Archiv der Kategorie: Außerdem

Alles, was sonst nirgends hin passt

Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts

( … weil ich hier alle Bücher vorstelle, die ich gelesen habe … )

Dass ich den „Taugenichts“ noch mal lesen würde, hätte ich auch nicht gedacht. Eigentlich wollte ich nur nachsehen, wie das nochmal gewesen ist mit dem Zolleinnehmer – und da habe ich mich festgelesen.

Hatte ich anders in Erinnerung. Nicht so märchenhaft-unrealistisch. Vielleicht ist es mir früher auch nur nicht so aufgefallen. Aber Eichendorff schafft es ja tatsächlich, die ganze Liebes- und Reiseerzählung in einer Art Paralleluniversum spielen zu lassen. Die Reise geht durch Länder, die Deutschland, Österreich und Italien heißen, aber nicht eben viel mit den tatsächlichen Ländern gleichen Namens zu tun haben.

Eichendorff selbst ist nie in Italien gewesen, als er den „Taugenichts“ geschrieben hat, war er als Beamter im Bildungsministerium in Berlin tätig, Schulrat sozusagen. Aber das erklärt die Sache nicht, schließlich hätte er ja wie Karl May vorgehen können. Wollte er aber nicht. Was er wollte, war, Länder und Menschen zu schaffen, die eher ein Gegenbild zu der gesellschaftlichen Realität darstellen, die ihn um 1830 umgeben hat, als dass sie die realen Gegebenheiten widerspiegeln.

Da gibt es keine beginnende Industrialisierung, keine politischen Auseinandersetzungen, keine Revolution in Frankreich (1830!), der Adel lebt wie in den Zeiten Ludwig XIV., ein aufstrebendes Bürgertum existiert nicht etc. etc.

Der „Taugenichts“ stellt sich damit bewusst quer zu dem, was die Aufklärer von Literatur verlangt und die Vertreter des politischen Vormärz sich auf die Fahnen geschrieben hatten: Gesellschaftliches Engagement, Haltung zeigen im politischen Kampf! So ist den Befürwortern einer engagierten Literatur diese Geschichte, die wie eine Mischung aus komischer Oper und Märchen daher kommt, immer ein Gräuel gewesen.

Aber man mache es sich nicht zu leicht. Adorno, der Eichendorff schätzte, weil zu seinen Kindheitserinnerungen gehörte, wie seine Mutter, eine Opernsängerin, die Gedichte Eichendorffs in den bekannten Vertonungen gesungen hatte, Adorno hat gezeigt, dass auch beim so herzallerliebst-naiv daher kommenden Eichendorff feine Brüche zu finden sind, dass die völlig durchpoetisierte Welt der falschen Gesellschaft einen Spiegel vorhält, in dem das Falsche der Gegenwart radikal deutlich sichtbar wird. Oder so ähnlich.

Macht jedenfalls Spaß, diese Reiseerzählung und Verwechslungskomödie zu lesen.

Das Ende der Schalter-Vielfalt

Wenn der Rentner nichts zu tun hat, sucht er sich Arbeit. Andere sagen dann hinter vorgehaltener oder ganz ohne vorgehaltene Hand: Was der wieder für einen Blödsinn macht …

Der Blödsinn der Woche besteht im Austausch von Lichtschaltern und Steckdosen. Nicht etwa, weil die vorhandenen nicht bestens funktioniert hätten. auch nicht, weil die vorhandenen hässliche Gebrauchsspuren gehabt hätten. Nein, sie passten nur nicht zueinander. Es gab im Haus nämlich diese Schalter:

Ach, sind die schön nostalgisch! Wahrscheinlich so alt wie das Haus, also rund 80 Jahre. Funktionieren auch, nicht alle perfekt, aber mit etwas Gefühl geht das Licht dann an. Leider gibt es die Sorte nicht mehr. Zwar Nachbauten in hoher Qualität zu einem ebenso hohen Preis (ca. 50 € pro Schalter), aber die sind reinweiß und nicht cremeweiß wie die alten. Die bleiben drin. Wär ja doch schade.

Dann diese Sorte, wahrscheinlich aus de 70er Jahren. Die kommen alle raus:

Und werden durch diese Sorte ersetzt:

Die sind wohl eingebaut worden, als 1982 das gesamte Haus von Grund auf renoviert worden ist. Gelten heute schon als Designklassiker und sind, da von einer guten deutschen Marke, immer noch unverändert erhältlich.

