Archiv der Kategorie: Bücher

Bücher, die ich gelesen habe

Marion Gräfin Dönhoff: Kindheit in Ostpreußen

(… weil ich hier alle Bücher vorstelle, die ich gelesen habe ….)

Das Buch stand bei meiner Mutter im Bücherschrank. Sie stammte ja selbst aus Ostpreußen, hatte ebenso wie Marion Gräfin Dönhoff dort eine offenbar glückliche Kindheit verbracht. Außerdem war Gräfin Dönhoff fast genau so alt wie meine Mutter und ist auch fast genau so alt geworden, war auch als einziges Mädchen in einer Jungenschule, dann zwecks Studium weit von der Heimat entfernt in einem sogenannten „Pensionat“ untergebracht. Mit jungen Jahren fand sie sich wie meine Mutter kriegsbedingt plötzlich als Gutsleiterin wieder und hat dann fast am gleichen eiskalten Wintertag das Familiengut verlassen, ebenfalls eine Flucht auf eigene Faust. Meine Mutter sprach immer mit Hochachtung von der Gräfin, wie sie überhaupt ein Faible für Adlige hatte. Mein Vater unterließ es dann fast nie, zu erwähnen, dass man Marion Gräfin Dönhoff früher die „rote Gräfin“ genannt hat.

Als meine Mutter gestorben ist, habe ich solche Bücher aussortiert. Jetzt sind mir die Kindheitserinnerungen der Gräfin Dönhoff zufällig über den Weg gelaufen. Einwandfreier Zustand, offenbar ungelesen, trotzdem nicht verkäuflich, denn so was will niemand mehr haben.

Dabei fand ich die Lektüre schon lohnend, wenn ich auch noch immer nicht behaupten kann, ich könnte jetzt diese unbegreiflich fremde Welt irgendwie verstehen. Ich bin einmal in Ostpreußen gewesen, 1974, also noch zu kommunistischen Zeiten, am Meer, in den Wäldern, bis zur russischen Grenze, habe auch Kahlberg besucht, den von meiner Mutter geliebten Badeort am Haff, wo die Familie in der Ferienvilla des Onkels den Sommer zu verbringen pflegte – was so schön dort sein soll oder gewesen sein soll, kann ich allenfalls erahnen.

Aber diese Erinnerungen enthalten auch interessante Details, beispielsweise zur Kindererziehung, dass in dem riesigen Schloss kein Platz für Kinderzimmer war (sie waren in kleinen niedrigen Räumen unter dem Dach untergebracht) oder dass man sich bei Frühstück zwischen Butter und Marmelade entscheiden musste, beides zusammen wäre bei Grafens unangemessener Luxus gewesen.

Franz Werfel: Der Stern der Ungeborenen

(… weil ich hier über alle Bücher berichte, die ich gelesen habe ….:)

Warum dieser Roman „Der Stern der Ungeborenen“ heißt, habe ich nicht begriffen, obwohl ich die vielen, vielen Seiten bis zur letzten durchgelesen habe. Denn die Geschichte spielt nicht auf irgendeinem Stern, sondern auf der Erde, und die Menschen, die darin vorkommen, sind weder ungeboren noch unsterblich. Vor allem der Erzähler nicht, den es auf geheimnisvolle Weise nach seinem Tod in eine ferne Welt verschlägt. Nach seinem Tod: Das heißt nicht, dass der Erzähler als Unsterblicher jetzt in der fernen Zukunft lebt. Er hat vielmehr sozusagen drei Tage Urlaub aus dem Totenreich bekommen, um – ohne das er begreift, wie es ihm geschieht – die Erde im Jahre 60.000 (oder so) zu erkunden. Entsprechend heißt der Roman auch im Untertitel „Ein Reisebericht“.

An Fantasie mangelt es dem Autor nun wirklich nicht, entsprechend fallen seine Schilderungen der zukünftigen Erde aus. Es ist eine Art spirituelles Paradies, in das es den Erzähler verschlagen hat. Das Materielle ist gegenüber dem Geistigen weit in den Hintergrund gerückt. Die kräftigen Farben, die auf dem Umschlag zu sehen sind, passen keineswegs, denn die ganze Erde ist von grauem Rasen bedeckt, alles zart, duftig wie ein dünner Schleier. Selbst der strengste Veganer wäre in dieser Welt jemand, der allzu dem Grob-Materiellen verhaftet ist. Dort ernährt man sich von winzigen Mengen eines Substrats. Zwei bis drei Fingerhüte am Tag reichen vollkommen. Alle sind völlig durchgeistigt, auch die Kleidung gleicht mehr einem Spinngewebe. Man geht mit ungeheuerlicher Höflichkeit miteinander um, vermeidet jedes Wort, das den anderen auch nur im Geringsten aus seiner gleichförmig-meditativen Gelassenheit aufschrecken könnte.

