Archiv der Kategorie: Tagebau

Alte Bäume – junge Bäume

Eigentlich bin ich ja kein penibler Mensch. Eigentlich. Also manchmal dann doch. So würde ich gerne genau wissen, wie alt eigentlich die Bäume im sogenannten Hambacher Forst sind.

Der Laubwald mit seinen uralten Bäumen, kann man da lesen. Ein Dendrologe hat sich die Bäume mal angesehen und gemeint, bis zu 300 Jahre alt könnten einige Bäume sein. „Bis zu“ – das Zauberwort, wenn man es nicht so genau weiß, aber trotzdem eine hohe Zahl ins Spiel bringen möchte. Viele Bäume dort sind auf keinen Fall so alt, aber einige schon ganz schön dick und knorrig.

Im Nachbarwald

Nun, zugegeben, so richtig wichtig ist es nicht, wie alt die Bäume sind. Aber es tät mich ja doch mal interessieren. In unserem Garten beispielsweise wächst eine Rotbuche, ein riesiges Ding, jeder denkt, diese Buche hätte schon viele Jahre auf dem Buckel. Hat sie aber nicht. Sie ist zur Geburt eines jungen Mannes gepflanzt worden, der mir im Dorf öfters über den Weg läuft: Der wird dieses Jahr 38 Jahre alt.

Vorige Woche,  als die Fotografin am Tagebaurand fotografieren wollte, habe ich die für den Begleiter regelmäßig aufkommende Langeweile genutzt, um mal die Jahresringe von schon gefällten Bäumen zu zählen.


Ich bin also durch den Matsch gestapft und habe die dicksten Stämme ausgesucht, die ich finden konnte.

Einmal habe ich 148 Jahresringe gezählt, einmal 153. Dann noch zwei ordentliche Tannen: 62 und 64 Jahresringe. Gut, das ist kein Beweis, es können ja ein paar hundert Meter weiter durchaus weit ältere Bäume stehen. Lassen wir also das mit dem Peniblen wieder fallen. Es wäre schließlich auch schade, wenn unsere 38jährige Buche gefällt werden müsste.

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Plünderer unterwegs


Nein, ich will nichts über die Dörfer schreiben, die jetzt Stück für Stück abgerissen werden, sondern über mich.

Es muss Mitte der 80er Jahre gewesen sein, da habe ich an das Haus, in dem wir damals wohnten, einen kleinen Anbau gesetzt. Geld war sehr knapp damals, da sich das kurz zuvor gekaufte Haus als viel renovierungsbedürftiger herausstellte, als das so schien. Der Anbau wurde also mit einfachen Materialien gebaut, das kleine Dach wollte ich mit Dachziegeln decken, die der Dachdecker da ausgebaut hatte, wo die neuen Dachflächenfenster hingekommen waren. Schien eine ganze Menge zu sein.

Die Dachziegel reichen aber nicht. Was tun? Der Baustoffhändler meinte, solche Dachziegel gäbe es nicht mehr, ich sollte doch komplett neue nehmen. Da habe ich zufällig in der Zeitung gelesen, dass das Dorf Etzweiler bald abgerissen würde, ein Geisterdorf hieß es, das bald der Braunkohle zum Opfer fallen würde. Da müssten doch solche alten Dachziegel massenhaft rumliegen, dachte ich.

Es lag aber nichts rum, die Dachziegel waren auf den Dächern der leeren Häuser. Ein paar Dächer waren sogar genau mit dem gleichen Dachziegeltyp gedeckt wie mein Anbau-Dach. Aber wie sollte ich die da runter kriegen?

Ich schlich um das Dorf rum und fand tatsächlich einen Gartenschuppen, der mit den richtigen Ziegeln gedeckt war. Von der niedrigen rückwärtigen Gartenmauer aus konnte man die Dachziegel bequem herunter holen und in den Kofferraum legen. Im Schuppen, konnte ich durch die größer werdende Dachlücke sehen, standen noch Gartenmöbel. Ja so sind die Leute, dachte ich, unmöglich, diese Wegwerfgesellschaft.

