Archiv der Kategorie: Bücher

Bücher, die ich gelesen habe

(und noch eins:) Arno Schmidt – Aus dem Leben eines Fauns

Noch ein Buch von Arno Schmidt. „Aus dem Leben eines Fauns“ ist für Arno-Schmidt-Verhältnisse einfach zu lesen und es hat sogar – für Arno Schmidts Werke nicht selbstverständlich – eine ausgeprägte Spannungskurve.

Ein Kurzroman, der meiner Meinung nach viel zu wenig Beachtung gefunden hat und findet. Denn es handelt sich um einen Text, der sich mit der Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges beschäftigt. Nun wird man einwenden, dass wahrlich genug Romane und Erzählungen geschrieben worden sind, die diese Zeit zum Thema haben.

Aber Arno Schmidt hat einen ganz besonderen Blick: Er beschreibt in den ersten Teilen des Romans – wie immer mit autobiografischen Zügen – wie das „normale“ Leben im Nationalsozialismus ausgesehen hat. Nicht plakativ, nicht moralisierend, sondern einfach genau beobachtend, wie die Leute sich auf der Arbeitsstelle und im häuslichen Alltag verhalten haben.

Die Schilderung des alliierten Angriffs auf die nahegelegene Munitionsfabrik 1944 dann ist die sprachlich und sachlich eindrucksvollste Beschreibungen der Wirklichkeit des Krieges, die ich kenne.

„Aus dem Leben eines Fauns“ hat auch Schwächen, wie etwa Schmidts immer wieder pubertär anmutende Schilderung seines Verhältnisses zu einer jungen Frau. Trotzdem habe ich es gerne wiedergelesen und mir direkt noch ein Buch von Arno Schmidt bestellt.

(Bildungslücke geschlossen:) Heinrich von Kleist – Die Marquise von O ….

Beim Aufräumen gefunden: Eine ganz kleine Ausgabe der „Marquise von O….“ aus dem Hyperion-Verlag, der bis heute auf solche Miniatur-Bücher spezialisiert ist. Feldpostausgabe, aber irgend jemand hat das Bändchen später in Leder gebunden, was freilich nicht verhindert hat, dass das Ding aus dem Leim geht.

Und weil Windows mal wieder ewig gebraucht hat, um das neueste, angeblich unbedingt nötige Update zu installieren, habe ich angefangen, die Novelle zu lesen. Noch einmal zu lesen, dachte ich, aber schon auf der ersten Seite ist mir aufgefallen, dass ich den Text gar nicht kenne. Nun, lang ist das Werk nicht, und so war ich mit der Lektüre fertig, bevor Windows nach dem dritten, vierten oder fünften Neustart endlich verkündete, die Installation sei jetzt fertig.

Bildungslücke, sicherlich steht die „Marquise“ auf den Listen mit unbedingt zu lesenden Klassikern, die den Germanistik-Studenten so in die Hand gedrückt werden. Aber Anfang der 70er Jahre bekam man an der Universität Bonn zwar täglich eine Unmenge von politischen Flugblättern in die Hand gedrückt, aber keine Literaturliste.

Nun ja, spannend ist die unglaubliche Geschichte der jungen Frau, die ohne ihr Wissen (oder hat sie es verdrängt?) geschwängert wird, ja tatsächlich bis auf die letzte Seite. Aber ansonsten eignet sich das Werk eher dazu, zu zeigen, welche von heute aus gesehen verschrobenen Vorstellungen von Ehre und Anstand es damals gegeben hat. Oder auch nicht, denn korrekterweise müsste man sagen: Welche Vorstellungen von Ehre und Anstand Kleist in seine Novelle hinein gepackt hat.

(Ausgelesen:) Hans Magnus Enzensberger – Ach Europa!

Dass dieses Buch – leinengebunden, über 500 Seiten, Suhrkamp-Verlag – in einwandfreiem Zustand von verschiedenen Anbietern über Booklooker für unter 1 Euro verscherbelt wird, zeigt nur, in welch desolatem Zustand der Antiquariatsmarkt angelangt ist. Mit der Qualität von „Ach Europa!“ hat der Preis nichts zu tun.

Zwar ist es nicht gerade aktuell, die hier versammelten Reiseberichte sind vor gut 35 Jahren entstanden. Aber sie zeigen auch heute, wie ein Könner wie Enzensberger an das Genre „Reisebericht“ herangeht. Er selbst spricht nicht von „Reiseberichten“, sondern von „Wahrnehmungen“, Wahrnehmungen aus 7 europäischen Ländern von Schweden und Norwegen über Italien, Spanien und Portugal bis zu Ungarn und Polen.

Das ist stilistisch brilliant, nie wiederholt er die gleiche Methode. An jedes Land geht er anders heran. Das einzige verbindende Element sind Gespräche mit den jeweiligen Bewohnern – und dass er immer unterschiedlichste Stimmen zu Wort kommen lässt.

Das noch kommunistische Polen der 80er Jahre hat er sehr treffend eingefangen, die Städte, aber gerade auch das Leben auf dem Lande. Das alles deckt sich ziemlich genau mit den Beobachtungen, die ich bei zahlreichen Aufenthalten in Polen um 1990 gemacht habe. Und er arbeitet gut heraus, was die (oder viele) Polen bis heute umtreibt und was in Deutschland immer wieder für Kopfschütteln sorgt. Ähnlich bei Ungarn: Auch hier wird sich Enzensberger nicht über die Wahl von Viktor Orbán gewundert haben.

Die Ausführungen über Spanien dagegen etwas enttäuschend, obwohl die die baskischen Freiheitskämpfer ebenso wie die stolzen andalusischen Stierzüchter mit der üblichen Genauigkeit beobachtet worden sind. Wahrscheinlich ist der Grund für meine Enttäuschung nur, das „mein“ Spanien, die Welt der asturischen Berge und Strände, gar nicht vorkommt.