Archiv der Kategorie: Unterwegs

Reisen, Ausflüge

Leipzig – Denkanstöße in Halle 14

Und dann gibt es in Leipzig noch die Spinnerei, ein altes Fabrikgelände, in dem allerlei Galerien, Designer etc. sich niedergelassen haben. Mittendrin eine Ausstellungshalle, die Halle 14.

Eine riesige Halle im schicken Kaputt-Stil, die von der aktuellen Ausstellung nicht einmal annäherungsweise gefüllt werden konnte.

Eine Wand in der Halle 14, hat nichts mit der Ausstellung zu tun

Die Ausstellung war nicht uninteressant, aber schon der hochtrabende Titel „Neue urbane Produktion“ hat mich gestört. Gemeint ist: Künstler oder Designer basteln in der Stadt an irgendwelchen Projekten. Wobei eines der Projekte, nämlich die Herstellung von Lampenschirmen mit Solarenergie, nicht in einer Stadt angesiedelt ist, sondern auf dem platten Land im schönen Österreich. Dieses Projekt übrigens zeigt außer der, wie die Austellungsmacher meinen, „Vision einer harmonischen und erfolgreichen Kooperation zwischen Natur und Maschine, Handwerk und Technologie“, dass die Produzenten, wenn sie es ernst meinen mit der im Gleichklang mit der Natur erfolgenden technikarmen Produktion, dann halt tagelang oder während fast der gesamten Wintermonate einfach nichts produzieren können.

Die Installationen, schreiben die Ausstellungsmacher, „werfen Fragen auf über das Miteinander von Arbeit und Leben im 21. Jahrhundert und einen bewussten Umgang mit Zeit, Rohstoffen und Arbeitskraft“. Denkanstöße sozusagen. Aber gehen nicht alle diese Denkanstöße in die Richtung, die wir sowieso jeden Tag hören? Keine Plastiktüten, Produktion aus recycelten Materialien, maßgefertigte Sneaker (als Zeichen gegen globale Ungerechtigkeit!), Möbel aus Abfall, Kacheln aus Bauschutt, …. ach, ist ja alles nicht falsch, aber was ist das anderes als Mainstream? Kunst, die wirkliche Denkanstöße in eine neue, unerwartete Richtung gebt, ist das alles nicht.

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Unterwegs

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Alle Illustrationen von Bruno Bergner (1923 – 1995)

Irgendwas gaukelt dem Menschen immer wieder vor, wie toll es wäre, sein Nest zu verlassen und durch die große weite Welt zu ziehen. Je nachdem, wo man ankommt, mag das Ankommen und der Aufenthalt irgendwo etwas für sich haben, aber das Reisen?

Es fängt an damit, dass man über eine überfüllte Autobahn zum Flughafen fährt, kein Stau, Glück gehabt. Dann schleppt man die Koffer zur Abfertigung, steht sich dort eine Weile die Beine in den Bauch. Anschließend die Prozedur beim Sicherheits-Check, der, schlimm genug, nötig ist. Zur Entspannung darf man anschließend um die 2 Stunden auf einer mäßig bequemen Wartebank Platz nehmen. Dann wieder Schlange stehen, im Gänsemarsch rein ins Flugzeug, wo man auf der Stelle merkt, wie bequem die Wartebank doch war. Und wie viel Platz man da hatte. Gut, aus der Enge kann man sich freikaufen, in den besseren Klassen ist mehr Platz. Viel leiser ist es dort allerdings auch nicht, komisch, dass niemand sich über den Lärm beklagt, gegen den auch Spezial-Kopfhörer nur wenig ausrichten. Um sich Bewegung zu verschaffen, kann man zur Toilette gehen, falls das Flugzeug nicht gerade eine Rüttelphase durchmacht. Dort ist es nicht besonders sauber, dafür aber besonders eng. Als Ausgleich bekommt man dann solche Leckereien wie ein Sandwich mit Kochschinken und Käse. Man kann sich ja nicht viel bewegen während des Fluges, verbraucht also auch nicht viele Kalorien, denken die Herren der Bordverpflegung offenbar. Bei längeren Flügen darf man sich nun einen Film ansehen, den man noch nie sehen wollte.

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Nach der Landung steht man sich wieder die Beine in den Bauch, bis endlich das Gepäck kommt. Dann kann man entweder ein Taxi nehmen und hoffen, dass der Fahrer einen nicht allzu übers Ohr haut, oder man versucht, sich in die Eigenheiten des örtlichen Nahverkehrs einzuarbeiten. In Madrid ging das so: Mit dem Shuttle-Bus (gerade noch so einen Stehplatz bekommen) zur Metro-Endstation, die allerdings wegen Bauarbeiten geschlossen war. Kurzer Fußweg mit Gepäck zur Bahnstation. Mit der Vorort-Bahn zu einer Station, von der aus man (nach einem kurzen Fußweg …)  in eine Metro umsteigen kann. Überall Security, in Madrid hat es ja einen schweren Anschlag gegeben. 13 Stationen mit der Linie X, umsteigen, es stinkt, Krach, alles voller Leute, die auch keine Lust haben, hier unten rumzukurven, noch 5 Stationen mit der Linie Y, noch ein kurzer Fußweg mit Gepäck und schon sind wir beim Hotel.

