Archiv der Kategorie: Garten und Natur

Handgepflückt und handverlesen

Schwarze-Johannisbeer-Marmelade. Handgepflückte und handverlesene Früchte in Bio-Qualität, schonend erhitzt und handgerührt: Eine Köstlichkeit. Ab in den Einkaufskorb damit.
Ach, liebe Landlust-Leser und Bio-Feinkost-Käufer, tue ich euch unrecht, wenn ich vermute, dass 99% von euch die Handarbeit, die ihr so schätzt, euren eigenen Händen keineswegs zumuten würden?

Dass die Gartenecke, in der sich die Johannesbeersträucher befinden, seit langem niemand mehr betreten hat, hat allerlei Tiere erfreut. Nicht nur die Amseln, die sich eher lustlos schon mal die eine oder andere Beere schnappen, sondern viele Spinnen, diverse Wanzen, Ameisen und natürlich Blattläuse, die sich über die Triebspitzen hermachen und ihre Exkremente verteilen. Mutig ran ans Werk! Das eine oder andere Insekt zerquetscht man beim Fruchtpflücken zwischen den Fingern. Vielleicht war es auch nur eine überreife oder faule Beere? So genau weiß man das nicht, so genau will man das auch nicht wissen, das Körbchen füllt sich ohnehin nur quälend langsam, denn schwarze Johannisbeeren bilden leider nicht so schöne lange Trauben wie die roten, sondern bevorzugen ein Dasein als Single oder in Kleinfamilien.

Die Früchte landen im Wasser. Diverse Krabbeltierchen, deren Namen der Insektologe kennen mag, bewegen sich zwischen und auf den Johannisbeeren. Artenvielfalt, wie sie nur der Naturgarten bietet. Bald schwimmen die Insekten oben. Eine kleine grüne Wanze will über den Rand des Topfes entfliehen. Ich helfe ihr mit einem leichten Schwupps, sie läuft schnurstracks in ein Spinnennetz. Ein Spinnennetz direkt über der Spüle? Heute ist Marmeldenkochtag, Putztag ist erst Montag.
Die schwimmenden Krabbeltierchen werden abgeschöpft und in den Ausguss befördert, die Früchte haben jetzt sauber zu sein. Dass die Blattläuseexkremente wasserlöslich sind, davon gehen wir einfach aus.

Die nassen Früchte werden von den Stielen befreit und dabei handverlesen. Das wird, je weiter die Arbeit fortschreitet, eine immer matschigere Angelegenheit. Wohl dem, der jetzt nicht an seine im Nagelstudio sorgfältig aufgebauten Fingernägel denken muss! Ganz Hartgesottene naschen von den Beeren. Der durchschnittliche Marmeladenkocher aber träumt eher von einem Stück Camembert, erst recht dann, wenn das ganze mit ordentlich Zucker vermischt zum Kochen gebracht wird. Sprudelnd kochen! Wenn rot-schwarze Beeren-Zucker-Tropfen aus dem Topf spritzen, kocht es gerade richtig! Wer Wert darauf legt, dass seine Küche aussieht wie ein steriles Labor, bekommt jetzt die Krise. Auch der Moment, wenn etwas von dem kochenden Zuckerbrei knapp am zu befüllenden Marmeladenglas vorbei geht, kann Sensiblen die Laune trüben.
Ist der Topf leer und sind alle Gläser glücklich gefüllt, hat der Duft des kochenden Zucker-Früchte-Breis auch die oberen Räume erreicht. Mitbewohner werden in die Küche gelockt. Oh! Das sieht aber lecker aus! Dann verschwinden sie schnell wieder aus der Küche.

Blattläuse vertilgen ohne Gift

Auf den Apfelbäumen haben sich die Blattläuse breit gemacht. Zuerst habe ich gedacht, dieses Jahr kämen weniger, aber dann, sozusagen über Nacht, saß alles voll. Die Triebspitze auf dem Bild sieht noch harmlos aus, anderen haben die Blattläuse so zugesetzt, dass sie fast abgestorben sind.

Das Internet weiß Rat. So scheint es. Aber die Tipps, die da in unterschiedlichsten Quellen verbreitet werden, scheinen mir alle daneben zu sein.

