Archiv der Kategorie: Tagebau

Die Bagger kommen

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In Kerpen-Manheim, dem Ort, der dem Tagebau weichen muss, wird es jetzt ernst. Die ersten Straßenzüge werden abgerissen.Ich will jetzt nicht über die Sache an sich diskutieren, da sind alle Argumente längst ausgetauscht. Die einen befürchten den Untergang von Natur und Klima, die anderen den Untergang von Arbeitsplätzen und sicherer Stromversorgung.

Was mir nur aufgefallen ist, als ich so durch das Dorf ging: Der Abriss verläuft nach einem feststehenden Muster. Zuerst werden alle Gartenbäume und Sträucher gefällt, die Wurzeln rausgezogen und alles, was Holz ist, von einem Unternehmen abtransportiert. Die machen vielleicht Spanplatten draus oder Holzbriketts. Dann werden die Gärten entrümpelt.

Was die Leute mit viel Energie für einen Kram in ihre Gärten geschleppt haben! Gartenhäuser aus Holz oder Stein, immer aber mit einem soliden Betonfundament versehen. Gartenwege nach rechts, links und in jede Ecke, Betonplatten in Zement verlegt, Randsteine natürlich auch. Eine Terrasse am Haus, ein Sitzplatz weiter hinten im Garten, wieder findet man alles, was die Baumärkte so hergeben. Dann eine Trennmauer zum Nachbarn, einen Sandkasten für die Kinder, einen dekorativen Pseudo-Brunnen,einen überdachten Stellplatz für die Mülltonnen, einen Gartenteich mit Betoneinfassung…..

Erst, wenn das alles weg geräumt wird, sieht man, wie groß diese Gärten eigentlich sind, wie viel guter Boden sich unter all dem Zeugs versteckt.

Wenn dann noch die Häuser abgerissen sind und aller mineralischer Schutt dem Recycling zugeführt, dann wird da, wo mal Manheim war, wieder ein Feld sein. Oder eine schöne Wiese, an der sich Kühe und Schafe erfreuen können.

Vielleicht, ging mir durch den Kopf, eine feine Lösung: Der Braunkohletagebau wird eingestellt, der ganze Beton kommt weg und aus dem Betonhaufen Manheim wird eine Wiese.

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Vom Kohleausstieg und vom Seilziehen

Das Dorf ist voller Polizisten und Demonstranten. Kohleausstieg, am liebsten sofort, fordern sie lautstark.

Schaun wir uns mal die Daten an, und zwar für heute, 5. November, 9:00 Uhr, als die Demonstration los ging. Die Daten findet man leicht im Internet auf der Seite von „Agora Energiewende“ – ein Lobbyverein für erneuerbare Energien, also durchaus unverdächtig, falsche Daten zu liefern.

Um 9:00 Uhr wurden bundesweit 53,4 GW verbraucht. Davon lieferte die Sonne 2 GW, Wind offshore 1,6 GW, im Binnenland 8,8 GW, macht zusammen 12,4 GW, dazu noch 2,37 Wasserkraft, dann haben wir mit etwa 15 GW ein wenig mehr als 1/4 des Energieverbrauchs aus erneuerbaren Quellen. Rechnet man noch die gut 5 GW aus Biomasse dazu (deren Produktion nur bei sehr blauäugiger Betrachtung als regenerativ gelten kann), dann sind wir bei gut einem Drittel.

Der Rest ist Kernkraft (10,1 GW), Kohle (31,4 GW) und Gas (10 GW). Kernkraft wird bekanntlich bald entfallen, fällt jetzt auch noch die Kohle weg, dann bleibt eine Produktion von etwa 30 GW, also entsteht eine Lücke von 23 GW.

Das ist, wie gesagt, eine zufällige Momentaufnahme. An anderen Tagen sieht es noch viel schlechter aus, beispielsweise am 3. November um 17:00 Uhr. Weil dann überall in Deutschland die Sonne untergegangen ist,  entfällt die Solarenergie völlig. Wind war zu dem Zeitpunkt auch nicht viel, nur 5 GW; Wasser und Biomasse tragen wie immer gut 5 GW bei, macht zusammen 10 GW. Weil aber nicht Sonntagmorgen ist, sondern Freitagnachmittag, ist der Stromverbrauch viel höher: 72 GW. Die Differenz von gut 60 GW liefern wie immer Kernkraft, Kohle und Gas.

