelische Landschaft – bunt und voller seltsamer Details.

Voll die Drogen-Fantasie? Keine Ahnung, von LSD und Ähnlichem habe ich mich immer, da war die Angst größer als die Neugier.

Meine Ängstlichkeit bezüglich aller Bewusstseinsveränderung durch Drogen hat einen realen Grund. Um das zu erklären, muss ich einen kleinen Ausflug in einen Garten in der Nähe von Köln machen. Eine kleine Geburtstagsparty unter einem großen blühenden Holunderbaum. Die Gastgeberin verteilte irgendwann an jeden, der wollte, Plätzchen und sagte irgendetwas dazu, woraus klar wurde, dass es sich um Haschisch-Keks handelte. Ich habe so ein Ding gegessen, vielleicht auch zwei, denn bei Keksen konnte ich noch nie widerstehen.

Die Folge war eine Psychose – oder doch etwas, das sehr nahe dran war. Erzähle ich immer gerne, wenn jemand behauptet, THC wäre doch völlig harmlos. Meistens ja, aber halt nicht immer. Ich hatte jedenfalls Wahrvorstellungen, die gar nicht lustig waren, wobei die Vorstellung, um mich herum sei ein Kreis, den ich nicht verlassen konnte, noch zu den harmloseren gehörte. War mein letzter Space-Cake und als ich mal in einer Runde saß, in der LSD rumging, hab ich dankend abgelehnt.

Hm, mein letzter Space-Cake, aber nicht die letzte heftige Drogenerfahrung. Diesmal nicht im idyllischen Garten, sondern in einem idyllischen Dorf irgendwo im Hessischen. Dass es dort so abgelegene Käffer gibt, in denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, war mir vorher völlig unbekannt gewesen.

Dort jedenfalls fand in einem privaten Tagungshaus – na ja, eine umgebaute Dorfschule – ein Workshop statt. Ein Buch zum Thema „Tantra“ von Margo Naslednikov war damals in unserem Buchladen der Renner. Eine Schülerin dieser Autorin bot einen Kurs an, da hab ich mir gedacht: Das schaust du dir auch mal an.

Allerhand Atem- und Körperübungen füllten die ersten Tage, dann kamen Partnerübungen dran. Ach, da hätte ich schon gewusst, welche Partnerin ich gewählt hätte, aber leider durften die Kursteilnehmer nicht selbst wählen, was mir die gemeinsamen Atem- und Turn- und In-die-Augen-Gucken-Übungen nicht gerade erleichtert hat.

Am letzten Tag dann der Höhepunkt: Es gab einen Trank, dessen Rezept ganz geheim bleiben musste, der uns für irgendwas öffnen sollte. Jeder, auch ich, trank das Zeugs, das aussah wie Orangensaft, aber noch den einen oder anderen Beigeschmack hatte.

Danach sollten wir uns alle sozusagen auf einen großen Knubbel legen, aufeinander, untereinander, durcheinander. Und irgendwie summen oder atmen oder spüren.

Da lag ich also und überlegte, ob ich deswegen nicht so recht etwas spürte, weil ich mich nicht genug auf die Sache einlassen konnte. So das Verschmelzen der Körper und Seelen genießen. Aber ich hatte, kaum lag ich da, ein körperliches Problem, das mir die Versenkung vermieste.

Denn dummerweise hat es bei mir immer den gleichen Effekt, wenn ich ein Glas zu kalte Flüssigkeit zu schnell runterkippe: Ich muss aufs Klo. Das war blöd, ließ sich aber nicht vermeiden, zumal ich ja auch nicht wusste, wie lange unser seelenvereintes Dahindämmern noch dauern sollte. Schließlich konnte ich nicht fragen: „He, wie lange müssen wir hier noch rumliegen?“

Ich löste mich also vorsichtig aus dem Leiberhaufen und strebte Richtung Toilette. Doch was war das? Die Toilette war doch da hinten auf der anderen Seite des Raums und nach nur vier Schritten war ich schon an der Tür zum Flur! Durch den ewig lang erscheinenden Flur bin ich dann wohl fast ganz geschwebt, schon war ich vor der Toilettentür. Hier galt es, Grundberührung zu suchen, denn das Urinieren ist ja eine eher geerdete Tätigkeit. Da saß ich nun, seltsame Klänge drangen an mein Ohr.

Wahrscheinlich habe ich eine ganze Weile dort gesessen, denn als ich wieder in der Halle angelangt war – diesmal musste ich doch fünf oder sechs Schritte machen – fing der Menschenhaufen gerade an, sich aufzulösen.

Mein rollender Affe (Zimmerreise I)

Der rollende Affe, das geliebte Kuscheltier meiner Kindheit, hat mich über die Jahrzehnte begleitet. Könnte ich schreiben, würde jeder glauben, wäre aber gelogen.

Ist ja auch kein kuscheltaugliches Tier, der rollende Affe. Wahrscheinlich hatte ich als werdender Mann gar keine Kuscheltiere. Keine Ahnung. Kein Bild aus meiner Kindheit zeigt ein Kuscheltier oder gar diesen rollenden Affen, der auf so einer Art Draisine fährt. Ein wenig lustlos, die Gelenke könnten wohl mal was Fett vertragen.