Mit einem scharfen Strahl absprühen hilft bestimmt, wenn es nur wenige sind und man nur ein kleines Bäumchen hat. Ob die Läuse nicht bald wieder da sind, weil die Ameisen nicht auf sie verzichten wollen, ist die Frage.

Brennnesseljauche, Rhabarberbrühe, Rainfarnbrühe sind die nächsten Tipps der Leute, die sagen: Chemie in meinem Garten? Kommt nicht in Frage…

Fangen wir mit dem Rainfarn an. Wir sind heute 9 km über Felder und am Waldrand bis zum nächsten Dorf spaziert – selbst wenn ich allen Rainfarn, den ich unterwegs gesehen habe, abgerupft hätte, hätte das allenfalls für einen Baum gereicht. Der Rainfarn ist zu der Jahreszeit noch klein, Blüten kommen erst viel später.

Brennnesseljauche ist eine ziemlich eklig stinkende Angelegenheit. Brennnesseln könnte ich genügend auftreiben, den Gestank hab ich auch schon mal verkraftet, nur die Nachbarn haben sich beschwert. Was aber die Keine-Chemie-in-meinem-Garten-Fraktion nicht weiß oder nicht wissen will: Die Herstellung einer Jauche ist selbstverständlich ein chemischer Prozess. Und das Ergebnis ist eine giftige Brühe. Wäre sie das nicht, könnte sie gegen die Blattläuse nichts ausrichten. Welche Insekten sonst noch durch die „natürliche“ Giftbrühe umgebracht werden, fragt kein Mensch, oder fast keiner, denn ein Forschungsbericht des Bundesumweltamtes hat schon 1995 festgestellt: „Brennesseljauche, ein vielgepriesener Naturstoff, ist ein völlig unkontrollierbares Gemisch, das
wiederum hochtoxische Fäulnisprodukte in wechselnder Konzentration und Zusammensetzung enthalten kann.“

Rhabarberbrühe hat auch so seine Probleme. Erstens müsste ich noch ein paar Bekannte mit Rhabarber im Garten bitten, mir Blätter zu geben. Zweitens aber gilt das Gleiche wie bei der Brennnesseljauche. Wenn das Zeugs nicht giftig wäre, würde es nicht helfen. Im Fall des Rhabarbers ist es die Oxalsäure, die bekanntlich in Blättern und Stängeln steckt und die auch für den Menschen nicht so arg gesund ist. Den höchste Gehalt an Oxalsäure weisen, wer hätte es gedacht, die Blätter auf. Menschen können das verkraften, Insekten nicht. Ob Oxalsäure bienenfreundlich ist, darüber habe ich nichts gefunden.

Dann noch ein ganz heißer Tipp der Keine-Chemie-in-meinem-Garten-Fraktion: Bohnenkaffee auf die Bäume sprühen. Na prima. Dass es sich bei Koffein um ein Nervengift handelt, dürfte bekannt sein. Klar, Menschen – die meisten jedenfalls – vertragen eine Menge von diesem Nervengift. Läuse brauchen nur eine kleinere Dosis, andere Insekten auch. Jemand, der das gerne etwas plakativ ausdrückt, hat mal gesagt: Wenn Kaffee heute von einer Firma auf den Markt gebracht werden würde, würden sofort die entsprechenden Kontrollstellen einschreiten. Das Zeug ist, auch über das Koffein hinaus, voller Inhaltsstoffe, deren Gefährlichkeit z.T. heftig umstritten ist. Und wieder: Was der Mensch verträgt, ist für Tiere und Insekten noch lange nicht gesund. Ob das Gift nun aus der Natur oder aus dem Chemielabor kommt, spielt dabei keinerlei Rolle. Im Gegenteil: Gifte aus dem Chemielabor sind standardisiert und überprüft. Bei Kaffee gibt es einige Hinweise, dass dieses „natürliche“ Gift nicht nur die Tiere umbringt, die der Gärtner nicht in seinem Garten haben will. Alles andere wundert nur den, der meint, alles, was aus der Natur kommt, ist gut und gesund.

Kurzum, ich habe mich für eine Methode entschieden, die ein wenig eklig war. Ich habe die befallenen Blätter mit den Fingern abgezwackt und in die braune Tonne verfrachtet. Die Triebspitzen sehen jetzt allerdings ziemlich gerupft aus: