Archiv der Kategorie: Geschichten

Die Bilder zu meinem nebenstehenden Erzählungsband, den „unerotischen Sexgeschichten“, stammen von Hans-Jürgen Küster. Es handelt sich nicht um Illustrationen im engeren Sinne, ja, sie sind nicht einmal speziell für diesen Erzählungsband angefertig worden.

Sie sind mir sozusagen über den Weg gelaufen, ein glückliches Zusammentreffen.  Denn als Hans-Jürgen auf seiner Buchalov-Freunde-Tour 2014 auch bei uns vorbeigekommen ist und seine große Tausch-Kiste ausgepackt hat, da fiel mein Blick auf diese Zeichnungen: Genau, das wär’s doch! Und das ist es tatsächlich – der Meinung bin ich jetzt, wo nach einer absolut unkomplizierten Zusammenarbeit alles fertig ist, immer noch. Der eine oder andere mag die Zeichnungen für etwas sperrig halten – – – ok. – so soll es auch sein!
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Der Raub der Zinkwanne

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Die Diebe müssen gekommen sein, als wir Massive Attack hörend auf dem Sofa saßen und eine selbst importierte Flasche baskischen Rotweins probierten. Der Wein rann schlecht die Kehle herab, ein knorrig-Harter Tropfen. Obwohl im Lande der Basken doch Bananen und Palmen wachsen. Doch so scheinen es die Baken zu mögen: ungeschönte Härte. Würden sie sonst 9,59 € für so eine Flasche auf den Tisch legen, und zwar nicht in einer Touristen-Nepp-Bude, sondern im Eroski, des Basken liebster Supermarkt, in dem ich mich immer frage, ob er Ero-Ski oder Eros-Ki ausgesprochen wird. Aber das tut im Moment nichts zur Sache.

Wichtiger ist schon, dass „Blue Line“ von Massive Attack lief, als draußen die Zinkbadewanne verschwunden sein muss. Aus diesem Detail nämlich mag der Leser die Wahrheit der Geschichte erschließen. Dass nämlich Massive Attack ertönt, während draußen eine massive Attacke gegen das Eigentum eines braven Eigenheimbesitzers vonstatten geht, das wäre doch allzu platt erfunden. Nein, die genannte Musik, die ich nicht besonders mag und von der ich gar nicht weiß, wieso sie an diesem späten Abend in den CD-Player geraten ist, drang so laut und gewaltig aus den Boxen, wie es der Name der Band verspricht.

Deshalb hätten wir auch dann nichts gehört, wenn den Dieben die Wanne laut scheppernd auf den Boden gefallen wäre. So ahnten wir nichts, bis zu dem Moment, wo der Hund deutlich machte, er müsse mal raus. Vielleicht war das auch nur seine Art, klar zu machen, dass er nicht auf massiven Krach steht, denn bekanntlich können sich Hunde nicht die Ohren zuhalten. Draußen lief der Hund schnurstracks zur Linde und bellte ins Dunkel. Hör auf, du Idiot, rief ich, worauf er auf der dunklen Wiese verschwand.

Da ist es mir aufgefallen: Die Zinkbadewanne – die ich hier im Blog schon gewürdigt habe – war nicht an ihrem Platz neben der Linde. Im Gartenschuppen war sie auch nicht. Hund und ich gingen wieder rein. Die Zinkbadewanne ist weg, rief ich gegen die immer noch massive Lautstärke an. Sie stand auf und schaute selbst nach. Einbrecher, sagte sie. Scheint so, bejahrte ich, obwohl mir zwei Einwände durch den Kopf gingen. Erstens könnte es sich ja auch um Frauen handeln. EinbrecherInnen oder, noch korrekter, Einbrecher*Innen hätte es heißen müssen. Und zweitens: Die mutmaßlichen Einbrecher*Innen brauchten gar nichts zu brechen, nur über den niedrigen Zaun steigen, weshalb wohl die Bezeichnung mutmaßliche Dieb*Innen angebrachter gewesen wäre.