Dass diese Idealgesellschaft so ideal nun auch wieder nicht ist, macht den Hauptteil des Romans aus. Vor allem die scheinbar so ideale freiwillige Euthanasie entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eine vor den Menschen sorgfältig verborgene grausame Angelegenheit. Diesem Ausflug in die Welt des industriellen Tötens entkommt der Erzähler nur mit knapper Not.

Werfel hat das Erscheinen dieses Werkes im Jahr 1946 nicht mehr erlebt. Wenn man bedenkt, dass man „Der Stern der Ungeborenen“ auch als eine Auseinandersetzung mit dem Tod lesen kann, liegt der Gedanke nahe, dass der Autor, der 1943/44 im sonnigen Kalifornien an diesem Buch gearbeitet hat, schon ahnte, dass er seine immer schlimmer werdende Angina Pectoris nicht mehr lange überleben würde.

Johann König – Blinder Galerist

Nach einer Reise nach Berlin und einem Besuch in der Galerie König jetzt die Autobiografie des immer noch jungen Galeristen (Jahrgang 1981) gelesen. Ein Nachmittag auf dem Heizkissen wegen Hexenschuss – und schon war das Buch ausgelesen.

Interessante Einblicke in die Kölner Kunstszene der 80er Jahre, als Kind haben die Königs in dem Haus der Buchhandlung König in der Ehrenstrasse gewohnt, nur 100 Meter von unserer Buchhandlung entfernt, und der Onkel von Johann König, Walther König oder seine Mitarbeiteer haben freundlicherweise die Pakete, die in den frühen Morgenstunden für unsere Buchhandlung vom Großhändler angeliefert wurden, entgegengenommen.
Eine glückliche Kindheit, in der Familie drehte sich (fast) alles um Kunst, dann der schreckliche Unfall, durch den Johann König fast völlig erblindet ist, jahrelangen Operationen und Therapien, ein ewiges auf und ab, Jahre in einem Blindeninternat, schließlich, sozusagen gleichzeitig mit dem Abitur in der Blindenschule, die Gründung einer eigenen Galerie in Berlin-Mitte, die heute zu den großen Playern im internationalen Kunstmarkt zählt.

Als wir in Berlin waren, waren wir (wieder) in der Galerie, die nicht mehr in Mitte, sondern am Rande von Kreuzberg liegt, und zwar in einer umgebauten Kirche, die um 1960 im Beton-Stil errichtet worden ist. Sehr, sehr eindrucksvolle Räume, jede Menge Mitarbeiter, ein Skulpturengarten, alles vom Feinsten.
Die aktuelle Ausstellung dort habe ich zuerst überhaupt nicht verstanden, fand sie schon ein wenig ärgerlich, weil ganz offenbar nach dem Motto „Nicht kleckern, sondern klotzen“ konzipiert. Nichts dort ist für den Normalbürger; auch wenn er mal kurz 50.000 oder 100.000 Euro auf den Tisch legen könnte, würden den allermeisten die Räume fehlen, um die Objekte auszustellen.
Kunst für Großsammler und Museen oder für Großsammler mit eigenen Museen. Da wird das große Rad gedreht und Johann König dreht eifrig mit, ein Dienstleister für die mit den ganz großen Vermögen, ein verwöhntes und übersättigtes Publikum, dem immer etwas Neues, etwas besonders Spektakuläres geboten werden muss, wie eben in der jüngsten Ausstellung ein großes, eigens für die Ausstellung angefertigtes Zirkuszelt, das den ganzen großen ehemaligen Kirchenraum einnimmt und in dem dann die Werke der Künstlerin zu sehen sind.
Aber im Grunde war das immer so. Nur dass die Sammler heute nicht mehr de` Medici oder Heinrich Thyssen heißen und in der Toskana oder in Lugano wohnen, sondern in Miami, Abu Dhabi und Shanghai ….