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Alles, was sonst nirgends hin passt

Ein missratener Sohn

Zugegeben, zuerst habe ich hämisch in mich hinein gelächelt, aber dann kam doch Mitleid auf mit meiner Cousine. Für einen der Weihnachtstage hatte sie nämlich eingeladen zu einer kleinen Familienfeier und es wurden auch noch einmal ein paar Geschenke ausgetaucht.
Das Enkelchen besagter Cousine, ein noch recht zarter Junge von 5 Monaten, bekam Babyschuhe geschenkt, keine normalen, sondern dieses Spezial-Modell aus dem Fan-Shop des 1. FC Köln:

Für die Nicht-FC-Fans unter den Lesern: Bei den seltsamen Tieren, die die Baby-Schuhe schmücken, handelt es sich um Ziegen, um Geißböcke, wie man hier sagt, und der Geißbock ist nun mal das Maskottchen des 1. FC Köln.
Der stolze Vater des Enkelchens trug zum Fest seinen neuen Pullover, ein Weihnachtsgeschenk, auch aus dem Fan-Shop, den ich hier mit Rücksicht auf das Recht am eigenen Bild nur ohne Mensch präsentiere:

Die Cousine war nicht amüsiert, das sah man, sagte aber nichts.

Der eigene Sohn nicht nur Fußball-Fan, sondern offenbar auch ein Freund ausgesprochener Geschmacklosigkeiten! Wie konnte das passieren! Wo der Sohn doch aus einem Haushalt stammt, in dem auf Geschmack größten Wert gelegt wird. Wo man keine Dauerkarte für den 1. FC hat, sondern für Theater und Konzert. Wo kein Möbel durch die Haustür kam, das nicht in einem ortsansässigen bekannten Edel-Möbelhaus gekauft worden war, an den Wänden nur echte Kunstwerke von Künstlern, die in jedem Lexikon stehen? Dass bei der Hochzeit des Sohnes ein Schlagersänger aufgetreten war, hatte die Cousine mit Mühe als eine Art postmodernes ironisches Zitat abheften können, vielleicht, hatte sie damals räsoniert, lag es auch am schlechten Einfluss des Schwiegertochter, die ja wohl auch dafür verantwortlich zeichnete, dass der Sohn zweier Atheisten kirchlich geheiratet hatte. Überhaupt, die Schwiegertochter: Sie hatte bei Edeka gearbeitet und den Job sofort an den Nagel gehängt, als das erste Kind in Sicht kam, um sich ganz der Familie zu widmen. Die ist faul, meinte die Cousine damals, erbost, wie eine junge Frau den feministischen Idealen so in den Rücken fallen konnte.
Und der Sohn – ich erinnere mich noch, wie für ihn lange nach dem passenden Gymnasium gesucht wurde, bis die Wahl endlich auf ein altsprachliches Traditionsgymnasium fiel. Schule mit bestem Abitur – dass der Klavierunterricht schon nach kurzer Zeit wegen offenkundig mangelnder Eignung abgebrochen werden musste, war nur ein kleiner Schönheitsfehler. Nein, da konnte die Cousine stolz sein auf ihren Sohn, er studierte dann Maschinenbau und schloss mit einer sehr guten Promotion ab. Aber anschließend: Natürlich war sie wieder ein wenig stolz, dass seine Bewerbung beim ersten Anlauf Erfolg hatte. Bei einem Beratungsunternehmen, ja genau, bei dem berühmt-berüchtigten Beratungsunternehmen, dessen Name so anfängt wie McDonalds. Musste das sein? Schließlich waren Mutter und Vater seit ihrer Studentenzeit Mitglied der SPD, die Cousine zusätzlich Mitglied in diversen Arbeitskreisen, die alle irgendwie ein „kritisch“ im Namen trugen. Und der Sohn arbeitet beim Klassenfeind! Wenn er das viele Geld, das er da verdient, wenigstens in hochwertige Kleidung investieren würde, mal zu dem Herrenausstatter gehen würde, bei dem sein Vater immer eingekauft hat. Aber nein, der Sohn trägt Anzüge nur, wenn er muss; sonst mag er es lieber ein wenig zu einfach, ein wenig zu schlampig, ein wenig zu bunt – kurz: ein wenig zu geschmacklos. Oder erheblich zu geschmacklos, wie der FC-Fan-Weihnachtspullover.

Kloster Schwarzenbroich: Ruinöse Ruine

Wieder im Wald rumgelatscht, diesmal nicht bepackt mit einem Stativ, sondern mit einem Verpflegungsrucksack. Auf der Suche nach einer Ruine, die dann tatsächlich am Ende eines Matschweges auftauchte. Genauer: Ein paar Grundmauern und wenige malerisch eingewachsene größere Wandreste.

Seit Jahrhunderten verfallen und überwuchert? Nein, das Kloster war zwar 1944 schon lange leerstehend, aber den Rest haben ihm die Kämpfe am Ende des 2. Weltkrieges und die Bewohner der Dörfer ringsum gegeben, die auf der Suche nach kostenlosem Baumaterial waren.

Jedenfalls: Ruine fotografiert, Verpflegungsrucksack geleert, Mission erfolgreich.

Verlorene Energie

Schwester und Schwager machen es schon seit über 10 Jahren und auch ich musste einsehen, dass Gartenarbeit und Radfahren nicht genug sind, wenn es darum geht, seinen Rücken fit zu halten.

Was tun? Warum nicht zum dörflichen Turn- und Sportverein? Das kostet nicht viel und zur Turnhalle sind es nur ein paar 100 Meter. Immer dienstags um 19:00 Uhr, meinte der Schriftführer das Sportvereins freundlich, Anmeldung unnötig, einfach vorbeikommen, ausprobieren, Formalitäten erst später, wenn ich dabei bleiben will. Prima, dachte ich und stand um 19:00 Uhr vor der Halle. Die anderen waren schon drin, sie gingen im Kreis zwecks aufwärmen. Ja, die Übungsleiterin komme gleich, ich solle einfach mit im Kreis gehen.

Kein Problem. Mit 20 Mitturnern ging ich im Kreis. Drei Männer, 17 Frauen, alle so 50+, alle gingen im Kreis und quatschten. Wenn das Gespräch zu interessant war, blieben sie auch mal stehen. Faules Volk, dachte ich und drehte meine Runden ohne Pausen und ohne Abkürzungen. Endlich kam unsere Trainerin, entschuldigte sich für die Verspätung. Die musste bestimmt noch ihre Hühner füttern, meinte die Frau vor mir.
Nun ging die Leiterin mit im Kreis, gab Anweisungen wie Arme ausstrecken, Arme hoch. Ist ja arg seniorenmäßig hier, dachte ich und machte alles ganz sorgfältig, schließlich hatte ich ja früher im Winter immer Konditionstraining für Segler gemacht, da war es ganz anders zur Sache gegangen.
Die Übungsleiterin war auch nicht mehr die Jüngste: I love being sexy and over 50 versicherte ihr T-Shirt.
Dazu trug sie eine knallenge schwarze 3/4lange Sporthose und türkisfarbige Gartenclogs, die mit zahlreichen glitzernden Glasbrillianten besetzt waren.

Und schon war die Aufwärmphase vorbei, wir sollten einen Kreis bilden. Lauter lahme Übungen wie auf einem Bein stehen und mit dem anderen eine Acht in die Luft malen. Und immer wieder Pobacken zusammen, Bauch rein und dabei atmen. Erstaunlicherweise wurde mir jetzt tatsächlich warm und ich ertappte mich dabei, wie ich bei einigen Übungen anfing zu pfuschen. Hat man schließlich gelernt, damals, im Turnunterricht.
Die Mitturner waren weiterhin gut drauf und warfen sich lustige Bemerkungen zu. Vor allem zwei, die, wie sich herausstellte, im Elferrat des örtlichen Karnevalvereins waren. Sowas verpflichtet.
Aber allmählich wurden alle stiller, die ersten atmeten hörbar, ich auch.

Drum war ich nicht unfroh, als die dritte Phase begann: Jeder holte sich so eine typische Turnhallen-Matte und durfte sich drauf setzen. Einfach sitzen, Beine spreizen. Die Beine weit spreizen, korrigierte unsere Trainerin eine Frau, worauf von der Spaßfraktion einige Scherze kamen, die ich ob ihrer Derbheit hier nicht wiedergeben möchte. Nur Sitzen, Oberkörper hochziehen, Zehen zur Nase. Wie einfach.
Konnte ich aber nicht, jedenfalls nicht so lange, wie die Trainerin wollte. Also stütze ich mich mit den Armen nach hinten ab. Durfte ich natürlich nicht.

Dann Übungen in Rückenlage. Prima, dachte ich, Liegen ist bekanntlich einfacher als Sitzen. Im Prinzip ja, aber nicht, wenn man wieder und wieder alle möglichen anstrengenden Verrenkungen machen muss. Ich schaute zur Uhr. Mist, noch eine ganze Viertelstunde. Da hilft nichts, dachte ich, die nächste Übung werde ich auslassen. Worüber die Trainerin freundlicherweise großzügig hinwegsah. Immerhin war ich nicht der einzige, der auch die nächsten Übungen nur so ungefähr mitmachte. Aber die meisten, oh Schreck, waren so alt wie ich oder deutlich älter und ebenso deutlich fitter.

Endlich durften wir die Matten wieder zurückgeben. Zuhause angekommen, war ich so fertig, dass ich das Abendessen durch einen halben Liter Tee ersetzt habe, dazu Schokolade. Das bringt verlorene Energie zurück – hat jedenfalls früher die Werbung versprochen.