So ein Mist! Die schöne alte Wanne! Bestimmt dieser Schrotthändler, rief sie, sonst kann doch niemand was damit anfangen! Schrotthändler*Innen, dachte ich, sagte aber nichts. Wir blickten uns mit einer vielsagenden Mine an: Diesen südundoderosteuropäischen Typen ist sowas zuzutrauen Einfach mal über den Zaun greifen, und wenn es jemand merkt, dann sagen sie: „Kein Schrott? Habe gedacht, ist Schrott, kann mitnehmen.“ Na ja, die Wanne war schon was verrostet und stand eigentlich nur rum, versuchte ich die Lage zu entspannen. Diese Arschlöcher, beharrte meine Partnerin, was freilich auch nicht weiter führte.

Der Platz neben der Linde blieb leer, die Musik wurde ausgeschaltet. Sollten wir, durch den Raub der Zinkwanne um die Genussfähigkeit gebracht, den Wein in den Kühlschrank stellen und zur Zahnpaste wechseln? Oder den Rest runterkippen im Vertrauen auf die bekannten Fähigkeiten des Alkohols? Wir entschieden uns für letzteres und schliefen wenig später auf dem Sofa ein.

Am nächsten Nachmittag tauchte die Zinkbadewanne wieder auf. In der alten Dusche im Keller stand sie. Da gehört sie nun wirklich nicht hin, da waren wir uns einig. Ich wusste direkt, wer die Wanne in den Keller geschleppt hatte: Ich, vor dem Urlaub, damit sie nicht geklaut wird. Aber ich sagte nichts und überlegte, was ich dem Schrotthändler auf die Straße stellen könnte. Als Entschädigung.

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Selbstaussperrer

Kurz noch bei der Nachbarin das Paket abholen, den leckeren Tarrazu-Kaffe aus Costa-Rica, den es frisch geröstet nur im Internet gibt, dann zurück an die Arbeit: Glashaus-Putzen. In der einen Hand das Paket, in der anderen den Schlüssel, doch leider den falschen. Mit dem Schlüssel komme ich nur in den Garten und in den Anbau, aber nicht ins Haupthaus.

Alle Fenster zu, die Zwischentür auch, Kellerfenster auf, aber vergittert. Man weiß ich schließlich gegen das Eindringen von Unbefugten zu schützen. Leider auch gegen das Eindringen des schlüssellosen Befugten. Keine Chance.

Ich setze mich im Anbau auf das Sofa. Das Haushalts-Portemonnaie habe ich dabei und das Smartphone. In einer Tasche findet sich auch noch der Briefkastenschlüssel, der naturgemäß nicht weiter hilft. Mit dem Smartphone könnte ich meine Mitbewohnerin anrufen, die mit Auto und Haustürschlüssel den ganzen Tag in Sachen Kunst unterwegs sein wird. Tue ich aber nicht, denn den Schlüssel bekomme ich auf diesem Weg nicht, eher eine Strafpredigt oder Mitleid wegen meiner Trotteligkeit oder beides. Bringt nichts, also an die Arbeit.

Das Glashaus wird in strömendem Regen so sauber geputzt, wie es seit mindestens 5 Jahren nicht mehr war. Anschließend ist der Gartenschuppen dran. Dann könnte ich noch die Galerieschienen abmontieren, einen geeigneten Kreuzschlitzschraubenzieher leihe ich vom Nachbarn (dem ich vorsichtshalber nichts von meiner misslichen Lage erzähle), die kurze Leiter steht im Gartenschuppen. Die kurze Leiter erweist sich freilich als zu kurz, die längere befindet sich im mir verschlossenen Keller. Jetzt könnte ich noch ein wenig Unkraut jäten, aber es regnet immer noch. Keine Arbeit mehr, aber man muss ja auch nicht immerzu arbeiten. Ich setze mich mit dem Smartphone aufs Anbau-Sofa. Keine WLAN-Verbindung, schade. Übers Mobilnetz wird das Surfen im Internet für mich als Prepaid-Kunde auf die Dauer arg teuer. Außerdem bekomme ich Hunger.

Drinnen liegt alles bereit für eine leckere Gemüsesuppe. Mir als Selbstaussperrer bleibt als Trost nur das Haushalts-Portemonnaie, die Nähe des ALDI und ein Damenschirm: grün mit gelben Blüten. Derart ausgestattet gehe ich durch den Regen zum Supermarkt und geselle mich zu den anderen Samstagsmittags-Einkaufswilligen. Nach langem Suchen – im ALDI-Markt ist es schön trocken und warm, angenehmer als im ungeheizten Anbau – entscheide ich mich für zwei Brötchen, eine Packung Fleischsalat, eine Liter-Packung ACE-Saft der Geschmacksrichtung Blutorange und ein Edel-Marzipanei mit Ananas, das zum halben Preis gibt, weil das Hasen-und-Eier-Fest ja schon eine Weile zurück liegt.