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Keine Ahnung, ob es Leute gibt, die Spaß dran haben, in so einem Stadt-Hotel zu übernachten. In meinem Bett liegend dachte ich nur: Wenn das 3 Sterne-Komfort ist, was haben wir dann daheim? 6 Sterne? Warum die Hotelleitung jedem ein kleines Fläschchen Mineralwasser spendiert, wird einem spätestens klar, wenn man feststellt, das man sich mit dem stinkenden Leitungswasser nicht mal die Zähne putzen kann. Zur Unterhaltung gibt es ein TV-Gerät, der Nachbar hat auch eines, kann man nicht überhören.

Muss man einfach nur mehr Geld auf den Tisch legen, um das Reisen genießen zu können? Vielleicht. Aber ich kenne drei Leute, die viel unterwegs sind, beruflich. Die selbstverständlich mit dem Taxi fahren, selbstverständlich Business-Class fliegen, mit ihrer XY-Vielflieger-Karte in speziellen VIP-Räumen warten, nie unter 4 Sternen übernachten und so fort. Dem einen hat seine Frau zum Hochzeitstag eine wunderschöne (und nicht eben billige) Reise nach Madeira geschenkt. Das war gut gemeint, hat aber zu einem größeren Ehekrach geführt: „Flugzeug, Hotel, Essen gehen, so ein Mist – ich brauche Urlaub, verstehst Du?“

 

Baeza – Weltkulturerbe

 

3Etwas länger als eine Woche war ich als Fulltime-Kindermädchen in Baeza. Flug, Bahn und Bus zahlte der Arbeitgeber, freie Kost und Logis – na ja, wie das eben so ist bei Kindermädchen. Sie bekommen die kleinste Kammer und müssen sich die freie Kost erst selbst einkaufen und dann selbst kochen. War ja keine Haushälterin da.

So kam ich nach Baeza.

Baeza? Wo ist das denn?

Baeza in Andalusien!! Nie gehört.

Weltkulturerbe!!! Eine Bildungslücke, offenbar.

Da habe ich mir also, soweit das mit Kinderwagen oder mit Kind auf dem Arm ging, das Weltkulturerbe angesehen. Kind wollte lieber auf dem Spielplatz bleiben, aber wenigstens die Brunnen fand es sehr interessant. Nachher mussten dann allerdings  Hemd, Pullover und Jacke gewechselt werden.

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Zum Weltkulturerbe gehört Baeza, so erfuhr ich, wegen seines bedeutenden Ensembels an Renaissance-Bauten. War aber nicht viel zu sehen an Renaissance, vielleicht, weil ich mehr darauf achten musste, dass die liebe Kleine nicht die Schokolade vom dem Schokokeks, den ich ihr zur Ruhigstellung gegeben hatte, überall hinschmiert.

Aber auch ganz ohne Ablenkung durch meinen Dienst: die ganze Sache mit dem Weltkulturerbe kam mir mehr und mehr seltsam vor. Viel erhalten aus der Zeit der Renaissance ist dort nicht. Schon deshalb nicht, weil der überall verwendete Sandstein sehr weich ist und leicht verwittert. Was man sieht, sind also entweder Rekonstruktionen des 19. Jahrhunderts, der Franco-Zeit oder der letzten Jahre.

Die historische Altstadt von Baeza ist zwar ganz hübsch und es finden sich tatsächlich einige Bauten darin, die aus der Renaissance stammen, zumindest im Kern oder wenigstens die Fassade. Sie hat aber die gleichen Probleme wie viele Altstädte: Niemand will hier wohnen. Etwa ein Drittel der Häuser steht zum Verkauf, die Hälfte offenbar leer. Oft befindet sich nur unten ein Geschäft oder ein Restaurant, der Rest steht leer. Was will man auch hier? Außer dem Anbau von Oliven kann man sich nur noch damit beschäftigen, Touristen abzuzocken. Eine Außenstelle der Universität hat man noch in einem dieser Renaissance-Gebäude, die fein restauriert worden sind, die aber niemand braucht, eingerichtet und eine Akademie für den Polizeinachwuchs.

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Mir kam der Verdacht, dass die ganze Sache mit dem Weltkulturerbe einem geschickten Bürgermeister o. ä. zu verdanken ist. Keine Ahnung, wie man in Spanien den Status erreicht, Korruption ist hier schließlich nicht so etwas ganz besonderes.

Und nun kommen selbst im Februar Busse mit Touristen, denen es am Meer zu langweilig ist, in shochgelegene und kalte Baeza, um sich die Renaissance anzusehen. Komische ist nur, dass mein Baedeker, der unbestechliche Baedeker, so gar nichts von einem bedeutenden Renaissance-Ensemble zu berichten weiß. Drei Zeilen widmet er der Stadt Baeza. Kein Stern, keine Empfehlung, nichts. Am wichtigsten scheint meinem Baedeker, der aus dem Jahr 1976 stammt, der gotische Dom.  Daraus ist inzwischen eine „Kathedrale im Stil der Renaissance“ (Wikipedia) geworden. Ein Wunder.