Archiv der Kategorie: Bücher

Bücher, die ich gelesen habe

Vladimir Nabokov – Pnin

Immer noch auf der Suche nach einem nicht-tragischen modernen Roman, bin ich  auf „Pnin“ gestoßen. Wie schrieb Marcel Reich-Ranicki so schön: „Ein Wunderwerk des Humors …. Ein Jahrhundertroman.“ Hört sich toll an, steht deshalb auch auf dem Umschlag.

Habe mich aber schwer getan mit den 230 Seiten.  Nichts gegen die Formulierkunst und Formulierlust des Autors, auch nichts gegen die ständigen Anspielungen und kleinen Rätsel – obschon es ein wenig nervt, dass man ohne häufige Blicke in den kenntnisreichen Kommentar nicht klar kommt.

Aber ist die Geschichte des Herrn Pnin, des russischen Emigranten, der sich im Norden der USA als Dozent durchschlägt, wirklich so tragfähig? Die ersten 50 Seiten habe ich darauf gewartet, dass endlich eine Geschichte in Gang kommt. Nun gut, ich will nicht sagen, dass gar nichts passiert. Hat man sich bis zum Ende durchgekämpft und lässt das ganze Revue passieren, merkt man, dass Nabokov in den zahlreichen Exkursen und Hin- und Hersprüngen tatsächlich die Geschichte des Herrn Pnin dargelegt hat. Ist auch durchaus humorvoll in seiner Skurrilität, der Russisch-Dozent mit seinem nicht besonders guten Englisch. Aber so eine rechte Lesespannung, so ganz traditionell nach dem Motto: Wie wird es nun weiter gehen, kommt nicht auf.

Es entsteht eher ein Tableau, im die Zustände an einer amerikanischen Universität um 1950 beleuchtet werden und vor allem die Welt der russischen Emigranten. Letztere sind mir richtig sympathisch geworden. Das ist doch was.

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Eckhard Henscheid: Dolce Madonna Bionda

(aus der Reihe: alle Bücher, die ich gelesen habe)

Eckhard Henscheid war für mich bisher nur ein Gerücht. Tatsächlich habe ich ihn bislang mit Robert Gernhardt verwechselt, gut, die waren ja auch befreundet und haben auch mal zusammen ein Buch geschrieben.

Auf Dolce Madonna Bionda bin ich gekommen, weil ich, wie schon mal beschrieben, auf der Suche nach moderner deutschsprachiger Literatur bin, die sich nicht mit dem Scheitern, den Katastrophen und der Apokalypse beschäftigt. Da hat mir jemand diesen Roman empfohlen und ich habe ihn sogar käuflich erworben, für 1,85 € incl. Porto.

Es zeigte sich bald, dass niedrige Antiquariatspreise nicht unbedingt mit der literarischen Qualität korrelieren. Die Geschichte von der süßen blonden Madonna ist sprachlich auf höchstem Niveau, jede Seite strotzt von ungewöhnlichen Formulierungen, Neologismen, Sprachspielen und nie gelesenen Metaphern. Irgendwie verwandt mit dem mittleren Arno Schmidt, also nicht so radikal wie Zettels Traum, aber die Richtung stimmt.

Also über 500 Seiten reines Lesevergnügen? Nun,  an Arno Schmidt erinnert außer die Sprachartistik noch etwas anderes: Vor lauter Vergnügen an der Konstruktion ungewöhnlicher Sprachwelten tritt bei beiden die Story in den Hintergrund. War ja schon beim Übervater der Moderne Joyce und seinem Ulysses so: Es passiert einfach nicht viel. In Dolce Madonna Bionda geht es um einen Mann mittleren Alters, der aufgrund eines im Grunde lächerlichen Indizes davon ausgeht, seine seit 10 Jahren von ihm getrennte Geliebte wolle wieder zurück zum ihm, und der deswegen ein dreiviertel Jahr lang in Bergamo in einem Hotel auf sie wartet. Dass sie nicht kommen wird, ist jedem nach 10 Seiten klar, dass das Warten als solches nicht so gerade der Stoff ist, aus dem man eine spannende Story machen könnte, auch.

Trotzdem: Ich werde noch einen Henscheid lesen, allerdings einen Roman unter 500 Seiten.

Stefan Andres: Der Knabe im Brunnen

Als mir das Buch im öffentlichen Bücherschrank begegnet ist, klingelte irgendwas. Woher kam mir der Titel bekannt vor? Wahrscheinlich, glaube ich inzwischen, hat es bei meiner Mutter im Bücherschrank gestanden. Das würde gut passen, denn Stefan Andres war in den 50ern ein Bestsellerautor und „Der Knabe im Brunnen“ einer seiner größten Erfolge.

Nach den ersten 20 Seiten habe ich das Buch dann wieder weggelegt. Oh Mann, jemand, der beschreibt, was er als Baby empfunden hat, als er sich die Welt aus der Baby-Wiege aus angesehen hat. So ein Schmarrn. Gut, es handelt sich ja um einen autobiografischen Roman und nicht um eine Autobiografie, da darf man so was als Autor.

Wochen später habe ich dann mittendrin angefangen und fand es ganz amüsant, wie er beschreibt, was so um 1910 in seinem kleinen Dorf für ein Aufstand gemacht worden ist, weil der Kaiser höchstpersönlich durch das Dorf gefahren ist. Ewig lange Vorbereitungen, und dann: Schwupps, schon war die Autokolonne vorbei. Die Beschreibung der Atmosphäre in diesem Dorf um das Jahr 1914 ist dem Autor schon recht eindringlich gelungen. Ich musste da öfters an meinen Vater denken, der nur wenig älter war als Stefan Andres und der diese Zeit auch auf dem Dorf erlebt hat, die Kaiserbegeisterung, die Kriegsbegeisterung, eine Art Massenhysterie, die ganz einfach jeden ergriffen hatte, auch die  Intellektuellen, die später auf Pazifismus umgeschwenkt sind und so getan haben, als ob sie schon immer dagegen gewesen wären, wie mein Vater öfters bitter bemerkte.

Das ganze hat einen eher heiteren Ton, aber dieser heitere Ton vermag nicht darüber hinweg zu täuschen, dass in diesem Dorf eine bedrückende geistige Enge geherrscht hat, bedrückender vielleicht noch als die allgegenwärtige materielle Armut.

Es fällt mir schwer, richtig zu formulieren, was mich gestört hat. Ich glaube, es ist die Erzählperspektive. Der der Autor lässt einen, wie es fachmännisch heißt, situationsunterlegenen Erzähler sprechen; das heißt, er lässt den Knaben, dessen Leben er beschreibt, zu Wort kommen, nicht im Rückblick, sondern jeweils aus der Situation heraus, eine Situation, die der Knabe mit seinem beschränkten Horizont gar nicht im Griff hat. Andererseits aber lugt überall der Autor heraus, der die Sachen halt so auswählt und dem Knaben und den anderen Figuren genau das in den Mund legt, was er aus seiner überlegenen Perspektive für richtig hält. Oder anders gesagt: Ich hatte manchmal das Gefühl, dass Stefan Anders zwar angeblich ein Kind sprechen lässt, dass aber das, an was sich dieses Kind angeblich erinnert, nur das ist, was der erwachsene Stefan Andres gerne hätte. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass Stefan Andres sich über die Nöte des kleinen Stefan lustig macht. Gefällt mir nicht.