Zu Hause zeigte sich, dass die Menge nicht ausreichte. 10 Stück fehlten noch. Also noch einmal nach Etzweiler, noch einmal 10 Dachziegel entfernt. Inzwischen dämmerte es schon stark. Und als ich mit den Dachziegeln im Kofferraum auf die Dorfstrasse eingebogen bin, sah ich, dass in dem Haus, zu dem der Gartenschuppen gehörte, Licht brannte. Mist, da wohnen ja noch Leute! Nichts wie weg….

 

Das sind ja nur Felder

Just in den Wochen, wo im sogenannten Hambacher Forst der Kampf um die diversen Baumhäuser tobte, hat RWE die Tagebaugrenze ein ganzes Stück weit vorgeschoben. Ich bin am Mittwoch da langgeradelt, kein Mensch weit und breit. Auf dem bild, das ich gemacht habe, kann man sehen, wie die neue Grenze mitten durch ein abgeerntes Maisfeld verläuft, im Hintergrund der umstrittene Wald, rechts vor dem Wald das „Wiesencamp“. Da mein Handy mit ziemlich starkem Weitwinkel fotografiert, sehen die Entfernungen weiter aus, als sie sind. Von meinem Standort bis zum „Wiesencamp“ sind es kaum 500 Meter.

Niemand hat sich darüber aufgeregt, dass die Felder zerstört worden sind, obwohl die Wiesencamper die schweren Maschinen doch nicht übersehen konnten.
Ich finde das seltsam. In dem kleinen Waldstück wird um jeden Baum erbittert gekämpft, um die Felder kümmert sich kein Mensch. Auch naturbelassene Wiesenstücke wie dieses:

finden keinerlei Beachtung. Vor nicht allzu langer Zeit ist an der Kiesgrube, die an den sogenannten Hambacher Forst grenzt, ein großes Stück 5 – 10 Meter breiter Hecke gerodet worden. Hat auch niemand interessiert, obwohl solche naturbelassenen Wiesenstücke und wild wuchernde Hecken doch bekanntlich wichtige Flächen für eine Menge von Tierarten sind.

Für die Braunkohlegegner zählt offenbar nur der Wald, den sie infantilisierend „Hambi“ nennen. Gerade in dem Moment, wo ich dies schreibe, findet draußen so eine Art Mischung aus Volksfest und Rockkonzert statt, Großdemo genannt. Die Leute trampeln über die Felder (gerade im Moment ist wieder eine Gruppe quer über das schon für die Herbstbestellung vorbereitete Feld vor meiner Haustür gegangen, um ein wenig abzukürzen), parken auf den Wiesen – wahrscheinlich ohne jedes schlechte Gewissen. Sollen sich nicht so haben, die blöden Bauern. Wenn es wenigstens Bio-Bauern wären, am besten Demeter. Tatsächlich? Eher nicht, denn als in den 90er Jahren der Demeterhof Haus Etzweiler (mitten im wirklichen Hambacher Forst gelegen) der Braunkohle weichen musste und das hübsche Herrenhaus abgerissen wurde, hat – soweit ich mich erinnere – auch niemand protestiert.

Man könnte auf die Idee kommen, für die, die da protestieren, sei der Wald nur ein Vorwand. Der Partei „Die Linke“, die gestern das gesamte Bahnhofsgelände mit ihren Plakaten verziert hat, unterstelle ich das. Aber die überwiegende Mehrheit, scheint mir, kämpft tatsächlich um dieses im Grunde lächerlich kleine Waldstück.

Offenbar spielt da eine seltsame Sakralisierung des Waldes eine Rolle: Wer wagt es, den heiligen Wald anzutasten? Ach, der Waldtick der Romantiker ist bei den Deutschen offenbar genetisch verankert.