Man sieht an dem Beispiel auch, dass ein weiterer Ausbau der regenerativen Energien nicht viel bringt. Auch wenn die Solarfläche verzehntfacht wird, scheint nach Sonnenuntergang nun mal keine Sonne. Wasserkraft ist in Deutschland kaum ausbaubar, große Staudammprojekte will niemand. Man müsste also die Zahl der Windräder verzehnfachen oder die Anbaufläche für Biomasse verzwanzigfachen. Letzteres wäre nicht zielführend, weil schon jetzt selbst die Experten der NABU dem großflächigen Anbau von Silomais eine vernichtende Umweltbilanz attestieren. Aber selbst eine Verhundertfachung der bestehenden Windräder ändert nichts an der Tatsache, dass manchmal in ganz Deutschland, auch an der Küste, kein Wind weht, der stark genug wäre, um in nennenswertem Umfang Energie zu produzieren.

Der Einwand „irgendwo weht doch immer Wind“ zieht nicht, denn erstens ist oft genug über Deutschland ein Hochgebiet, so dass nirgends Wind ist. Zweitens wächst die Energieausbeute aus einem Windrad nicht linear zur Windgeschwindigkeit, sondern exponentiell, d.h. bei wenig Wind drehen sich die Dinger zwar, liefern aber so gut wie keinen Strom.

Und was ist mit dem Exportüberschuss, von dem die Grünen immer reden? Produziert Deutschland nicht viel zu viel Strom? Auch darüber gibt die Website von Agora Auskunft. Heute morgen um 9:00 Uhr betrug der Export 9 GW – eine Menge Strom, aber weil gleichzeitig 3 GW importiert worden sind, bleibt als Saldo 6 GW. Zur Erinnerung: Gleichzeitig liefern Kernkraft und Kohle über 40 GW Strom. Weil, wie gesagt, an einem Sonntagmorgen wenig Strom verbraucht wird, ist der Saldo relativ hoch, der geht auch schon mal gegen Null, ist andererseits nur ganz selten höher als 10 GW – das könnte also allenfalls die Kernkraftwerke ersetzen, deren Abschaltung schon beschlossen ist.

Stromspeicher könnten die Sache entzerren. Aber es gibt so gut wie keine. Gigantische Pumpspeicherwerke sind große Energievernichter, sehr teuer und politisch kaum durchzusetzen, gerade aus ökologischen Gründen. Batterien haben eine grauenhafte Umweltbilanz.

Die ganze Diskussion um Stromspeicher krankt auch daran, dass die meisten Leute eine völlig falsche Vorstellung haben, wie das mit dem Zurverfügungstellen von Energie geht. Unausrottbar ist die Vorstellung, es gäbe da irgendwo so etwas wie einen riesigen Stromsee, in den die  verschiedenen Produzenten ihren Anteil einspeisen und aus dem dann die Verbraucher ihren Strom abzapfen. Wenn das so wäre, wäre das Problem der Energiespeicherung nicht so brisant. Tatsächlich muss man sich das ganze aber so vorstellen wie beim Seilziehen: Auf der einen Seite ziehen die Verbraucher, auf der anderen die Produzenten. Und wenn die Produzenten nur ein paar Sekunden nicht stark genug ziehen, dann purzeln alle auf den Boden.

Fragt sich also, was passiert, wenn die sauberen Herren von der Solarenergie ihren üblichen Nachtschlaf halten und die Windradmannschaft sich mal wieder ein paar Tage Urlaub gönnt. Dann kommen die Wasserleute und die Maismänner aber ganz schön ins Schwitzen. Ob die, die jetzt da draußen für den sofortigen Kohleausstieg demonstrieren, dann ihren Leuten zur Hilfe kommen werden, indem sie Computer, Kühlschrank und Heizung ausstellen und mit Wäsche bis übermorgen warten?

 

 

Ich habe ein Apfelbäumchen gepflanzt (zum Reformationstag)

Ich habe ein Apfelbäumchen gepflanzt, eigentlich schon einen richtigen Apflbaum, Hochstamm, Sorte „Roter Berlepsch“. Aber das war heute, am Reformationsjubiläumstag, und hat nicht Luther (angeblich) gesagt, er würde noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen?

Vielleicht gehört es sich nicht, am Reformationsjubiläumstag einen Apfelbaum zu pflanzen, aber ich bin ja Katholik und Katholiken kennen sich dabei erstens nicht so richtig aus und zweitens gibt es für unsereins ja gar nichts zu feiern.

Für die Protestanten offenbar auch nicht, denn die evangelische Kirche hier im Ort blieb den ganzen Tag verschlossen, die evangelischen Glocken, die sonst ab und an so laut bimmeln, dass ich aus dem Bett falle, blieben stumm.

Das letzte Mal, dass die örtliche Pfarrerin hat läuten lassen, ist schon 3 Wochen her. Da ging plötzlich am Samstag Vormittag ein mächtiges Gebimmel los. Nanu? Jemand gestorben im Dorf? Doch die Menschen, die sich bald vor der Kirche versammelten, trugen keineswegs Trauerkleidung, sondern Wanderkleidung. Ein Reisebus parkte vor der Kirche, außerdem zwei Feuerwehrwagen.

Neugierig, wie ich nun mal bin, nahm ich den Hund als Tarnung und ging rüber zur evangelischen Kirche. Die Feuerwehrautos waren vielleicht mal Feuerwehrautos gewesen, jetzt dienten sie, wie an einigen Plakaten unschwer zu erkennen, Attac-Aktivisten als Wohnmobil.

Ein kleiner Anschlag am Gemeindezentrum gab Auskunft: Samstag, 9. September, 10:30 „Aktionsgottesdienst mit Pilgerweg in den Hambacher Forst“. Mit Picknick, und wer nicht 6 km gehen will, für den steht der Reisebus bereit. Natürlich ging es nicht um ein Picknick im Wald. „Wir sind überzeugt“, las ich, „dass wir als Christinnen und Christen Verantwortung haben für die Bewahrung der Schöpfung.“

Die Protestanten wollten also protestieren, gegen die Braunkohleverstromung natürlich. Warum auch nicht? Tut ja fast jeder, sogar eine Handvoll von den Leuten, die hier leben, die allermeisten Protestierenden kommen mit der Bahn oder dem Auto von überall her. Aber ich hätte gerne gewusst, weshalb das Demonstieren jetzt „Pilgern“ genannt wird.

Luther, der arme, hätte sich mit Grausen abgewandt. Wissen die heutigen Protestanten das nicht oder ist es ihnen schlicht egal: Luther hat das Pilgern des öfteren als eine „Narretei“ verdammt, und zwar nicht nur irgendwelche Auswüchse, sondern prinzipiell. Und dabei ist seine Abneigung gegen religiös motivierte Wanderungen nicht etwa nur so eine Art persönlicher Tick, wie der eine oder andere Radfahren oder Grillen nicht mag. Pilgern als Frömmigkeitsübung widerspricht einer der drei Säulen des Protestantismus. „Sola Gratia“ – nur die Gnade Gottes gibt den Ausschlag, nicht auch noch so extraordinäre menschliche Bemühungen wie wochenlanges Fasten oder eine Wanderung von Wittenberg nach Jerusalem.

Und ob Luther die Sache mit der „Bewahrung der Schöpfung“ verstanden hätte? Mal abgesehen davon, dass es für ihn da nichts zu bewahren gab, weil er vom baldigen Weltende überzeugt war: Gibt es eigentlich bei denen, die von der „Bewahrung der Schöpfung“ reden, niemand, der sieht, dass das in jeder Beziehung eine Nummer zu hoch gegriffen ist?

Selbst wenn es zu Luthers Zeiten noch den einen oder anderen gab, der dachte, die Erde sei eine Scheibe und der Mittelpunkt des Universums, so wusste doch jeder, der mal nur die erste Seite der Bibel überflogen hatte, dass Gottes Schöpfung etwas mehr umfasst als nur die Erde. „Bewahrung der Erde“ wäre angemessener, freilich auch vermessen, denn selbst wenn der Mensch aus der ganzen Erde einen Braunkohletagebau macht und selbst wenn es 10 Grad wärmer werden sollte, dann wird die Erde immer noch gemütlich ihre Kreise ziehen. Vielleicht mit weniger Menschen, weniger Tierarten und weniger Pflanzen, aber wären dann die Schöpfung oder auch nur das Leben auf der Erde in Gefahr? Nein, man sollte die Sache etwa 20 Nummern tiefer hängen: „Wir wollen, dass die Durchschnittstemperatur auf der Erde so bleibt, wie sie jetzt ist“  – das wäre angemessen, aber natürlich nicht so theologisch-knallig.

Damit es nicht zu lang wird, will ich zwei Fragen nur kurz anreißen. Die erste, theologische, heißt: Woher wissen eigentlich die protestierenden Protestanten, welche Durchschnittstemperatur in Gottes Schöpfungsplan vorgesehen ist? Oder ist der Gedanke an einen solchen Schöpfungsplan, der Luther doch geläufig war, nicht mehr up to date? Und zweitens: Ist es nicht ein wenig egoistisch, wenn man in einer Region wohnt, in der ein angenehmes Klima herrscht, dass man es dann für Gottes Wille hält, dass das so bleibt. Die Schweden oder Lappländer bitten vielleicht Gott jeden Tag, dass er es endlich wärmer werden lassen möge ….