Das Vorhaben erwies sich als schwieriger, als der Rentner sich das in seiner Naivität so vorgestellt hatte. Nachdem die Steckdosenleiste in der Küche erneuert war, funktionierte – na so was! – der Kühlschrank nicht mehr, obwohl der doch an einer anderen Steckdose hängt. Da hatte das lila Kabel, das ich abgepitscht habe, doch eine Funktion! Und da die Deckenlampe im Flur sich weigerte, auf die neuen Schalter zu reagieren, lernte ich den Unterschied zwischen einem Kreuzschalter und einem Wechselschalter kennen …

Leider ist der Mensch ein fürchterliches Gewohnheitstier. Kaum sind die neuen Schalter ein paar Tage drin, fallen sie schon gar nicht mehr auf.

Ein weitgereister Hund (Zimmerreise VIII)

Weil ich zum Buchstaben „H“ im Arbeitszimmer nichts gefunden habe, bin ich nach nebenan gegangen. Da hängt ein Foto von Keynes, unserem vor gut einem Jahr verstorbenen Hund.

Keynes war ein weitgereister Hund, nicht freiwillig, denn Hunde sind wohl nicht so reisefreudig. Aufgewachsen ist er in einem Reihenhaus in San Salvador. Keine Ahnung, wie er dorthin gekommen ist, schließlich handelt es sich um einen altdeutschen Hütehund. Dort war der Garten sein Paradies und sein Lebensraum. Sein Lebensraum, denn das (nicht etwa deutschstämmige) Ehepaar, das dort wohnte, hielt ihn als Wachhund, der Haus und Garten nicht verlassen durfte. Dort hat er auch seinen Namen erhalten: Keynes. Um die wirtschaftswissenschaftlicher Allgemeinbildung ist es schlecht bestellt, habe ich im Laufe der Zeit gemerkt, denn kaum jemand weiß, wer der Ökonom John Maynard Keynes gewesen ist, obwohl der (Vulgär-)Keynesianismus gerade wieder groß im Schwange ist in der Politik.

Aber das konnte Keynes egal sein. Nicht egal war ihm, dass das besagte Ehepaar ihn nicht mehr haben wollte, als sie Haus und Garten verlassen haben. So kam Keynes neue Besitzer und durfte fortan auch regelmäßig Gassi gehen, wie Hunde so sagen.

Dann stand ein Umzug ins Nachbarland an, nach Guatemala. Keynes sollte mit, klar. Ach, wer jetzt keine Probleme sieht, der hat die mittelamerikanische Mentalität und Bürokratie noch nicht kennen gelernt. Stapel an Formularen, Impfzeugnissen, beglaubigten Erklärungen mussten herangeschafft werden. Dann waren die Behörden in El Salvador zufrieden. Nicht aber die in Guatemala. Die wollten Impfzeugnisse, Formulare und Beglaubigungen, die es z. T. nur in der Hauptstadt gab. Und alles dauerte, dauerte. Vielleicht warteten einige Beamte nur auf eine außergewöhnliche Zuwendung, jedenfalls waren zum Umzugstermin nicht alle Papiere zusammen.

Die beiden Hundebesitzer lösten die Sache auf die mittelamerikanische Art. Keynes musste für ein paar Kilometer in den Kofferraum.

In Guatemala fand Keynes es prima. Ein Haus mit Innenhof, täglich mindestens ein Bad im See. War auch nötig, denn bei 40 Grad blieb Keynes öfters nur das Hächeln in einer kühlen Ecke.

Dann die nächste Reise. Heim ins Reich des altdeutschen Hütehundes, nach Deutschland. Wieder Papiere, Formulare, alles EU-konform und mehrsprachig. Die Kofferraum-Methode schied aus nahegelegenen Gründen aus, alle Papiere mussten perfekt sein. Der Einfachheit halber bekam Keynes völlig neue Papiere, er war fortan Guatemalteke. Und statt in den Kofferraum kam er in einer XXXL-Transportbox in den Bauch eines Flugzeugs. Leider nicht nur ein paar Kilometer, sondern über 10.000 km lang. War vielleicht nicht so schlimm, denn der Tierarzt hatte ihm gute Drogen gegeben.

Die letzten 6 Jahre war er also im Rheinland. Nicht so heiß, viele Spaziergänge, ich denke, er hatte es gut getroffen. Einmal musste er mit nach Asturien reisen, wo das obige Bild entstanden ist. Hat ihm aber nicht so gefallen. Weder das Reisen noch der Kontakt mit den recht wilden asturischen Hütehunden. Seine Kindheit im Reihenhausgarten ohne Kontakt zu Artgenossen hatte in doch wohl nachhaltig in der Entwicklung gestört.

Er war dann ein ruhiger älterer Herr, der ständig im Vorgarten saß oder mehr und mehr lag und so tat, als ob der das Haus bewachte. Immerhin, der Briefträger hatte Respekt vor ihm.