Tatsächlich kann ich mich an den Affen gar nicht erinnern. Er hat mich auch nicht jahrzehntelang begleitet. Aber meine Mutter hat gesagt, damit hätte ich als Kind gespielt.

„Made in US-Zone Germany“ steht drauf. Also: So alt bin ich nun auch wieder nicht. Entweder war der rollende Affe ein Ladenhüter, bis er zum Geschenk für mich ausersehen wurde, oder er ist mir von einem meiner zahlreichen älteren Cousinen und Vettern vererbt worden. Von wem? Eine umfangreiche Forschungsaufgabe, denn da kämen 15 direkte Cousinen und Vettern in Frage, dazu zwei Söhne meiner ältesten Cousine. Aber so wird es gewesen sein. Und als ich genug damit gespielt hatte, hat meine Mutter den Affen wahrscheinlich an die nachwachsenden Nichten und Neffen – da kämen wiederum einige in Frage – weiter gegeben. Und dann wieder zurück zu mir, irgendwann, irgendwie.

Sollte ich jedenfalls früher damit gespielt haben, so muss die Reise an den Stadtrand von Köln gehen, nach Fischenich, einem (damals noch) Bauerndorf am Hang, in dem ich meine erste Lebenszeit in einer arg heruntergekommenen Flüchtlingsunterkunft verbracht habe. Kann ich mich aber überhaupt nicht dran erinnern, an dieses Fischenich.

Ein paar Jahre, nachdem wir Fischenich verlassen hatten, habe ich mich mal mit meiner Mutter die ehemalige Fischenicher Nachbarin besucht, eine Bauersfrau, die – wie könnte es anders sein – Frau Schmitz hieß. Bei diesem Besuch hat mich ein Detail so fasziniert, dass ich es mir gemerkt habe: Als Frau Schmitz in der Küche den kalt gewordenen Kaffeerest in die Spüle schüttete und mit etwas Wasser nachspülte, da lief das Abwasser direkt vor der Küche in die Gosse, wie man hier sagt, also in den Rinnstein und dann quer durchs Dorf. Lag ja am Hang, da war genug Gefälle. Aber das war Jahre später, meine ersten Jahre in Fischenich liegen für mich völlig im Dunkeln.

Gerade lese ich die Memoiren eines meiner Vettern – was der alles aus seiner Zeit als Dreijähriger und Vierjähriger zu berichten weiß! Ich weiß nichts. Hatte immer schon ein schlechtes Gedächtnis.

So steht der Affe in meinem „Herrenzimmer“, wie ich mein Arbeitszimmer manchmal scherzhaft nenne. Mein „Herrenzimmer“ ist alles andere als das, was man traditionell darunter versteht. Früher war dieses Zimmer, ein kleiner Raum mit sehr schrägen Wänden unterm Dach, wahrscheinlich eine Kammer für das Dienstmädchen oder so was. Meine erste Studentenwohnung in Köln in der Holzgasse fast direkt am Rhein hatte ungefähr die gleiche Größe und die gleichen schrägen Wände. Aber dorthin, da bin ich mir sicher, ist der Affe nicht mitgereist. Also, ich meine, ein Student der Germanistik und Geschichte, der in seiner Wohnung Freunden und Freundinnen seine Kuscheltiere präsentiert – so etwas gibt es vielleicht heute, aber damals…

Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht, weshalb ich diesen komischen Affen noch habe. Ich hatte ja immer gedacht, es handele sich um ein Steiff-Tier. Meiner hat aber keinen Knopf im Ohr und gleicht doch haargenau dem Affen mit dem fürchterlichen Namen „Record-Peter“, den Steiff ab 1939 hergestellt hat und der es sogar mal in die Sendung „Kunst & Krempel“ gebracht hat: https://www.youtube.com/watch?v=M_TRYnf4Mj0. Könnte ich also bei Ebay gewinnbringend versteigern, mache ich aber nicht. Mein rollender Affe bleibt hier und kann sich weiterhin das das große Bild anschauen, das an der Wand hängt.

B wie Bild – schon sind wir beim Buchstaben B – aber der Text ist sowieso schon arg lang geraten.

Ist halt Geschmackssache

Bin gerade dabei, nicht ohne Wehmut die Bilder einer Reise von vor genau 10 Jahren zu sortieren. Ostküste USA im Januar. Nach 10 Jahren wird es schließlich mal Zeit, Ordnung in die Ordner zu bringen ….

Dabei sind mir zwei Bilder aufgefallen: Schaufensterauslagen in San Francisco, China Town. Geschmacksache, oder? Fällt mir immer auf, dass Leute etwa auf Kunstausstellungen oder bei Musik irgendwann sagen: Ist halt Geschmackssache. Wirklich? Ist das so? Jeder hat halt seinen eigenen persönlichen Geschmack – der subjektive Geschmack als entscheidendes und letztlich ausschlaggebendes Kriterium?

Schwierige Frage, aber ich lasse mir nicht ausreden, dass es da noch Kriterien jenseits des individuellen Geschmacks gibt, allgemeingültige Kriterien für künstlerische / ästhetische / musikalische Qualität. Überzeitlich? Kulturübergreifend? Schwieriges Feld.

In dem Laden, dessen Auslagen ich fotografiert habe, wäre ich sicher fündig geworden. So ein großer glitzernd-bunter bestickter Vogel … ist halt Geschmacksache …