Erst als ich mit meinen Einkäufen auf dem Sofa sitze, fällt mir ein, dass man zum Verspeisen von Fleischsalat eine Gabel oder wenigstens einen Löffel benötigt. Nochmal den Nachbarn anhauen? Wäre zu peinlich. Am geeignetsten erscheint mir ein uraltes Küchenmesser, das seit Jahren beim Gartenwerkzeug liegt. Genug Wasser zur Reinigung ist ja vorhanden.

Während ich meine geschmacklich und wegen des Messers auch technisch recht schwierige Mahlzeit einnehme, studiere ich die Nährwertangaben auf der Packung und erfahre, dass ich dabei bin, mir eine Portion Fleischsalat mit 1400 Kalorien einzuverleiben. Auf das zweite Brötchen verzichte ich, auf das Ananas-Marzipanei aber nicht, das mich mit seinen 489 Kalorien nahe an die 2000er Marke bringt. Der enorm süße ACE-Saft dürfte mich übere die 2000 gebracht haben, aber ich habe keine Lust zu rechnen, zumal sich draußen etwas Aufregendes tut, es hört nämlich auf zu regnen.

Ich könnte also mit dem Fahrrad die 20 km nach Brühl radeln, dort Mitbewohnerin und Schlüssel treffen, dann das Rad auf die Ladefläche packen und gemeinsam zurück fahren. Natürlich könnte ich statt dessen auch hier warten, aber eine Radtour erscheint mir weniger langweilig.

Horrem, Türnich, Balkhausen, Kierdorf, Köttingen, leichter Gegenwind, tiefe Wolken, aber trocken. In Köttingen kann man eine Abkürzung durch den Wald nehmen, da fährt es sich nicht so gut, weil der Weg sehr nass ist, aber dafür entschädigt der Braunkohlen-Rekultivierungswald, der, seitdem ich vor vielleicht gut 5 Jahren das letzte Mal hier langgeradelt bin, enorm gewachsen ist. Kaum wiederzuerkennen.  Kein Mensch geht bei dem Regenwetter durch den Wald, nur ein Mann mit fünf wild blickenden Huskys. Als ich an einem Teich vorbeikomme, den ich noch nie gesehen habe, wird mir klar, dass nicht der Wald sich so verändert hat, sondern dass ich mich verfahren habe. Zum Glück sind aber die Zeiten von Hänsel und Gretel vorbei, schon deswegen, weil man in diesem Wald nur eine Weile radeln muss, und schon trifft man auf eine der Autobahnen Bundesstraßen. Ich traf auf die B 264, genau die richtige Strasse, leider nicht an der richtigen Stelle. Dafür war jetzt die Orientierung leicht, immer an der B 264 lang Richtung Köln. Leider ein Umweg von ein paar Kilometern. Leider hatte ich das süße Blutorangen-Getränk im Anbau stehen lassen.

Bald treffe ich auf eines dieser Hinweisschilder für Radfahrer, mit denen die Radler nach niederländischem Vorbild zu sog. Knotenpunkten gelotst werden. Richtung Brühl, so wollte es das Hinweisschild, hätte ich wieder in den Wald fahren müssen, was mir zu gefährlich erschien, denn schließlich kannte ich den Radweg längs der B 264 aus meiner Jugend, aus der Zeit, wo ich, um das Fahrgeld für die Bundesbahn zu sparen, manchmal mit dem Rad zum Gymnasium in Brühl geradelt bin.

Alles wohlbekanntes Terrain, ab Brühl-Heide geht es ein paar Kilometer immer bergab nach Brühl-Mitte. Und dort steht, unweit des imposanten Backstein-Gebäudes, das mal das sätdtische Jungen-Gymnasium beherbergt hat, tatsächlich unser Auto und auch die Mitbewohnerin kann ich schon durchs Fenster erspähen, eifrig damit beschäftigt, einem Zeitungsreporter die Feinheiten ihrer an der Wand hängenden Werke zu erklären. Der Schlüssel, mit dem ich mein Rad anschließen will, liegt allerdings auch daheim auf der Treppe.